"Es ist Messe, Buchmesse, Weltmittelpunkt, in Herbstnebel verpackt" Statt „Umgeblättert“ als Buchmesse-Reminiszenz Kapitel 1 aus Eva Demskis „Geistermesse“

Da wir jetzt ein paar Tage nur mit halber Besetzung wohl nicht immer ganz aktuell „auf  Sendung“ sind: Hier als Lesefutter und zugleich   kleine Buchmesse-Reminiszenz das erste Kapitel von Eva Demskis neuem Buch Den Koffer trag ich selber (Insel) unter dem Titel „Geistermesse“. Viel Vergnügen!

 

Offenbar sind in diesem Jahr die Rolltreppen und Transportbänder auf der Buchmesse schneller gestellt worden. Jedenfalls haben mein rechter Fuß beim Draufsteigen und mein linker beim Runtergehen eine Schrecksekunde. Ich halte mich am Handlauf fest und schaue auf die vielen jungen Menschen, die die Gegenfahrbahn des Laufbandes entlangrennen, Langsame überholen und einander zurufen, während ihre Füße mühelos auf Highheels und ihre Laptoptaschen auf Stapeln von Prospekten balancieren. Ich bin langsam.

Zwei Jahre zuvor hatte ich am Eingang einen kleinen, alten Literaturnobelpreisträger bedauert, der sich umsah und sich zu wundern schien, daß niemand ihn beachtete. Sein schwarzgefärbtes Haar und sein Schnauzbart leuchteten, und er trug immer noch sandbraune Cordhosen, wie vor mehr als dreißig Jahren.

Nein, es sind schon bald vierzig Jahre, denke ich, und daß der Arme jetzt nie mehr nach Bewunderung Ausschau halten kann.

Es ist Messe, Buchmesse, Weltmittelpunkt, in Herbstnebel verpackt. Ich komme seit mehr als einem halben Jahrhundert hierher und habe fast alle Rollen, die das Ereignis zu bieten hat, durchgespielt. Die letzte und vielleicht schönste ist jetzt die der Geisterseherin.

Angefangen hat alles mit dem Schreiben von Auftragszetteln, da gingen Tine und ich in die siebte Klasse, und ihr Vater hatte Beziehungen zum List-Verlag. So kamen wir an diesen Traumjob. Bücher waren heilig. Bücher waren ewig, in sämtlichen Bürgerwohnzimmern standen sie in Reih und Glied, eine unerschütterliche Armee in Ledermänteln.

Später, während des Studiums kamen wir einstigen Schüler von überall her zur Buchmesse, egal, was oder wo wir studierten, von Medizin bis Mediävistik, in Berlin, München, Freiburg oder sonstwo. Wir mußten uns unbedingt im Oktober hier treffen, reichten einander die einzige Fachbesucherkarte – irgend jemand hatte immer eine – durch die Gitter zu und versuchten tagsüber, Berühmtheiten zu sehen, und abends, auf die Parties zu kommen.

Danach ergriff ich ein bißchen Macht und arbeitete für das Kulturmagazin TTT. Uns oblag die sogenannte Messesondersendung, man durfte sich ganze Tage dort herumtreiben, Literaturstars um Gespräche bitten und Dichterinnen und Dichter vor der Kamera die Rolltreppen rauf- und runterjagen. Es waren auch echte Legenden dabei, zum Beispiel Jean Marais. Jean Marais!

Den nehme ich, sagte ich zu meiner Kollegin, du kannst ja leider nicht richtig Französisch.

Das lerne ich heute nacht, antwortete sie und nahm mir Jean Marais weg. Sie war ranghöher. Es wurde ein lustiges Interview, weil sie seine Antworten nicht verstand. Jean Marais war genauso schön wie in seinen Filmen. Wir hatten ihn dann lange fast lebensgroß als Foto im Büro hängen.

