Thomas Schierack – was bringt es Lesern, wenn E-Books losgehen wie Kinofilme?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Lübbe-Geschäftsführer Thomas Schierack.

Thomas Schierack, geboren 1958 in Bonn, studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Bonn und war fast 20 Jahre als Rechtsanwalt tätig. Als Partner überregionaler Sozietäten beriet er insbesondere Mittelstandsunternehmen in gesellschafts- und steuerrechtlichen Fragen. Anfang 2008 trat er in die Geschäftsführung von Bastei Lübbe ein und ist dort für den kaufmännischen Bereich und den Bereich Bastei Entertainment (E-Book-Bereich) zuständig.

Thomas Schierack – wer wissen möchte, was ein „ein Enhanced E-Book“ ist, muss zu Lübbe gehen, verkünden Ihre „Evangelisten“ unermüdlich auf Branchen-Konferenzen. Was macht Sie so sicher, dass das ein Massenmarkt ist?

Thomas Schierack: Wir glauben einfach, dass die von uns entwickelte neue, multimediale Form des Lesens das Leseverhalten ändert. Was wir machen, geht übrigens über „Enhanced E-Books“…

… multimedial angereicherte digitale Ausgaben gedruckter Romane…

Thomas Schierack: … weit hinaus. Wir haben dafür das Etikett „digital first“. Diese Werke oder Serien erscheinen zunächst ausschließlich digital, es gibt dazu keine parallele Print-Publikation. Dafür können Sie sie multimedial auf Smartphones, Tablets oder am PC lesen. Wir nutzen die sowieso vorhandene moderne digitale Hardware und erschließen mit unseren Inhalten dadurch neue Leser. Man sollte die technischen Möglichkeiten nutzen, die die Lesegeräte bieten. Früher fuhren die Leute mit der Pferdekutsche, dann erfand man das Auto, und natürlich hat man vor das Auto keine Pferde gespannt, sondern die moderne Antriebstechnik genutzt.

Bei Ihren spektakulär aufgemachten E-Book-Serien wie „Apocalypsis “ orgelt, kracht und blitzt es zuweilen gewaltig – eine ungewöhnliche Geräuschkulisse für die im Allgemeinen stille Klientel der Leser. Gibt der Verbraucher Ihnen Recht, dass das das richtige Rezept ist?

Thomas Schierack: Das werden wir sehen. Bisher war der Verkauf sehr gut. Aber wir stehen noch am Anfang, wir betreten Neuland. Dieses Jahr werden wir mit ähnlichem Aufwand weitere zwei vergleichbare Serien starten.

Verraten Sie Absatzzahlen?

Thomas Schierack: Das machen wir ungern. Verkaufszahlen sind zeitnah schwer zu bekommen. Durch den kostenlosen Starter bekommen wir hohe Abrufzahlen im sechsstelligen Bereich. Von diesen Abrufern kaufen ca. 10 % wenigstens eine Fortsetzung. Diese Zahlen müssen Sie sich mühsam auf jeder Handelsplattform zusammensuchen. Das ist einer der Gründe, warum wir unseren digitalen Auslieferer aufgeben und zu einem anderen wechseln, der in der Musikbranche bekannt ist. Für die Musiklabels gibt es dort ein sehr gutes Reporting, das wir dann auch bekommen.

Begeisterte Leser lieben ihr Hobby, weil es ihnen ermöglicht, in eine Geschichte komplett einzutauchen. Die multimediale Aufbereitung könnte diesem Eintauchen auch im Weg stehen. Was sind Ihre Erfahrungen? Haben Sie Marktforschung betrieben?

Thomas Schierack: Marktforschung im üblichen Sinn mit einem externen Institut betreiben wir nicht. Wir halten dieses Problem auch für unkritisch. Bei uns kann jeder Leser, wenn er sich mit dem Highend-Produkt – das meist als App realisiert ist – nicht wohl fühlt, auf die Audio-Version, die Read-only-Version oder die Read-and-Listen-Version, die das Umschalten von Lesen auf Hören ermöglicht, zurückziehen.

Wenn ihn Multimedia nervt, kann er also umschalten?

Thomas Schierack: Ja, so ist es.

Wie behaupten Ihre Produkte sich im gnadenlosen Kampf um die Aufmerksamkeit des Kunden in den App-Stores?

