Michael Henkel: Schlamm in den Straßen und Latte Macchiato im Pustet Büchercafé – geht’s noch?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Passauer Pustet-Filialleiter Michael Henkel.

Michael Henkel, 1970 im Landkreis Dillingen an der Donau geboren und aufgewachsen, nach Abitur und Wehrdienst ab 1991 Ausbildung zum Buchhändler bei Bücher Pustet in Augsburg mit anschließender Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis. 2001 Wechsel in die Filiale Passau, seit 2003 Filialleitung.

Der höchste Wasserstand seit 1500 – Passau taucht auf aus einer wahrhaften Jahrtausendflut. Sie sind gesund, Ihr Laden hat geöffnet – haben Sie Glück gehabt?

Michael Henkel

Michael Henkel: Wir hatten Glück – verglichen mit Rupprecht [mehr…] oder anderen Kollegen. Wir haben am Montagmittag zugesperrt – aus Sicherheitsgründen, da die Elektrizität jederzeit wegbleiben konnte. Wir wollten lieber die IT kontrolliert herunterfahren, als plötzlich ohne Strom dazusitzen und Datenverluste zu erleben. Außerdem wurde uns das Trinkwasser abgestellt. Keine Toilettenspülung ging mehr, und im Café konnten keine Getränke mehr zubereitet werden. Aber wir hatten kein Hochwasser im Laden – nicht mal im Lager im Keller.

Wie ist es Ihnen inzwischen ergangen?

Michael Henkel: Wir haben im wahrsten Sinn des Wortes eine Funkstille erlebt. Passau war nahezu vom Verkehr abgeschnitten, die einzige größere Zufahrtstraße überlastet. Festnetz und Datenleitungen funktionierten nicht mehr, da es an Strom fehlte. Aber auch die Handys fielen eines nach dem anderen aus, sobald die Akkus leer waren. Wir hatten einige wenige Mitarbeiter im Laden und wussten fast nichts über den Verbleib der übrigen. An eine Öffnung des Ladens war nicht zu denken. Das war der Dienstag. Am Mittwoch haben wir ganz normal geöffnet und halten seitdem mit etwas kleinerer Belegschaft den Betrieb aufrecht. Einige Kolleginnen und Kollegen werden zu Hause oder in den schwer betroffenen Teilen der Stadt dringender gebraucht oder haben Schwierigkeiten, überhaupt nach Passau hereinzukommen.

Und – läuft der Laden?

Michael Henkel: Von „laufen“ wollen wir nicht sprechen. Passau ist noch nicht zur Normalität zurückgekehrt, das wird noch Tage bzw. sogar Wochen dauern. Wer da ist, das sind unter anderem Katastrophen-Touristen, die die Einsatzkräfte und freiwilligen Helfer bei den Aufräumungsarbeiten behindern.

Man hört von Leuten, die zur Tarnung mit Werkzeugen bepackt die Gratiszüge für Helfer in die Einsatzgebiete missbrauchen.

Michael Henkel: Ob es derartige Fälle gibt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest parkt so mancher Tourist gerne kostenlos auf den Parkplätzen, die für auswärtige Hilfskräfte eingerichtet worden sind. Gratistickets für Helfer gibt es bei der Bahn zwar schon, aber ich will nicht behaupten, dass sogar diese missbräuchlich in Anspruch genommen werden. Die einen oder anderen sah man bei uns im Büchercafé entspannt einen Cappuccino schlürfen und den gerade gekauften Stadtplan studieren, bevor sie sich in die „heiße Zone“ begaben. Das war schon grenzwertig – aber was sollten wir dagegen tun?

Wie – Ihre Stadt säuft ab, und Sie schenken Kaffee aus?

Michael Henkel: Die Leute müssen ja was trinken. Das Wasser aus der Leitung darf wegen der Verkeimungsgefahr nicht ungekocht verwendet werden – da hilft so eine Kaffeemaschine weiter. Viele Kunden sind froh über ein heißes Getränk – und dafür, dass das Leben wenigstens an einigen Stellen halbwegs normal läuft. Aber wir haben auch Kritik einstecken müssen: Einerseits weil bei manchen Kunden kein Verständnis dafür bestand, dass wir eineinhalb Tage nicht geöffnet hatten. Andererseits aber auch, weil wir jetzt schon wieder geöffnet haben, statt mit allen verfügbaren Kräften bei den Aufräumungsarbeiten mitzuhelfen. Eine Buchhandlung ist dann halt doch ganz was anderes als etwa ein Supermarkt, der die halbe Nacht öffnet, um die Menschen mit dem Nötigen zu versorgen.

Hat Pustet einen Katastrophenplan?

Michael Henkel: Für solche Fälle hilft kein Katastrophenplan. Niemand hat einen Plan für ein Ereignis, das in seinen Auswirkungen so wenig vorhersagbar ist. Auch die Kommune war auf dieses Ausmaß nicht vorbereitet, obwohl Passau sehr viel Hochwassererfahrung hat. In Regensburg, Deggendorf oder Straubing, wo Pustet auch Filialen betreibt, ist ja die Lage ganz anders. Natürlich versuchen wir alle daraus für die Zukunft zu lernen.

Muss die Branche als Ganzes daraus lernen und solidarisches Handeln besser zu koordinieren suchen?

Michael Henkel: Ich kann mir das nur schlecht vorstellen. Jeder kämpft doch für sich allein mit Schwierigkeiten, die nur ihn betreffen. Wenn mein Laden bis unters Dach voll Wasser steht, hilft mir zum Beispiel kein längeres Zahlungsziel. Der eine braucht „nur“ dringend neue Ware, weil die alte verdorben ist, der andere muss erst mal das Gebäude sanieren. Wie wollen Sie das über einen Leisten schlagen? Es ist viel wichtiger, vor Ort zusammenzustehen.

Wie könnte das aussehen?

Michael Henkel: Wir bei Pustet haben uns darauf geeinigt, in künftigen Krisen die schwerer betroffenen Kollegen aus dem Buch- und sonstigen Handel noch stärker direkt zu unterstützen, indem wir alle verfügbaren Mitarbeiter zu Aufräumarbeiten abstellen. Und die eigene Wiedereröffnung findet dann eben erst einige Tage später statt. Lieber helfen wir – das ist besser für die ganze Stadt und letztlich auch für Pustet selbst.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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