Volker Oppmann – der Kindle kommt: Wird jetzt im deutschen E-Book-Markt alles anders?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an textunes-Geschäftsführer Volker Oppmann.

Volker Oppmann gründete 2007 den Berliner Avantgarde-Verlag Onkel & Onkel. Als einer der ersten Verleger erkannte er das Potenzial des mobilen Lesens in der Apple-Sphäre und gründete 2008 textunes einerseits als E-Publishing-Dienstleister für die Aufbereitung von Verlagsinhalten für Apple-Lesegeräte, andererseits als Buchhandelsplattform für iPhone, iPod touch und später iPad.

Auf amazon.de sind leere Hilfeseiten für spätere Kindle-Besitzer zu besichtigen – was ist dran an den Gerüchten, mit dem Kindle gehe es jetzt auch in Deutschland los?

Volker Oppmann

Volker Oppmann: Ich habe verschiedene auch internationale Blogs konsultiert – sie berichten einhellig in dieser Richtung. Die Kreise, die die Gerüchte gezogen haben, verdichten die Hinweise, dass es in Deutschland tatsächlich bald losgeht.

Man fühlt sich an die CeBIT und Apples Steve Jobs erinnert – während das Branchenparlament sich und libreka! feiert, werden in den USA die eigentlichen News gemacht.

Volker Oppmann: (lacht) Das kann man fast so unterschreiben. Während wir in Deutschland debattieren, schaffen die Amerikaner Fakten, an denen nicht mehr vorbeizukommen ist.

In den USA haben die Kindle Editions dreieinhalb Jahre nach ihrem Start 60 % an einem boomenden E-Book-Markt mit einem Gesamtumsatz von umgerechnet über 300 Mio. Euro – ist es da nicht Essig damit, dass libreka! ab 2012 die Börsenvereinsmitglieder kein Geld mehr kostet?

Volker Oppmann: Das ist schwer zu beantworten. Ich persönlich glaube nicht an libreka!, ich glaube aber auch nur bedingt an die üblicherweise genannten Anbieter. Dagegen sehe ich große Zukunftschancen für neue Player.

Sie reden von Playern, die noch keiner so recht im Visier hat?

Volker Oppmann: Wen viele nicht auf dem Schirm haben, das ist z.B. Kobo. Aber ich rechne mir natürlich Chancen auch für textunes aus, sonst wären wir nicht in diesem Markt. Die sozialen Komponenten dieser Shops wurden noch gar nicht begriffen. Es geht nicht nur um Kaufangebote zu guten Preisen und leichte Bedienbarkeit, sondern die Kunden erwarten mehr und mehr die Verschmelzung von Transaktion, Konsum und Austausch mit anderen Verbrauchern über die gelesenen Inhalte.

Das geht im Social Commerce besser als im klassischen E-Commerce? Da gibt es ja auch Foren und Kundenkommentare.

Volker Oppmann: Da spielen verschiedene Faktoren mit hinein. Die letzten zehn Jahre waren die Hochzeit des Online-Handels. Seine Erfolgsbasis waren möglichst leistungsfähige technische Systeme, gute Preise und hocheffizientes Performance Marketing. In diesem Jahrzehnt wird der Handel mit Inhalten sich in den mobilen App-Bereich verschieben. Shops werden nicht mehr im Internet liegen. Shop, Reader und Interaktion werden eins sein.

Man hat nicht den Eindruck, dass die bestehenden Social-Media-Angebote von Handel und Verlagen besonders heiß begehrt sind.

Volker Oppmann: Momentan gibt es noch keine Angebote im Social Web, die aus der Sicht von Buchlesern wirklich befriedigen. Facebookseiten von Buchhandlungen sind nett, bieten aber keinen hinreichenden Mehrwert. Erste Versuche von Lese-Communities wie Lovelybooks mit Facebook Connect beobachten wir genau. Da wird und muss in den nächsten Jahren viel, viel mehr passieren.

Wie zum Beispiel bei Kobo…

Volker Oppmann: Kobo ist für uns ein großes Vorbild, weil es die erste Social Reading App ist. Man erfährt als Nutzer etwas über sein eigenes Leseverhalten, kann sich aber auch mit seinen Freunden online über das Gelesene austauschen.

Unbedingt ansehen?

Volker Oppmann: Definitiv!

Die Branche hat sich über die Jahre mit der überwältigenden Macht von Amazon arrangiert und auf andere Giganten eingeschossen – wird Amazon jetzt wieder zum bösen Buben?

Volker Oppmann: (lacht) Wer den Schwarzen Peter hat, wechselt ja von Zeit zu Zeit. Aber es sollte uns eigentlich egal sein, wer ihn gerade hat. Amazon, Apple, Google haben durch ihre schiere Größe eine unübersehbare Macht, gegen die kein Branchenparlament auch nur im Geringsten anstinken kann. Andererseits bietet gerade das Web die Möglichkeit, kreative Ideen groß zu machen. Zum Beispiel Facebook: als es vor sieben Jahren gegründet wurde, war es völlig untypisch für soziale Netzwerke und Marktführer war MySpace – aber für die Studentengeneration war Facebook ideal, da es nicht auf Dating aus war, sondern die Aufrechterhaltung von bestehenden Beziehungen ermöglichte. Unglücklicherweise werden die Player in der deutschen Buchbranche noch durch Branchen- und Konzernrücksichten gehindert, ihre volle Kreativität zu entfalten.

Gerät Google durch den Amazon-Markteintritt nicht unter massiven Zugzwang, schnellstens auch in Deutschland zu starten?

Volker Oppmann: Den Amerikanern ist Deutschland weitgehend egal, dazu spielen wir eine zu geringe Rolle im globalen Maßstab. Ich glaube nicht, dass die strategischen Überlegungen der amerikanischen Giganten sich auf Deutschland fokussieren – der deutsche Markt ist „nice to have“.

Wo bleibt in diesem Spiel Apple?

Volker Oppmann: Apple ist globaler Platzhirsch im Markt der Tablet-PCs und -Apps, nur in den USA hat Amazon beim elektronischen Lesen die Nase vorn. Google und Amazon müssen schauen, dass sie weltweit dranbleiben.

Welche langfristigen Chancen rechnen Sie sich für die textunes-App neben iBooks und iTunes aus?

Volker Oppmann: Sehr große. Ich bin optimistisch – textunes möchte auf Augenhöhe mit Apple gelangen. In Deutschland haben wir durch unser reichhaltiges Programm sowie insbesondere unsere gesamte Aufstellung eine sehr gute Ausgangsbasis. Unser Geschäftsmodell ist mal wieder im Umbruch: Wir werden die E-Publishing-Dienstleistung aufgeben und in Richtung einer reinen Distributionsplattform gehen und auf weitere Betriebssystem-Plattformen expandieren, wie etwa aktuell auf Android.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.