Prof. Stephan Füssel – sind elektronische Bücher die besseren Bücher?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Leseforscher Prof. Stephan Füssel.

Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel ist Leiter des Instituts für Buchwissenschaft und Sprecher des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz an der Gutenberg Universität Mainz. Sein interdisziplinäres Team fand jetzt in seiner Studie „Concurrent EEG-Eyetracking Evidence from the Reading of Books and Digital Media“ („Erkenntnisse über das Lesen von Büchern und digitalen Medien aus der gleichzeitigen Anwendung von EEG und Eye-Tracking“) heraus, dass gedruckte Bücher hinsichtlich Verständlichkeit und Lesegeschwindigkeit den E-Books nicht überlegen sind – auch wenn der Großteil der Leser Print vorzieht.

Prof. Füssel, als Sie Ihre Laborstudie planten – welches Ergebnis haben Sie eigentlich erwartet?

Stephan Füssel
© Universität Mainz

Stephan Füssel: Erwartet haben wir, dass die Dinge, die wir vor der klinischen Studie von den Probanden erfragt hatten, sich im Labor mehr oder weniger bestätigten. Wir wussten, dass 60-70 % sich mit dem Lesen im gedruckten Buch wohler fühlen – und zwar unabhängig von der Altersgruppe. In diese Richtung gingen auch unsere Erwartungen, als es ins Labor ging.

Könnten Sie ganz kurz zusammenfassen, wie Sie vorgegangen sind und welche Ergebnisse Sie am meisten überraschten?

Stephan Füssel: Die Linguisten in unserem Forschungsteam haben neun Texte ausgewählt und nach wissenschaftlichen Kriterien hinsichtlich Vergleichbarkeit ausgestaltet. Diese sollten auf drei unterschiedliche Plattformen verteilt von den Versuchspersonen gelesen werden: auf einem hintergrundbeleuchteten Tablet-PC, auf einem dedizierten E-Book-Reader…

… einem Gerät, mit dem man nichts anderes machen kann, als E-Books zu lesen…

Stephan Füssel: … und auf Papier gedruckt. Die Probanden trugen am Kopf eine Eye-Tracking-Apparatur, mit der wir die Bewegungen ihrer Augen beim Wandern über die Seiten erfassen und aufzeichnen konnten. Das Neuartige an unserem Forschungsansatz ist, dass wir gleichzeitig ein EEG – also eine Hirnstrom-Ableitung – angefertigt und die Datenreihen aus beiden Verfahren miteinander in Beziehung gesetzt haben. Auf dem Theta-Band des EEG kann man den zerebralen Aufwand bei der Lösung einer kognitiven Aufgabe messen. Und jetzt kommt das Überraschende: das Messergebnis hat unsere Erwartungen konterkariert. Der zerebrale Aufwand war beim elektronischen Lesen nicht höher als beim Lesen auf Papier. Es hat sich sogar herausgestellt, dass er in der Gruppe der über 55-jährigen um 10-15 % niedriger lag, wenn sie auf einem Tablet-PC gelesen haben.

Der Sieger ist also das Tablet – hätten Sie das gedacht?

Stephan Füssel: Wir bringen diese Besonderheit damit in Verbindung, dass auf diesem Medium der Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund infolge des beleuchteten Bildschirmes am größten ist. Uns als Buchwissenschaftler überrascht das in der Rückschau nicht weiter, denn wir wissen zum Beispiel aus der Typografie, dass ein Druck, der mit einem satten Schwarz auf strahlend weißem Papier steht – z.B. der „Katalogdruck“ –, am leichtesten zu lesen ist.

Soweit das Lesen – wie sieht es aber mit dem Verständnis aus?

Stephan Füssel: Wir haben auch dies untersucht, indem wir zwei Stunden nach der Lese-Sitzung allen Probanden Verstehensfragen und nach einem Tag Behaltensfragen stellten. Die Qualität des Ergebnisses war plattformunabhängig identisch. Uns als Buchwissenschaftler hat das sehr beruhigt, denn es zeigt, dass die verbreiteten Vorbehalte gegen das elektronische Lesen zu Unrecht bestehen und rein kulturell gewachsen sind.

Warum fehlt der PC-Bildschirm in Ihrer Versuchsanordnung?

