Matthias Kierzek: ein neuer Börsengang „mit Eichborn drin“ – kann das gutgehen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Eichborn-Gründer Dr. Matthias Kierzek.

Matthias Kierzek, geboren 1950 in Fulda, entstammt einer Verleger-Familie. Bis 2002 leitete er als Geschäftsführender Gesellschafter die Fuldaer Verlagsanstalt. Mit Vito von Eichborn gründete er 1980 den Eichborn Verlag und brachte ihn 2000 an den SMAX der Frankfurter Wertpapierbörse – ein Segment des Regulierten Marktes. Heute lebt Matthias Kierzek als leidenschaftlicher Turnierschachspieler in Fulda.

Dr. Matthias Kierzek: nach dem Eichborn-Fiasko nun ein neuer Versuch in Köln, per Börsengang Geld einzusammeln – 30 bis 40 Millionen Euro. Von manchen rheinischen Kollegen sind wir einen gewissen Hang zur Selbstüberschätzung gewohnt – siehe Könemann, Zanolli & Co. Ist Lübbes „Going Public“ auch so ein Fall?

Matthias Kierzek

Matthias Kierzek: Ich würde nicht „Selbstüberschätzung“ sagen. Ich halte es aber für überambitioniert, wenn Bastei Lübbe jetzt an die Börse strebt. Die erklärte Absicht, die Wertschöpfungskette zu erweitern, hat mir ein Déja-vu-Erlebnis meiner eigenen Vergangenheit beschert. Auch Eichborn hat dies vor 13 Jahren angestrebt und ist kläglich damit gescheitert.

Erklären Sie unseren Lesern zunächst bitte mal die Börse!

Matthias Kierzek: Börsengang ist nicht gleich Börsengang. Lübbe geht in das edelste Segment, in den Prime Standard, ein noch anspruchsvolleres Segment als damals der Eichborn Verlag, der umgerechnet 12 Mio. Euro finanzieren konnte – als kleiner Player in seinem Markt, aber in einer börsenverrückten Zeit. Dieses Segment sichert den Anlegern mehr Transparenz als jedes andere. Daher bringt eine Notierung im Prime Standard erhebliche laufende Verpflichtungen wie ad-hoc-Mitteilungen, Konzernabschlüsse nach IFRS, jährliche Analystenkonferenzen, Quartalsberichte in englischer Sprache…]

… Englisch wird man doch wohl können im Verlag von Dan Brown und Ken Follett…

Matthias Kierzek: Die wesentlichen Konsequenzen für Bastei Lübbe sind mehrere Millionen Euro Kosten allein für den Börsengang und nicht unerhebliche Kosten im laufenden Geschäft für Zwischenabschlüsse, für Investorenkonferenzen, viel höhere Prüfungshonorare für Abschlüsse, weil die Wirtschaftsprüfer intensiver prüfen und sich viel stärker absichern müssen. Vor allem unterliegt Lübbe zusätzlich zum steuerrechtlich relevanten HGB-Abschluss den IFRS-Abschluss-Regularien. Das kostet Geld und Zeit. Den Termin für den IPO…

… den Börsengang…

Matthias Kierzek: … müssen sie in weniger als vier Monaten schaffen, wir haben seinerzeit neun Monate ab AG-Gründung gebraucht. Sie müssen einen Wertpapierprospekt nach dem Wertpapierprospektgesetz erstellen lassen, das ist ein Riesenaufwand, dafür schickt Ihnen das Emissionsinstitut Experten im Haus, die jeden Stein umdrehen und Jahre in die Firmengeschichte zurückgehen. Deswegen halte ich den 8.10.2013 für unrealistisch.

Ist die heutige Zeit mangels ertragsversprechender Anlage-Alternativen nicht genauso börsenverrückt wie damals?

Matthias Kierzek: Die heutige Zeit ist nicht börsenverrückt. Bedingt durch die Finanzkrise, hatten wir lange Zeit keine Börsengänge, und die wenigen, die es seitdem gab, hatten oft Schwierigkeiten bis hin zum Totalverlust. Denken Sie allein an die Probleme von Facebook, das mit weitem Abstand Marktführer ist. Lübbe hat in seinem Markt drei Konzerne als Wettbewerber. Die Platzierung von Neuemissionen ist viel schwieriger geworden, da alles sich öffentlich vollzieht. Wenn sie nicht im Zuge der „Roadshow“ vor dem eigentlichen IPO einen wesentlichen Teil der Anteile platziert haben, wird der Berater ihn abblasen. Evonik hat nach drei Fehlversuchen Erfahrung damit. Die schwierige Frage ist, ob Lübbe institutionelle Investoren gewinnt. Aber erfahrungsgemäß können diese mit immateriellen Werten wie Autorenrechten schlecht umgehen. Im letzten Halbjahresabschluss zum 30.09.2012 hat der Verlag offene Forderungen von über 23 Mio. ausgewiesen – bei Schulden von 57 Millionen Euro. Aber selbst die Forderungen bewerten Banken nur mit hohen Abschlägen.

Es heißt immer, ein öffentlich gehandeltes Unternehmen brauche eine „Story“ – ist die Lübbe-Story überzeugend, wenn man sie z.B. mit Eichborn vergleicht?