Fast alle machten fast alles mit. Das lag an den Folgejahren von 68, Autoritäten waren unsicher geworden, ob sie noch welche sein durften, und außerdem wollte niemand nicht jung aussehen. Zum Messeschluß bastelten wir die Nacht über unsere Ausbeutefilmchen in zehn Schneideräumen parallel bei warmem Sekt und vielen Zigaretten. Frühmorgens wurde dann Hellmuth Karasek zum Texten mit dem Taxi von irgendwoher geholt, er hatte meist keine Strümpfe an.

Seit kurzem muß auch er hier geistern, ich höre im Menschenlärm deutlich seine böhmische Präzisionssprache. Jetzt kann er sich endlich mit seinem Bruder Horst zusammentun, der ein Anarchist und ein Dichter war und die vierte Dimension der Buchmesse schon seit vielen Jahren bewohnt. Heiligabend 2013 ist auch seine ehemalige Geliebte in diesem papierenen Hades angekommen, Helga M. Novak, einst die schönste von allen mit wilden Augen und wildem Leben.

Lest ihre Gedichte, ihr Unwissenden, würde ich jetzt gern den schicken Jungs und Mädchen auf dem Rollband Richtung Halle 4.1, zurufen, wenn ihr die Gedichte dieser isländischen Schneewölfin nicht kennt, fehlt euch Entscheidendes.

Ende der Siebziger fing ich selber an zu schreiben und machte mich bei vollem Bewußtsein zum Opfer. Ich kann nicht behaupten, daß ich nicht gewußt hätte, was einem dabei blüht. Lang genug war ich auf der anderen Seite gewesen, hatte auf Blößen gelauert, die Dichterinnen und Dichter sich gaben, stellte mit sanfter Interviewstimme Fallen und wunderte mich alle Jahre wieder über die gleichen Superlative: das ungewöhnlichste, einfühlsamste, spannendste, erhellendste, das Buch der Bücher. Nie zuvor dagewesen!

Leuchtspuren zogen sich über den Literaturhimmel, oft mit viel Orchester und Chor, aber wie lang hielt das denn – meistens nicht mal bis zu den nächsten Messebeilagen. Das hatte ich alles gewußt und mich für immun gehalten. Aber ich fiel darauf herein, kaum daß mein erstes Buch auf der Welt war. Ich wurde so kleinkindhaft lob- und liebessüchtig wie alle, die ich dafür verachtet und ausgelacht hatte. Auch die ganz Großen litten unter diesem unstillbaren Hunger, sie verzehrten sich nach Lobpreisungen von Leuten, die sie für wesentlich dümmer als sich selber hielten. Der Vorwurf charakterlicher Nichtswürdigkeit wurde bei jedem Anerkennungssprüchlein umgehend fallengelassen und sofort wiederaufgenommen, wenn der Dichter sich ignoriert fühlte. Ich begab mich in diesen Club, trotz allen Wissens um die schnelle Verderblichkeit der meisten Ewigkeiten.

Viele Bücher später kam als vermeintliche Krönung für mein vielfältiges Messeleben noch eine Gesellschafterfunktion bei einem Verlag, ein interessantes Jahrzehnt, in dem ich mich auf jeder Buchmesse fragte und von anderen fragen lassen mußte, als was ich denn aktuell unterwegs sei – Verleger? Journalist? Kritiker? Kritikerfeind? Dichter gar? Gelächter.

Jetzt laufe ich entspannt auf bequemen, unansehnlichen Latschen über die Messe der Lebenden und der Toten, wobei die Toten den Löwenanteil ausmachen. Sie halten sich aber fürs erste gut versteckt, und ich ertappe mich beim Studium der diesjährigen Einmaligkeiten.

Ein einzigartiger Schelmenroman. Ein Autor von einsamer Größe. Gedankenklar, virtuos, aufrüttelnd. Präzise wie ein Skalpell. Einfühlsam. Noch mal einfühlsam und noch mal. Noch bevor das Laufband stoppt und mein Fuß wieder seinen neuen, winzigen Schrecken kriegt, habe ich alles wieder vergessen.

