Hamid Skif

Hamid Skif

Am 18. März 2011 ist der algerische Autor Hamid Skif nach schwerer Krankheit gestorben. Er wäre heute 60 Jahre alt geworden. Dies teilte uns sein Verlag Edition Nautilus heute in einer Presseerklärung mit.

Hamid Skif, 1951 in Oran (Algerien) geboren, lebte seit 1996 in Hamburg. Sein Roman “Sehr geehrter Herr Präsident” (Edition Köln) wurde von der Stadt Heidelberg mit dem “Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil” ausgezeichnet. 2007 erschien bei Edition Nautilus sein Roman “Geografie der Angst”.
Gert Heidenreich über Hamid Skif in einer Laudatio (2005):
“Hamid Skif: Ein unmöglicher Typ bin ich, Veteran eines vergessenen Krieges… Dieser Krieg hat mein Gedächtnis in Mondstein verwandelt, meine Haut durchsiebt und meinen Blick getrübt… Immer spreche ich über das, was nicht da ist.
Der so von sich erzählt, in einem Gedicht mit dem Titel En guise d’alerte, als müsse er vor sich warnen, ist eigentlich ein Mann mit sehr gutem Gedächtnis, klarem Blick und empfindlicher Haut. Und doch oder darum weiß er, wie das Exil ihn verändert. Er hält stand. Er vergisst nicht die ermordeten Freunde, ihre Namen werden zu Zeilen seiner Dichtung, ihre Stimmen verliert er nicht, in ihm haben die Getöteten ihr sprechendes Epitaph.
Hamid Skif, am 21. März 1951 als Mohamed Benmebkhout in Oran geboren, hat seine algerische Heimat verlassen müssen, um sein Leben zu retten. Ursprünglich war es nicht sein Erzählen, nicht seine Poesie, die ihn gefährdeten. Hamid Skif arbeitet zunächst als Journalist, schreibt über die Folter in algerischen Gefängnissen, gerät Anfang der Siebziger Jahre selbst in Haft, setzt, freigelassen, seine Arbeit in dem Sinne fort, in dem er Journalismus versteht: eine unvoreingenommene, unzensierte und für Menschenrechte engagierte, kritische Berichterstattung. Fünfzehn Jahre schreibt er für eine Presseagentur, gründet dann eine eigene Wochenzeitung, Perspectives, verantwortet als Generalsekretär die Tätigkeit der Vereinigung der Journalisten in Algerien und beobachtet den Stand der Meinungsfreiheit für die Liga der Journalisten des Maghreb ein Leben mit Reisen, Konferenzen, ein publizistisches Werk aus Reportagen, Essays, Meldungen. Aber dies ist nur die eine Seite von Hamid Skif: der politisch engagierte Intellektuelle. Die andere Seite hat nie die arabischen Märchen vergessen, die ihm seine Mutter erzählte, nie die tiefen Eindrücke der Natur, die Wüstenbilder, die Hoffnungen seiner Jugend. Gedichte entstehen, finden Eingang in Anthologien. Ein verletzlicher, poetischer Geist gerät da in Konfikt mit dem kämpferischen, analytischen; und Skif entscheidet sich lange Jahre für die äußere Wahrheit. Sie ist es, die ihm Mordanschläge einträgt, seine Frau und die vier Kinder in Lebensgefahr bringt. Es ist der Journalist Hamid Skif, der aus Algerien fliehen muss, als Fundamentalisten Bombenanschläge auf sein Haus und seine Redaktion verüben. Mit Freundeshilfe kann er sich und seine Familie nach Hamburg retten. Das war 1997.
Im selben Jahr erscheint sein Gedichtband Pocmes de l’adieu. In den lyrischen Signaturen des Abschieds verbindet sich der politische Blick mit dem poetischen; es ist nicht mehr der Journalist, der anklagt; es ist der Dichter Hamid Skif, der seinen Reichtum an Bildern und Träumen nicht länger dem Maßstab der Wirklichkeit unterwirft. Vielleicht taucht hier die gesellschaftliche Realität schärfer, genauer auf als in Reportagen – ich kann darüber nicht urteilen, da ich die journalistischen Arbeiten von Hamid Skif nicht kenne. Ich kenne seine Poesie und seine Prosa: Citrouille felée, 1998, eine Sammlung von Geschichten, deren Titel man, wie oft bei Hamid Skif, nicht zu wörtlich nehmen darf; statt an einen “gerissenen Kürbis” sollten wir wohl eher an “einen Sprung in der Schüssel” denken. Der Autor schlüpft in die Haut mehrerer Personen, nimmt ihre Weltsicht an, die Einsamkeit des Idioten, des Eremiten, des Staatschefs. Eine Figuren-Anthologie, die sich von ländlichen in städtische Räume ausdehnt und schließlich im Bild Algeriens ein Welttheater vorführt.
Ein Jahr darauf erscheint La Princesse et Le Clown, ein Roman, in dem die surreale Phantasie, die kafkaeske Weltsicht von Skif und sein absurder Witz sich ganz entfalten. Er versteckt sich hier hinter einem anderen, von ihm erfundenen Autor, dessen Manuskript er zitiert; darin sind eine Wüstenprinzessin, ein clownesker Akrobat und ein Tango-tanzendes Pony von einem despotischen Theologen bedroht: dem Wahnsinnigen, der Liebe, Fantasie und Zauber mit Gesetzen der Unterdrückung vernichten will, muss das circensische Trio standhalten. Zweifellos ist all dies ein poetisches Bild für den politischen Konflikt zwischen Freiheit und Unterdrückung. Der Dichter Hamid Skif hat den Beobachter der Realität in sich nicht verloren, er hat freilich die Sprache verwandelt, die Weise, in der er uns mit dem Alptraum des Terrors konfrontiert.
Als ich Hamid Skif vor zwei Jahren kennenlernte, fand ich in ihm einen sehr weltgewandten Poeten, der ganz in seiner Zeit lebt und sich ihr dennoch entträumen kann. Sein Idiom musste er nicht verlassen: von Anbeginn hat er französisch geschrieben – aber es ist der arabische Klang seiner Poesie, der sie als Literatur des Maghreb erkennbar macht. Es ist der stets von Heiserkeit bedeckte Ton, der Irrwitz orientalischer Fantasie, der weite Blick, in dem immer etwas von Blendung und Wüste ist: ihrer Schönheit – und ihrer Bedeutung als Verwüstung. So scheint mir Hamid Skif – obschon ein Zeitgenosse, der Internet-Publikation nutzt und sich in der digitalen Kommunikation perfekt auskennt – ein Autor zu sein, für den Virtualität noch immer gleichbedeutend mit Traum ist: ein Dichter, aus seinem Land verstoßen, aber, wie Heine sang, “mit der Zukunft Krondiamanten” im Kopf bei uns angekommen. Ein Flüchtling, der uns bereichert.”

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