Matthias Kierzek: Eichborn hatte vor 13 Jahren eine Story, Lübbe hat sie heute auch, obwohl ich mir mehr Details und klarere Aussagen zur Unternehmensstrategie gewünscht hätte. Sicherlich kommt da bald mehr. Aber ich mache einige Fragezeichen an das, was schon veröffentlicht ist: Wie viel Sinn macht es, in eigene IT, generell in Technik zu investieren? – Der digitale Umsatzanteil liegt gerade mal bei 2%, und niemand kann voraussagen, wo sein Steigerungspotenzial endet.

Informiert der Verlag ausreichend?

Matthias Kierzek: Kernfrage bei jedem „Going Public“ ist, wie nachhaltig die „Story“ ist. Verlage und vor allem Publikumsverlage haben – um im Börsenjargon zu bleiben – grundsätzlich ein geringes „Upside-Potenzial“. Das bedeutet: ein Bestseller oder eine Serie von Erfolgen schießen sie nur äußerst selten vom Unternehmenswert her in eine neue Umlaufbahn. Dagegen sind die Risiken des Wertverlustes infolge Marktturbulenzen oder falscher Entscheidungen hoch. Um so größer ist die Bedeutung der betriebswirtschaftlichen Lage. Die Eigenkapitalquote ist mit 22,5 % in Ordnung. Die Verlagsgruppe hat in den letzten Jahren gut verdient und würde die notwendigen Investitionen aus dem Cashflow stemmen können. Aber was gegenwärtig den Anlegern als Rendite in Aussicht gestellt wird, ist für einen klassischen Verlag jedenfalls nur schwer zu realisieren. Selbst der Bertelsmann-Konzern, der sein Geschäft bekanntlich ebenfalls sehr gut versteht, hat seine Vorgabe für die Gesamtkapitalrendite von einst 15% deutlich nach unten korrigiert.

Macht damit der Lübbe-Börsengang keinen Sinn?

Matthias Kierzek: Ich sehe heute keine Notwendigkeit für die Kapitalaufnahme an der Börse – es sei denn, der Rückzahlungstermin für die vor zwei Jahren begebene Unternehmensanleihe drückt. Übrigens ist diese – Stand heute – ein ausgezeichnetes Papier. Nach den aktuellsten veröffentlichten Geschäftszahlen weiß ich allerdings nicht, wie Lübbe die zurückzahlen will. Lübbe müsste alternativ zum Börsengang – und vermutlich sicherer – entweder eine neue Anleihe aufnehmen oder auf eine umfängliche Bankkreditfinanzierung zurückgreifen. Im letzten Halbjahresabschluss sind jedenfalls nur noch 200.000 Euro liquide Mittel ausgewiesen.

Bankgeld und privates Risikokapital sind heute vermutlich günstig und ohne allzu drückende Verpflichtungen auch zu bekommen. Machen die laufenden und angekündigten Investitions-Projekte strategisch Sinn?

Matthias Kierzek: Ich hätte eher ins Kerngeschäft investiert – in das, was Verlage am besten können. Mir will aufgrund eigener Erfahrung nicht einleuchten, dass man, ohne das Knowhow zu besitzen, selbst in angrenzende Verwertungsstufen investiert. Die mangelnde Wachstumsperspektive im klassischen Buchmarkt sollte eher Anlass geben, darüber nachzudenken, wie man die traditionellen Substanzen stärken und anreichern kann.

Hat Lübbe nicht längst aufgehört, ein klassischer Verwerter von Autorenrechten in Buchform zu sein – denken Sie an die PBS-Beteiligung Räder oder den Werbemittelhersteller Präsenta, denken Sie auch an die Vermarktung von Serien, die aus dem reinen Pressegrossovertrieb ins digitale Geschäft erweitert werden sollen. Die Geschäftsführung hat ja wiederholt betont, wie viel Musik in Sinclair und Cotton ist.

Matthias Kierzek: Lübbe ist zugegebenermaßen im E-Book viel weiter als andere Verlage. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bergdoktor oder Jerry Cotton ein ausreichend großes digitales Potenzial im internationalen Maßstab haben, um dem Verlag eine Bewertung von rund 100 Millionen Euro zu geben, die er braucht, um sicher per IPO 30 bis 40 Millionen einzuwerben und trotzdem Herr im eigenen Haus zu bleiben. Das aktuell berichtete Wachstum ist gekauft durch die Integration von Beteiligungen.

Anders als im gedruckten Buch und anders als seine unmittelbaren Wettbewerber kontrolliert Lübbe die Heftchenserien zu 100%. Jede Serie wird wie ein Industrieprodukt kalkuliert, das sind keine Wetten wie im internationalen Bestsellergeschäft, die Aufnahmefähigkeit der internationalen Downloadplattformen ist unbegrenzt, Category Fiction, Lübbes traditionelle Domäne, ist dort der „Hero“, Rabatte, Druck- und Auslieferkosten fallen weg, die Margen stehen fest – was sollte Lübbe daran hindern, 100 Autoren- und Übersetzerteams an 100 Reihen zu setzen und diese weltweit auszurollen?

Matthias Kierzek: Ich kann mir das nicht vorstellen. Es wäre Lübbe zu wünschen, aber es tatsächlich zu glauben fällt mir schwer.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalog- und anderen Stammdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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