Kein Mensch käme mehr auf die Idee, mich nach meinen Rollen zu fragen. Ich bin jetzt die Geisterseherin.

Der Regen läßt Schals und Hüte feucht werden, die in den Jahrmarktsbüdchen vor den Hallen angeboten werden, zum erstenmal kaufe ich nichts. Sonst mußte das immer sein, irgendeine schöne Nutzlosigkeit, die ich nie tragen würde, falscher Schmuck mit Sternzeichen oder Pashminaschals, hundert Prozent Polyester. Heute denke ich trübsinnig an den Tyrannosaurus Rex, der geköpft und schwanzlos vor dem Senckenbergmuseum steht, ein geschlachteter Gigant. Grade bin ich an ihm vorbeigefahren, einem riesigen Plastiktorso, bei dessen Anblick mir die Tränen kamen.

Einst im wilden Jahrzehnt spielten total außer Rand und Band geratene österreichische Dichter drinnen im Museum mit den echten Knochen, nahmen die heiligen Skelette auseinander, als wären es Brathähnchen, und schütteten Sekt über die ganze Ehrwürdigkeit. Es war ein Verlagsempfang, und der längst tote Verleger Christoph Schlotterer, ein sehr liebenswürdiger Mensch, hauchte immer wieder keine Polizei! Nur keine Polizei!, weil es zum damaligen Zeitgeist gehörte, die schlimmer zu finden als jede nur denkbare Kulturschandtat. Wahrscheinlich geistert er kummervoll durch die längst wieder zusammengebastelten Knochen.

Wie wunderbar das war, als sogleich ein deutscher Club längst toter Dichter unter der Führung des kräftigen Herbert Heckmann die Österreicher verhauen wollte und dann doch demokratisch entschied, lieber in Jimmy’s Bar zu gehen, aus dem einfachen Grund, daß alle, die nicht hier waren, dort sein würden. Die heroischen Taten der Österreicher wurden in der Bar erst verkündet und dann diskutiert, und Helmut Eisendle, der schon den ganzen Abend im Jimmy’s gehockt hatte, brach in Tränen aus, weil die wichtigste österreichische Kampfhandlung der letzten Jahrzehnte ohne ihn über die Bühne gegangen war. Eisendle sah aus, wie Kulturredakteure sich damals einen Dichter vorstellten, zerfranst, zerfallen, arrogant und bedürftig zu gleichen Teilen, ein charmantes bärtiges Baby. Seinesgleichen gab es damals eine Menge, man mußte sie pflegen, ihnen regelmäßig zu trinken geben und gelegentlich eine Aufgabe in anspruchsvollen Hörfunksendungen für sie bereithalten, Honorar cash an der Kasse.

Wo sind sie geblieben, sie und ihre Musen, denke ich, während ich über den Platz am Brunnen Richtung Halle 4 gehe und zuschaue, wie ein paar Fernsehteams über die sogenannte Agora schnüren, diese feuchtschimmernde Öde, wo Bratwurst- und Čevapčičistände so selten geworden sind wie rauchende Dichter. Alles muß dem Veganen weichen.

Musen sieht man auch nicht mehr, nur ihre Geister, die schöne Nina v. ‌P. mit Hotpants und riesengroßem Joint, Anna mit den goldenen Wimpern und Elke, die niemals jemand ohne Schminke oder Stiefel gesehen hat. Ich fand Musen wunderbar und beneidenswert, vielleicht haben wir anderen nur deshalb selber geschrieben, weil wir für Hotpants nicht die richtigen Beine und außerdem keine Lust hatten, einem Dichter die Verehrung Tag und Nacht wie eine Aktentasche hinterherzutragen.

Wer den kurzen Blick einer Kamera abkriegt, wer eine Sekunde Akteur sein darf, macht zwar abschätzige Witze drüber, freut sich aber insgeheim wie über einen Hauptgewinn, damals wie jetzt, denke ich. Aber das ist Blödsinn.