Stephan Füssel: Unsere Versuchsanordnung sollte nur Vergleichbares vergleichen. Vergleichbares einerseits hinsichtlich der Leseumgebung: wenn Sie am Desktop-PC lesen, befindet sich das Lesegut auf einer Höhe mit Ihren Augen; das hat zur Folge, dass Ihre Augen sich nicht so leicht mit Tränenflüssigkeit benetzen, was die Rezeptions-Qualität verschlechtert. Diesen Effekt wollten wir ausschließen. Das Tablet oder den Reader dagegen können Sie aufs Sofa mitnehmen; da schauen Sie auf das Gerät hinab, so wie Sie auf das gedruckte Buch hinabschauen. Vergleichbares andererseits hinsichtlich der Erwartungen der Branche, denen wir als Buchwissenschaftler Erkenntnisse bieten wollten. Und da heißt ja eine große Fragestellung: Ist das elektronische Lesen gegenüber dem Lesen auf Papier „minderwertig“? Diese Sorge muss man nicht haben. Menschen, die sich daran gewöhnt haben, am Bildschirm zu lesen – zum Beispiel wissenschaftliche Literatur inzwischen zu 70 % – können auch Alltagsliteratur unbedenklich digital lesen.

Ihre eine Gruppe hatte das Durchschnittsalter von etwa 25 Jahren, die andere das von etwa 65. Schade, dass ausgerechnet die mittlere Altersstufe, die der Buchhandel als Kern-Zielgruppe identifiziert hat, nicht vorkommt…

Stephan Füssel: Muss ich zugeben. Das lag daran, dass man bei ersten klinischen Studien zunächst mit Kontrastgruppen arbeitet. Aber durch ihre Ähnlichkeit lassen sich die Ergebnisse übertragen: wenn wir bei beiden Gruppen gleiche Lesegeschwindigkeit, gleiches Verstehen und Behalten feststellen, dann dürfte es in einer altersmäßig dazwischenliegenden Gruppe keine konträren Resultate geben.

Ist es denn denkbar, dass die Ergebnisse bei längeren Texten, die einen Leser stundenlang beschäftigen – Romanen etwa –, grundlegend anders ausgesehen hätten? Vielleicht schalten ja „E-Leser“ schneller ab als „P-Leser“…

Stephan Füssel: Denkbar ist das. Das kann ich natürlich noch nicht endgültig beantworten. Die Konfiguration unserer Studie erlaubt es nicht, die Ergebnisse hochzurechnen. Allerdings haben wir unsere Probanden mit den neun Texten zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt, zumindest von der Anstrengung der Augen her war das also eine längere Lesesitzung. Wir nehmen Anregungen für andere Versuchsanordnungen gerne auf und forschen auch in anderer Konstellation weiter.

Diejenigen, die schon immer fanden, dass dedizierte E-Book-Reader Mist sind, können sich durch Ihre Ergebnisse bestärkt fühlen. Aber ist es nicht ein bisschen unfair, ein Modell ohne Hintergrundbeleuchtung in den Wettbewerb zu schicken, wo es schon längst sogenannte „backlit“-Modelle gibt?

Stephan Füssel: Wir gehen tatsächlich davon aus, dass neuere Reader-Modelle diesen Mangel gegenüber dem Tablet-PC ausgleichen werden. Mehr noch: Unsere Versuchsanordnung hatte auf allen Plattformen identische Schriftgrößen zum Gegenstand. Die elektronischen Geräte konnten ihren bekanntesten Vorteil, die Möglichkeit der Größen-und Formatänderung, die das Lesen weiter optimiert, noch gar nicht ausspielen.

Für diejenigen, die durch die Digitalisierung des Leseverhaltens am meisten zu verlieren haben, ist es immerhin beruhigend, zu sehen, dass selbst die junge Versuchsgruppe mehrheitlich findet, dass gedruckte Texte angenehmer zu lesen sind. Das widerspricht dem Klischee, dass „Digital Natives“ wild auf Bildschirme sind, und auch den Marketing-Bemühungen der Buchbranche, die darauf abzielen, männliche Jugendliche qua Bildschirm wieder ans Geschichtenlesen zu kriegen – oder haben Sie nur Waldorf-Zöglinge in ihrem Sample gehabt?