Thomas Schierack: Im App Store ist es tatsächlich besonders schwierig. Daher konzentrieren wir uns in der Apple-Welt auf den iBook Store. Kostenlose Starter oder befristete Gratisangebote sind dennoch unerlässlich, um eine Serie in Gang zu bringen. Außerhalb der Plattformen werben wir natürlich im Social Web. Wir lernen noch eine Menge. Das Schöne an diesem Geschäft ist: man bekommt sofort Ergebnisse und kann den Erfolg von Promotion und Werbung klar zuordnen – anders als im Print-Geschäft.

Die Programmierung des Web-Frontends lässt in puncto Anwenderfreundlichkeit etwas zu wünschen übrig, z.B. bei der User-Registrierung – haben da die Mittel nicht gereicht?

Thomas Schierack: Die Mittel reichen, keine Sorge. Natürlich werden auch mal Fehler gemacht. Die Produktion der Lese-Apps speziell wird dadurch erschwert, dass die internationalen Player immer wieder Software-Updates aufspielen oder auch ihre Geschäftspolitik ändern. Man muss an den Produkten ständig nachbessern. Und je aufwändiger eine Produktion, desto höher der Nachbesserungs-Aufwand.

Hat jemals eines Ihrer Projekte seine Produktionskosten eingespielt – von den Personalkosten einmal abgesehen?

Thomas Schierack: Ja. Wir haben drei „digital first“-Serien auf dem Markt, die alle ihre Produktionskosten eingespielt haben. Das ist auch unsere Vorgabe.

Nun lebt ja ein Verlag nicht davon, dass ihm dreimal, fünfmal oder zehnmal ein Projekt glückt, sondern davon, dass er mit relativer Mühelosigkeit im Rahmen seines Standardprozesses Hunderte von Projekten stemmt, die Erlöse in die Kasse bringen. Ist das Konzept „digital first“ mit seinen multimedialen Funktionalitäten überhaupt beliebig multiplizierbar?

Thomas Schierack: Das werden wir sehen. Unser Team für das digitale Publishing bearbeitet zwei Bereiche. Das ist zum einen „digital first“ mit seinen verschiedenen Publikationsformen. Was die Stoffe angeht, sind wir da ganz nahe an der Grundsubstanz unseres Hauses, den teilweise seit Jahrzehnten enorm bekannten Serien. Wenn es uns gelingt, im Jahr 2-4 digitale Serien mit wöchentlicher Erscheinung am Markt durchzusetzen, sind wir zufrieden. Aber natürlich brauchen wir auch den Bereich der EPUBs, sonst würde sich das digitale Geschäft nicht tragen.

Sie haben vor drei Jahren öffentlich darüber nachgedacht, „Bastei Entertainment“ als eigene Firma auszugründen. Was ist daraus geworden?

Thomas Schierack: Statt der eigenen Company haben wir eine Abteilung mit einem Workflow von komplett eigenem Gepräge daraus gemacht. Das war uns wichtig, denn wir haben erkannt, dass in diesem Markt eigene Regeln gelten. So ist ein „Verlag im Verlag“ mit zur Zeit elf Mitarbeitern daraus geworden. Wir stellen fast jeden Monat einen neuen Mitarbeiter ein und werden voraussichtlich zum Jahresende 15 Mitarbeiter haben.

Da drehen Sie ein großes Rad – wann soll sich das jemals rechnen?

Thomas Schierack: Gerade dieses Jahr hat sich der Bereich dramatisch nach oben entwickelt. In 2012 haben wir voraussehbar schon einen Umsatzanteil von über 10 %. Durch geplante neue Lesegeräte…

… den Kindle Fire und das Google Tablet…

Thomas Schierack: … werden wir vermutlich unsere Prognosen deutlich übertreffen. Der beste Tag, den wir bisher hatten, war der 25. Dezember 2011, als die Leute ihre nagelneuen Devices ausprobierten. Unsere guten Zahlen verdanken wir nicht zuletzt den fremdsprachigen Auslandsmärkten, die wir konsequent mit unseren Substanzen bedienen. Das geht natürlich nicht bei Stoffen, die wir auf Auslandsmärkten einkaufen, sondern nur mit eigenen Entwicklungen, bei denen wir alle Rechte halten. Es gibt nach unserer Kenntnis kaum einen deutschen Verlag, bei dem das so gut funktioniert.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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