Die Kameras sind kleiner als früher. Jeder hat aber sowieso eine eigene und macht seinen eigenen Messebericht. Außerdem sind die vom Fernsehen faul geworden, stellen an jeder dritten Ecke ein Studio auf mit einem roten oder blauen Sofa in der Mitte und lassen die Dichter einfach antanzen. Wir haben damals noch nach ihnen gesucht und sie gejagt, sie ließen sich meistens gern fangen. Nicht mehr zehn, sondern zehn Millionen Programme toben sich jetzt an diesen weltwichtigen paar Tagen aus.

Unsere toten Dichter wären dafür viel zu schwerfällig gewesen und viel zu arrogant, wir auch. Es war diese Zeit, Ende der Siebziger, als Jean Améry die Messetage abwartete, um sich in Salzburg das Leben zu nehmen. An allen Ständen, vom größten bis zum Ein-Mann-Verschläglein, wurde das respektvoll und ein bißchen neidisch kommentiert. Was für ein Schlußakkord.

Ich hatte öfter mit ihm gearbeitet und bin bis zum heutigen Tag sicher, daß der Zeitpunkt, den er für seinen Tod gewählt hatte, wohlüberlegt war. Nicht aus Eitelkeit, wie viele behaupteten, sondern aus unglücklicher Liebe zur Bücherwelt, diesem einzigen Paradies auf Erden. Er hatte Dinge überlebt, die man eigentlich gar nicht überleben kann, er war mit seiner tätowierten Lagernummer und seinen Millionen Zigaretten ein Ahasver, ein Untoter, nur die Literatur und die erfolgreiche Liebesgeschichte mit ihr hätte ihn vielleicht am Leben halten können. Als Essayist und Zeitzeuge war er geachtet, als Belletrist nicht. Dieses Papieruniversum, über das er mit seinen Erfahrungen doch eigentlich hätte erhaben sein müssen, hatte Macht über ihn, er sehnte sich danach, aber man verwehrte ihm die Türen, durch die er gern gegangen wäre. Deswegen schloß er seine letzte mit einem ziemlichen Knall hinter sich.

Als ich das damals in der Halle sagte, erklärte mich jeder für naiv. Ich hoffe, er kann hier nach fast vierzig Jahren in Frieden herumgeistern. Zwischen all den bunten Cosplayern wird es ihm gefallen. Er mochte junge Leute. Seine ungleichen Gefährten Erwin Leiser und Joseph Rovan taten das auch. Beide waren Kämpfer gegen die Nazis, beide genau wie Améry der Buchwelt und ihren falschen Komplimenten und Versprechungen verfallen. Alle drei arbeiteten gern mit mir zusammen, ich hatte ein unverdächtiges Geburtsjahr und einen polnischen Nachnamen. Außerdem machten sie mich merkwürdigerweise nicht verlegen mit ihren monströsen Lebens- und Todeswegen. Ich flirtete ein wenig mit ihnen, das war gut für die Arbeit, und ich glaube, es gefiel ihnen.

Die Hofhaltungen waren sorgsam getrennt – Frankfurter Hof, Hessischer Hof, Tisch links hinten, Mitteltisch rechts, die Linken da, die etwas scheu gewordenen Konservativen dort. Kempowski immer auf der Suche nach dem richtigen Platz, wo er seine Totalenttäuschung gewinnbringend abladen konnte. Groupies waren von Musen nicht ohne weiteres zu unterscheiden.

Damals arbeitete ich noch auf der Geberseite, beim Fernsehen, und hätte mir nicht vorstellen können, selber dreimal eine Rolltreppe rauf- und runterzufahren, auf Befehl. Niemals. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte: Wart’s nur ab, meine Liebe, keine zwei Jahre mehr, und du wirst die Seite wechseln. Warum auch? Wir waren wie Generäle: Die nehmen wir rein, den nicht. Tod oder Leben, alle Jahre wieder. Wir konnten Pressefrauen zum Weinen bringen.