Stephan Füssel: (lacht). Schulische Vorbildung oder gesellschaftliche Einordnung unserer Probanden haben wir jetzt nicht erfragt. Zu der Untersuchung haben wir nicht vorsortierte, aber tendenziell buchaffine Studierende mehrerer Fakultäten der Mainzer Universität gebeten. Als Buchwissenschaftler kenne ich übrigens unendlich viele junge Leute, die gerne gedruckte Bücher lesen – nicht nur „meine“ 834 Studierenden. Der typische Benutzer von E-Books dagegen ist, wie wir aus mehreren öffentlichen Bibliotheken erfahren haben, männlich und steht in der zweiten Lebenshälfte. Das interpretieren wir folgendermaßen: auch über eine gewisse Technik-Affinität kann man zum genussvollen Lesen kommen. Eine Gruppe von Augenärzten aus Chicago hat uns gerade mitgeteilt, dass sie Patienten mit leichten Sehbehinderungen das Lesen auf Tablets empfehlen. Unsere Forschungsergebnisse wurden vor der Veröffentlichung mehr als ein Jahr der weltweiten wissenschaftlichen Diskussion und Kritik unterworfen und haben eine ganze Reihe von Weiterungen erbracht, die das Lesen verändern könnten.

Nicht nur Buchhändlern wird es gefallen, dass Ihre jungen Leute unabhängig vom Medium Texte genau so gut verstehen als die ältere Versuchsgruppe. Dabei wird doch immer wieder behauptet, dass die nachhaltige Beschäftigung mit Bildschirminhalten die Menschen den Textmedien entfremdet.

Stephan Füssel: Unsere Überlegungen und Arbeiten zusammen mit den Medienpädagogen gehen in eine etwas andere Richtung. Wir sehen die Entwicklung von Literatur und von Games in einer Konvergenz-Bewegung, die Konsequenzen für das „Storytelling“ hat. Unsere Aufgabe ist es, die bildschirmgewohnten Teens da abzuholen, wo sie stehen, und ergebnisoffen über Formen nachzudenken, die geeignet sind, diese Zielgruppe an textgebundene Medien heranzuführen. Wir wissen seit längerem, dass männliche Lesebiografien dazu tendieren, mit 13 Jahren abzubrechen. Seit etwa 15 Jahren ist dieser Trend manifest und dominant. Gelingt es nicht, diesen Abbruch zu verhindern, ist der betreffende Mensch später nur sehr schwer wieder für das Lesen zu begeistern. Die Leseforschung in Altenheimen zeigt, dass im Ruhestand nur diejenigen lesen, die niemals damit aufgehört haben. Für die praktische Arbeit in der Medienwirtschaft ist es wichtig zu erkennen, dass die heutige junge Generation stärker bildgebunden ist. Ihre Bildaffinität ist höher, als sie noch vor einer Generation war. Daher greifen die Jungs auch lieber zum Tablet als zum gedruckten Buch. Ich kenne aber keine Studie, die wissenschaftlich belegt, dass massiver Multimedia-Konsum die Lernfähigkeit beeinträchtigt. Im Gegenteil wissen wir, dass das Aufnehmen von Bildinhalten die Lernleistung erhöhen kann. Das kann man bei der Gestaltung von E-Books berücksichtigen, dem enhanced, also mit Bild und Ton, animierten Grafiken etc. angereicherten E-Book gehört mindestens im Sachbuchbereich die Zukunft.
Wir müssen also die Vorstellung, E-Books seien „keine richtigen Bücher“, genauso aus unseren Köpfen vertreiben, wie wir in den siebziger Jahren hinsichtlich der Taschenbücher umzudenken gelernt haben. Von denen hieß es ja auch 20 Jahre lang, sie seien keine richtigen Bücher. Als ich Anfang der siebziger Jahre Germanistik studierte, durften wir keine Taschenbücher ins Seminar mitbringen – es musste die gebundene Goethe-Ausgabe sein. (Ich besitze sie übrigens immer noch und liebe sie sehr.) Gelingt es uns, ähnlich wie damals umzudenken, werden wir der Verbreitung des Lesens sicherlich nicht schaden. Für die Kultur dürfte das kein Nachteil sein. Es gibt keinen Clash der Lese-Kulturen.

MichaelLemster
© Andres/Wessely

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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