Peter Jakobeit: Wo ist das Problem bei der Börsenvereins-LV-Fusion?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Peter Jakobeit, Kulturfinder GmbH.

Für Sie scheinen die ganzen Fusionsbestrebungen Landesverbände-Börsenverein kein Problem zu sein?

Peter Jakobeit

So ganz verstehe ich die derzeitigen Aufgeregtheiten ja nicht. Wo ist das Problem? Ich selbst bin seit einigen Jahren nicht mehr im operativen Geschäft, aber so viel weiß ich schon noch: Es sind immer dieselben, die den Zahn der der Zeit, der an ihnen nagt, für eine Art herbeidiskutiertes Medienphänomen halten. Dabei sind die Dinge meistens doch recht offensichtlich.
Es ist wirklich nichts zu erkennen, was gegen die geplante komplette Fusion mit dem Börsenverein spräche. Der gebotenen Knappheit wegen nur in aller Kürze und mit keinerlei Anspruch auf Vollzähligkeit ein paar Sachverhalte.
Es galt schon immer, das hat nicht Altbundeskanzler Kohl erfunden: Man muss das Große im Auge haben. Eine Branche wie der deutsche Buchhandel, umsatzstark und meinungsmächtig, muss, um auch künftig gradlinig arbeiten zu können, organisatorisch verschlankt werden. Es ist das Gebot der Stunde, Doppelstrukturen zu verhindern und, so vorhanden, abzubauen. Diese Doppelstrukturen sind nicht nur teuer, sie führen auch zu unerwünschten und genauso unbrauchbaren Endlosdebatten über Nichtigkeiten wie Preisbindung, Tarifpolitik, Beitragsstaffeln oder Ähnlichem. Das dauert stets endlos lange und führt in der Regel zu den berühmten „Kompromissen“, von denen ein aufrechter „Macher“ wahrlich so langsam die Nase voll hat.

Aber ist nicht Dezentralisierung das gebot der Stunde?

Dezentralisierung als Wert an sich? Wirklich, wer heute noch an globalisierten Strukturen und Erfordernissen herummäkelt, sucht sich doch besser sofort einen Job im Theatermilieu. Dort finden sich bis heute jede Menge kleiner, mit Hängen und Würgen bewirtschafteter Parzellen mit entsprechenden Lohnstrukturen. (Wohingegen sich die großen Staatstheater sogar eine Tarifbindung leisten können! – Allerdings, so weit muss der visionäre Blick auch wieder nicht schweifen.)
Diese, leider auch bei uns noch weit verbreitete Kleinteiligkeit innerhalb der Vertriebs- und Produktionsstrukturen ist nicht nur unwirtschaftlich, sie ist auch lästig. Man stelle sich vor, man hat nun einen schönen großen, effizienten und mit den nötigen Managerstellen ausgestatteten zentralen Börsenverein – und jetzt rufen die kleinen Krauter, womöglich einer nach dem, besser gesagt: der anderen, an und wollen irgendeine Nichtigkeit wissen. Wie soll eine Organisation von der Größe und der Bedeutung des neuen Börsenvereins effizient arbeiten, wenn ständig Störungen eintreffen. Und diese Störenfriede sind, das ist leider von einer inneren Logik getragen, ausgerechnet die kleinsten Beitragszahler. Diesem Unsinn muss dauerhaft vorgebeugt werden. Am Besten geht dies nun einmal, und da sind wir uns doch alle sicher einig, in einer straff geführten Einrichtung mit klaren Servicedefinitionen. Und wenn es „draußen im Lande“ wirklich einmal brennt: Wozu gibt es Steuerberater, Anwaltskanzleien und Wikipedia? (Von der Tatsache, dass genau die hier in Rede stehenden Mitgliedsfirmen es halt einfach unterlassen haben, zu Zeiten, als dies noch möglich war, sich Rat und Wissen bei den damals noch geförderten Betriebsberatungen zu holen, ganz zu schweigen!)

Also ist es doch alles nur Angst vor Veränderung, Festhalten am Herkömmlichen?

Hinter all den Vorbehalten gegen die nötige Selbstauflösung des Landesverbandes steckt letztlich nur eine unhaltbare Berufsromantik, die sich von Zeiten herleitet, als uns allen das Buch als Kulturträger noch wichtig war. Bedauerlich aber wahr ist einfach, dass das Buch in allen seinen Erscheinungsformen heute als Umsatzträger begriffen werden muss. Wer sich dieser Einsicht verweigert, schadet sich, der Branche und, ja, so ist es, dem Buch als solchem. Es ist hier nicht der Ort, aber es wäre interessant, einmal die These unter die Lupe zu nehmen, dass der klassische Sortimentsbuchhandel, die 130 qm-Läden, der eigentliche Grund für den Niedergang unserer geliebten Branche verantwortlich ist. Bereits die Nennung von Schlagworten wie Nachfolgeproblematik, Lagerumschlagsgeschwindigkeit, Selbstausbeutung oder wertfreier Konservativismus sagt einiges dazu aus.
Fazit: Bereits die hier erläuterten Punkte raten jedem verantwortungsbewussten Marktteilnehmer dringend dazu, der vorbereiteten Auflösung/Fusion zuzustimmen. Es ist alles stringent und folgerichtig. Wer trotzdem das Eine oder Andere nicht verstanden hat, soll einfach dem guten Leumund und dem Verantwortungsbewusstsein der Förderer dieses Gedankens vertrauen. Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass man einen gewissen Vertrauensvorschuss erbringen muss. Bitte glauben Sie an die guten Absichten der Initiatoren. Letztlich geht es auch um Ihr Geld, wovon Sie ja erst einmal ein wenig einsparen.
Und zu guter Letzt sei darauf verwiesen, dass ja nachgerade hier in Stuttgart überdeutlich zu sehen ist, wohin es zwangsläufig führt, wenn man irgendwelchen Widerständlern zu lange nachgibt. Alle Planung wird handlungsunfähig, das Gesamtprojekt gerät in Gefahr. Letztlich kann es in niemandes Sinne sein, ausgerechnet dann auf demokratische Strukturen zu verweisen, wo das nichts zu suchen hat. Kultur und Kunst sind aus sich selbst heraus undemokratische Sachverhalte. Und das Buch ist eindeutig, daran gibt es nichts zu rütteln, ein Kulturgut. Was, wenn vielleicht auch nicht für alle Zeiten, man wird das abzuwarten haben, durch das Preisbindungsgesetz quasi amtlich ist.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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