Wo sind die Seller jener Jahre geblieben, wo die unverzichtbaren, ewigen, einmaligen Werke? Die diesjährigen Verlagsprospekte sind jetzt schon Altpapier, was ist mit denen von vor zehn, zwölf, dreißig Saisons? Verweht. Das war ein Wort, das Dichter gern benutzten, es paßt in Lyrik wie in Prosa. Verweht, das klang immer gut. Niemand hat aber Lust, dran zu denken, daß es ihn selber verwehen würde, wie alle. Auch Marcel Reich-Ranicki geistert hier herum und trifft seine Feinde und seine Freunde, wobei das – Mein Lieber! Was gibt es Neues? – gar nicht leicht zu unterscheiden ist.

Grade er wollte gar nicht gern verweht werden. Was würde denn bleiben, was sollte die Papierwelt denn machen, ohne ihn?

Ich schaue immer wieder die verkleideten Mädchen und Jungs an, die über die Messe vagabundieren, Katzenmädchen, Zauberer, Fabeltiere, und ich bin begeistert darüber, wie gleichgültig denen das Erkanntwerden ist. Das wollen sie jetzt und hier nicht. Ihre Ichs sind in den sozialen Netzwerken aufzufinden, millionenfach und jederzeit identifizierbar. Aber auf der Buchmesse wollen sie Teil einer Geschichte sein, sonst gar nichts, und in deren Schönheit und Buntheit ganz analog aufgehen. Eines der kompliziert geschminkten Fabelwesen verliert seinen Schwanz – Was soll ich denn jetzt bloß machen? –, und ein halbes Dutzend ratloser Kleindrachen, Hexen und Plastiktrolle schart sich um das versehrte Geschöpf. Ich fühle mich stolz und geehrt, daß sie eine Sicherheitsnadel von mir annehmen, eine Nadelspitze Zugehörigkeit, ein Stich gegen die Geister.

Nur wenige weibliche Gespenster kreuzen meinen Weg. Vielleicht sind sie nicht so leicht zu erkennen.

Als ich noch das aufträgeschreibende Schulmädchen war, das wochenlang über seine Messeklamotten nachgedacht hatte und nicht auf die Idee gekommen wäre, daß es keine der Berühmtheiten interessieren würde, was so ein fünfzehnjähriges Trampelchen anhat, also an einem dieser sternenfernen Messetage wurde in den Gängen von Stand zu Stand gemeldet: Annette Kolb ist auf der Buchmesse.

Annette Kolb! Thomas Mann hatte sie zwar respektlos, aber immerhin doch beschrieben, sie war eine Dichterin, wie sie zu sein hatte, Ingeborg Bachmanns Dichterinnentum war da erst im Werden. Eingeweihte, und davon gab es viele, nannten sie das Fräulein Kolb. Wahrhaftig, wir konnten sie sehen, ich glaube, es war im ersten Stock der alten Halle 5, Ehrfurcht zog wie Weihrauch durch die Gänge, man konnte es förmlich riechen.

Ich hatte vorher nicht geglaubt, daß ein menschliches Wesen so alt sein könnte. Sie ging nah an uns vorbei, sehr langsam, sie hatte einen Hofstaat um sich. Ich erinnere mich an etwas Langes, Dunkles als Kleidung und an einen kleinen Hut.

Ob sie heute, ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod und längst vergessen, noch Lust hat, hier zu spuken? Sie war eine elegante Weltbürgerin, ihr Vater ein Wittelsbacher Bastard, von wem, ist nicht bekannt. Aber es hat schon was, wenn man sich aussuchen kann, ob man mit der Kaiserin Elisabeth oder dem zweiten bayerischen Ludwig eng verwandt sein möchte. Einen bestiefelten Fuß behielt Annette Kolb fest im 19. Jahrhundert, sie war aber eine von denen, die die Krankheiten des 20. deutlicher als andere sah. Schon im Ersten Weltkrieg blieb sie an der Seite der Franzosen, emigrierte 1933, eine unerbittliche Hitlerfeindin. Sie liebte München und kam zurück. Uns erschien sie damals wie eine Bühnenfigur, das gütige Schafsgesicht – wir kannten die Beschreibung des uncharmanten Thomas Mann, und nun sahen wir eine seiner Gestalten leibhaftig den Messegang entlangwandeln. Wahnsinn.

