Mit "Fremdland" bleibt der Berliner Autor seinem Stil treu, eine vielschichtige Kriminalgeschichte mit überraschenden Wendungen prägnant zu erzählen Philipp Reinartz: „Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese Geschichten zu erzählen“

Philipp Reinartz

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Nach seinem Kriminalroman-Debüt Die letzte Farbe des Todes legt Philipp Reinartz nun nach: Mit Fremdland (ET 17.Dezember/Goldmann) bleibt der Berliner Autor seinem Stil treu, eine vielschichtige Kriminalgeschichte mit überraschenden Wendungen prägnant zu erzählen. Und behandelt gleichzeitig ein brennend aktuelles Thema. Intelligent, rasant, prägnant – ein ungewöhnlich packender Roman. Anlass für Fragen an den Autor:

BuchMarkt: Herr Reinartz, worum geht es in Ihrem neuen Buch?

Philipp Reinartz: Es geht um zwei Schüsse, die Mitte der Neunziger Jahre abgefeuert werden, doch niemanden verletzen. Und die trotzdem eine Kette von Ereignissen in Gang setzen, an deren Ende mehrere Tote stehen – von damals bis heute. Im Kern geht es um die Frage, wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Mich interessieren keine Abziehbilder, sondern menschliche Tragödien.

Der Roman spielt wieder auf zwei Zeitebenen?

Genau. Elite-Kommissar Jerusalem Schmitt ermittelt in einem mysteriösen Mordfall in einer Seniorenresidenz. Aber nebenbei folgt Jay den Spuren seines Vaters und stößt auf ein ungeklärtes Verbrechen der 1990er-Jahre, bei dem zwei Polizisten und ein senegalesisches Paar tot auf einem verlassenen Fabrikgelände gefunden wurden. Zwei Fälle aus zwei Zeiten, die mehr miteinander zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheint.

Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten der 1990er-Jahre. Wieso ist das Buch trotzdem aktuell?

Richtig, die Geschichte basiert auf Geschehnissen des so genannten Hamburger Polizeiskandals. Das brandaktuelle Thema Migration wird somit in die 1990er projiziert und leistet gerade dadurch einen Debattenbeitrag: Die Parallelen zwischen jüngerer deutscher Geschichte und Jetzt-Zeit zeigen, wie aktuell die Themen der Neunziger noch und wieder sind und machen auf die Universalität des vermeintlich neuen Konflikts aufmerksam.

Wie lief die Recherche?

Es war so spannend wie schwierig. Wer kennt zum Beispiel heute noch Rechte und Pflichten von Flüchtlingen aus einem vorübergehend nicht sicheren Herkunftsland Mitte der Neunziger? Zum Glück hatte ich hilfsbereite Experten. Von Pro Asyl, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, von der Bertelsmann Stiftung. Von einem ehemaligen senegalesischen Fußballnationaltrainer bis zur ehemaligen Bundesjustizministerin.

Und der Buchhändler? Mit welchem Argument kann der das am besten verkaufen?

Für mich sind es drei Punkte, die den Roman lesens- und beachtenswert machen: Das brandaktuelle Thema Flüchtlinge, das jedoch in die 1990er projiziert ganz neue Perspektiven bietet – beleuchtet aus Sicht einer senegalesischen Familie ebenso wie aus Sicht der Deutschen, mit denen sie aneinandergeraten. Der wahre Kern um den Hamburger Polizeiskandal, der die Geschehnisse authentisch wirken lässt. Und der ungewöhnliche Stil, durch den Fremdland schnell und aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, mit kurzen Szenen auf verschiedenen Zeitebenen, die die Geschichte in immer neuem Licht erscheinen lassen und den Leser mehrfach zum Überdenken einmal eingenommener Positionen bringen. Deswegen ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, diese Geschichten zu erzählen.

Die Fragen stellte Franziska Altepost

 

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