Marianne Wasserburger

Marianne Wasserburger

Die Buchhändlerin Marianne Wasserburger ist am 20. Juli nach schwerer Krankheit im Alter von 65 Jahren in Baden-Baden gestorben. Sie war Gründerin und Inhaberin von Mäx und Moritz – der Buchladen für Junge in Baden-Baden.

Nach 32 Jahren hatte sie angesichts ihrer fortgeschrittenen Krankheit eine der besten Kinderbuchhandlungen des Landes an den Baden-Badener Kollegen Josua Straß verkauft, der die Buchhandlung unter der Leitung der bisherigen Mitarbeiterin Tanja Eger in ihrem Sinne weiterführen wird. Marianne Wasserburger ist vielfach ausgezeichnet worden, u. a. 2004, 2008 und 2009 mit dem avj-Kinderbuchhandlungspreis. 2010 hat sie das Bundesverdienstkreuz für ihre Erfolge bei der Leseförderung erhalten.
Warum fährt man nach Baden-Baden, wenn man nicht zum alten oder neuen russischen Adel gehört? Man hat einen Termin beim SWR, man will eine Ausstellung im Museum Frieder Burda sehen, man hat wieder mal keine Einladung in Brenners Parkhotel – lauter sehens- und ehrenwerte Anlässe. Aber alle, die ein professionelles Interesse, ein begeisterungsfähiges Herz und ein praktisches Händchen für das Kinder- und Jugendbuch haben, besuchen Baden-Baden wegen Mäx und Moritz. Ja, mitten in Baden-Baden steht eine Art Leuchtturm, der seit über 32 Jahren sein Suchlicht nach den guten Büchern aussendet. Und zugleich bietet er jungen Lesern und denjenigen Orientierung, die für das Wecken der Leselust bei ihnen Verantwortung tragen, um nicht in den seichten Gewässern der Langweiligkeit zu stranden.
Marianne Wasserburger hatte Maßstäbe, hat aber niemandem ihre eigenen Werte vorgeschrieben. Denn auch beim jungen Lesepublikum gilt der Ur-Gegensatz der Bücherwelt – zwischen den Büchern, die sie lesen sollen und denjenigen, die sie lesen wollen. Sie konnte Sätze sagen wie »Beim Lesen schwappt einem das Meer zwischen die Buchseiten – und man fängt bei aller Spannung an nachzudenken.« Was viele Büchermacher und Buchhändler quält und allzu oft verleitet, sich an vermeintliche Präferenzen anzupassen, war für Marianne Wasserburger die gern angenommene Herausforderung schlechthin. Ihr Tatendrang kannte kaum Grenzen: Lesenächte, Lesen macht Schule, Abende für Eltern von Kindergarten- und Grundschulkindern, Erzieherseminare – das alles und mehr umgab den Buchhandelsbetrieb.
Man konnte Marianne Wasserburger immer fragen. Am Telefon, vor allem aber im persönlichen Gespräch. Dann hatte sie so einen leuchtenden Blick. Darin steckte ungeheuer viel:
1. Ich hab Ihnen zugehört.
2. Ich hab verstanden, was Ihr Anliegen ist.
3. Ich respektiere Ihre Absicht.
4. Ich teile Ihre Ansicht, auch wenn sie mir ein wenig zu idealistisch erscheint.
5. Ich freue mich, wenn in Verlagen nachgedacht und nachgefragt wird, bevor man weltfremde Entscheidungen trifft.
6. Ich habe zwar schon mal negative Erfahrungen mit einem ähnlichen Projekt gemacht, aber ich kann ja auch etwas falsch gemacht haben, und deshalb sehe ich für Ihr Projekt durchaus eine Chance.
7. Wenn Ihr das so und so macht, bestelle ich beim Vertreterbesuch 7 Exemplare von dem Buch.
8. Ob Ihr damit bei vielen meiner Kollegen auf ebenso viel Interesse stoßt, bezweifle ich.
9. Ich weiß schon, wem ich das Buch verkaufe und wen ich fragen muss, ob er es in größerem Umfang einsetzen wird.
10. Und jetzt erkläre ich Ihnen noch, was Sie an diesem Projekt verbessern könnten.
Du hast in Bruchteilen von Sekunden gelernt, worauf Du in stundenlangem Nachdenken nicht gekommen wärst.
Es ist kein Schreibfehler, dass ihre Buchhandlung »Mäx und Moritz« heißt. »Max und Moritz« wäre doch auch schon ganz witzig, kindgerecht, wie mancher es nennen würde. Nein, so einfach hat Marianne Wasserburger nicht gedacht. Wenn ich ihr dereinst in den ewigen Bücherjagdgründen begegne, werde ich sie mit Märianne Wasserburger ansprechen, und wir werden uns an unsere Gespräche in Bäden-Baden erinnern. Und dann kommt wahrscheinlich Wilhelm Busch um die Ecke und deklamiert augenzwinkernd sein Gedicht »Individualität«:
»Daß das so ist, das tut mir leid
Mein Individuum
Hat aber mal die Eigenheit,
Drum denk´ ich mir: Dideldum!«
Ulrich Störiko-Blume

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