Das Fräulein Kolb wird nicht mehr gelesen, und wie lang ihr Chronist Mann noch durchhält – wer weiß.

Nicht alle Geister, die auf der Buchmesse spazierengehen, sind mit ihrer Existenzform einverstanden. Elias Canetti und Christoph Schlingensief beschweren sich immer noch darüber, daß sie in dieses Abseits geraten mußten, in diese schreckliche Unabänderlichkeitsfalle: Es kann sein, daß Menschen sterben, aber wir doch nicht. Sie sind und bleiben gekränkte, buchstäblich zu Tode beleidigte Gespenster. Vielleicht ist so eins auch mein lieber Fritz Arnold, bei Lebzeiten der schönste aller Lektoren, Einstecktüchlein, verwegene Socken und eine mit grauem Schnauz, schmaler Gestalt und Bürstenschnitt sorgfältig und erfolgreich gepflegte Ähnlichkeit mit – eben Thomas Mann, kein Zweifel. Er hatte schon die allererste Messe nach dem Krieg mitgemacht, begeistert und zu allem Schönen bereit, dafür schlief man am Hauptbahnhof auf Feldbetten und lieh sich gegenseitig Anzüge für die spärlichen Feste.

Fritz war der Sohn des Simplicissimus-Zeichners Karl Arnold, eine erfahrene Bücherhebamme, Freund bedeutender Menschen wie Susan Sontag, Paul Celan und André Gide. Sein erstes eigenes Buch wagte er erst kurz vor seinem Tod. Es hieß Freundschaft in Jahren der Feindschaft, ich denke, er trägt das kleine schöne Werk auch als Geist noch mit sich herum, so stolz war er. Ihm verdanke ich die Lebensregel, Eitelkeit sei eine Form der Rücksichtnahme auf die Umgebung und insofern eine sehr begrüßenswerte Eigenschaft.

Es regnet in diesem Herbst nur während der Messetage, vorher und nachher ist herrlichstes Wetter. Grau ist die Messe, bis auf die Cosplayer, aber bunt ist die Stadt, besonders die Parks.

Ein paar weibliche Geister kreuzen doch noch meinen Weg und beschweren sich über nachlassende Eleganz respektive zunehmende Spießigkeit auf der Messe, was die Klamotten betrifft, je nach Generation. Für völlige Unverträglichkeit konnten schon fünf, sechs Jahre Altersunterschied sorgen.

Sarah Kirschs staunender Geist hat sich wie oft im Leben davor mit Helga M. Novaks zusammengetan, ich sehe sie mitten im Regen auf dem Brunnenrand sitzen und dem Wasser zuhören, das von überall her kommt. Beide sind so schön und jung, Helga mit den Engelslocken um ihr Teufelsgesicht, Sarah mit ponybedeckter Stirn und unbewegten Augen.

Schminken habt ihr immer noch nicht nötig, wie damals, die Welt, die Männer, die Messe, nichts von alldem war euch einen Pinselstrich im Gesicht wert, sage ich verbittert.

Sie würdigen mich keines Blicks.

Wißt ihr noch, wie ich euch beim FAZ-Empfang in der Siesmayerstraße immer Cognac organisiert habe? Der Oberkellner war Marokkaner, eine Freundin von mir die Klassenlehrerin seines Sohnes, was er wußte. Nur zur Buchmesse durften Frauen da rein in diesen holzgetäfelten Club. Deswegen wollten wir den Empfang auch immer mal wieder boykottieren.

Wißt ihr noch, wir saßen auf der Treppe, ich wollte so gern aus eurem Duo ein Trio infernal machen. Das ging manchmal gut, wenn ihr eure Ostgeheimnisse außer acht gelassen habt. Fast alle eure Liebhaber könntet ihr heute sehen, wie sie an den Ständen entlangstreifen, eine Reihe nicht sehr seliger Geister, die nach ihren verschwundenen Büchern suchen, für die sie einst gelitten hatten und gelobt worden waren. Futsch, einfach weg. All die verfluchten Einsamkeiten und Ängste und diese dreimal verfluchten Hoffnungen, für die Katz.

Letztlich ist, sagen die Liebhaber der Dichterinnen verbittert, so ein Buch nicht haltbarer als ein blödes Brot.

Da müssen die weiblichen Geister lachen.

Ach, Horst, sagt Helga. Ach du, Klaus, und noch ein Klaus und noch ein anderer Klaus. So viele Kläuse in meinem Leben, und alle schon lang hier drüben.

Ach, Rainer, sagt Sarah. Als ob das jetzt noch wichtig wäre, das mit den Büchern.

Die Liebhabergeister sind fassungslos.

Was sollte denn sonst wichtig sein? Wozu Unsterblichkeit, wenn unsere Bücher weg sind? Es geht doch nicht ohne uns. Wieso geht das denn jetzt plötzlich doch ohne uns?

Da höre ich viele mitmurren, leise oder lauter, es spielt dabei keine Rolle, wie lange sie schon auf der anderen Seite der Messe existieren. Canetti ist noch nach so vielen Jahren einer der lautesten, Reich-Ranicki scheint sich dreingefunden zu haben. Er amüsiert sich am jenseitigen Buchmesseeingang damit, die Neuankömmlinge zu begrüßen.

Na, auch schon da, mein Lieber?

Sie lassen mich nicht mitreden, tun so, als sei ich gar nicht da. Das konnten sie schon zu Lebzeiten ganz gut. Wenn sie zuhörten, würde ich ihnen sagen, daß sie am falschen Ort spuken. Hier wird ihnen keiner helfen. Sie müssen in die Universität, in die Bibliothek oder ins Seminar, wo die literaturwissenschaftlichen Umwälzanlagen jedem von ihnen irgendwann wieder ans Licht helfen. Dort bräuchten sie nur ein bißchen Geduld, die Geister, aber statt dessen versuchen sie es alle Jahre wieder hier auf der Buchmesse, am falschesten Ort, ungebetene, unsichtbare Gäste bei dieser großen Sichtbarkeits- und Bedeutungsparty.

Es hat aufgehört zu regnen, an jeder Ecke werden Literaturbeilagen unters Volk geworfen, kleine bunte Drachen, Hexlein und Katzenmädchen schütteln sich wie nasse Vögel.

Ihr Anblick macht aus der Messe einen Karneval, eine Walpurgisnacht. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur noch diese verkleideten Kinder hier und gar kein Papier mehr, wenigstens für ein paar Jahre, bis der ganze Unsterblichkeitszauber ein für allemal ausgetrieben ist und niemanden mehr verrückt oder unglücklich macht.

Mich, die Geisterseherin, täuschen sie nämlich nicht, die neuen, jungen, frisch geschlüpften Wunderfräuleins und Slammer, Romanciers und Blogger, die alle Events und das Netz so souverän dominieren, nicht eine Minute machen sie mir was vor. Der Augenblick ist kein Aufenthaltsort für sie, so laut sie das auch behaupten mögen. Man sieht es in ihren Augen, egal ob Männchen oder Weibchen: Sie wollen Ewigkeit. Genau die gleiche, nach der die toten Dichter so verzweifelt in den Gängen und an den Ständen suchen und die sie nicht finden, während glückliche, bunte Horden von Jabberwockys, Drachen, Prinzessinnen, Thronesgamern und Magiern, die noch nie eine Zeile geschrieben haben, im Diesseits an den gleichen Plätzen herumtoben und all das Papier mitsamt seinen Versprechungen nicht mal sehen.

Wann wird’s verfilmt? fragt ein eulengestaltiges Mädchen höflich.

Das ist auch schon der Gipfel des Interesses.

Kaum zu glauben, sie sind fast im gleichen Alter, die jungen Literaten und wieder mal brandneuen Entdeckungen und die Verkleideten, für die die Buchmesse einfach eine tolle Bühne ist, von der sie weiter nichts erwarten.

Die jungen Dichterinnen und Dichter dagegen sagen uralte Sätze:

Ich bin bei Rowohlt heute abend.

Fischer ist jetzt woanders.

Wo denn? Kommt man da rein?

Aber vielleicht treffen sie sich in den Nächten an einem ganz anderen Ort, wo unsereiner nie gewesen ist, die Verkleideten und die Bücherschreiber, und feiern.

Vor der Halle 3 tanzen gelbe Gespenster, die ich nicht gleich als solche erkenne, weil sie auch Werbung für das Gastland oder ein exotisches Kochbuch sein könnten. Hare Hare, Hare Rama. Ob es so was noch irgendwo in lebendig gibt? Wahrscheinlich nicht einmal mehr auf dem Subkontinent. Damals wurden sie gern gefilmt, weil sie in jedem ernsthaften Beitrag einen hübschen Farbfleck und interessante Töne abgaben. Liebe und Frieden in allen Zitrusfrüchtefarben. Könnten die Leias, Chewbaccas und Gremlins sie sehen, würden sie sie für ihresgleichen halten.

Meine Geistermesse.

Eine andere werde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben, eine wie früher:

Geht ihr auch zu Hanser? Und lang danach irgendwo im Freien die Morgenröte begrüßen und nicht das Morgengrauen.

Wo bleiben sie eigentlich die restlichen dreihunderteinundsechzig Tage des Jahres, die Gespenster, die hier alle wesentlich rüstiger erscheinen als am Ende ihres sichtbaren Lebens? Keine Rollstühle, keine Krücken, kein mühsam als Arm-in-Arm-Gehen getarntes Sich-schleppen-Lassen.

Erschrecken sie ihre Familien, hocken sie in den Ecken der Lektorenbüros, oder nisten sie sich in den Träumen pensionierter Verlagssekretärinnen ein? Ihre Verleger leisten ihnen ja bis auf wenige schon lange in der anderen Welt Gesellschaft, geistern aber nicht auf der Messe herum, soweit ich sehen kann. Vielleicht haben sie eine himmlische Variante von Jimmy’s Bar gefunden. Dort werden sie von Georg bedient, den sie kennen.

Ich glaube, die toten Dichterinnen und Dichter lauern, sie warten in irgendwelchen Winkeln, bis die magischen vier Tage wieder da sind, das herbstliche Hexenspiel, das Papiertheater.

Sie warten, um endlich in den Kopf irgendeines Büchermachers zu kommen, der in einem der wenigen stillen Momente am Stand zu einem Mitarbeiter sagt, Da war doch der Dings. Wann ist der eigentlich gestorben? Die Rechte sind doch bei uns. Lief damals eigentlich sehr gut, das Thema ist ja sowieso immer aktuell, schauen Sie doch mal die Zahlen nach.

Und die Sowieso? Die wird nächstes Jahr rechtefrei, da könnten wir was machen. Graphic Novel? Wär‘ auch mal wieder was als Serie, warum nicht.

Wenn sie das geschafft haben, die Geister, sind sie glücklich.

Es regnet wieder, ich habe immer noch keine Lust, einen Schal zu kaufen oder ein Smoothie.

Koeppens Geist läuft vorbei, etwas gebeugt, mit einem Whisky in der Hand hält er nach seinem Verleger Ausschau. Ich könnte ihm sagen, daß er ihn auf keinen Fall hier treffen wird, aber er hört mich nicht. Was er wohl von einem Smoothie denken würde?

Ich möchte Jugend noch einmal machen, murmelt er.

Nach draußen in die Welt geht’s durch eine Raubtiergitterdrehtür, eine kleine, sekundenlange Einzelhaft. Es gibt auch andere Ausgänge. Die habe ich aber noch nie benutzt.

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