Lucien Leitess: die Vorschau auf dem Bildschirm – Zumutung oder Chance?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Unions-Verleger Lucien Leitess.

Lucien Leitess, geboren 1950, studierte Geschichte, Philosophie und Deutsche Literatur. Gründete 1977 den Unionsverlag, den er seither leitet. Markenzeichen des Unionsverlags ist die große Breite an literarischen Autoren aus der lateinamerikanischen, asiatischen, afrikanischen und arabischen Welt, deren Werk Lucien Leitess pflegte, während die übrigen Verlage noch fast ausschließlich auf europäische und amerikanische Autoren setzten.

Der Unionsverlag hat fürs Frühjahr 2012 eine ganz neu gestaltete elektronische Vorschau gemacht. Schön ist sie geworden – aber ist sie mehr als eine Spielerei?

Lucien Leitess
Foto: privat

Lucien Leitess: Also ich persönlich ächze immer, wenn von einem Verlag, der mich interessiert, die Printversion der Vorschau als PDF ankommt. Ich will sie lesen, aber das geht nicht ohne ständiges Zoomen, Rumschieben mit der Maus und Augenkneifen. Eine Doppelseite A4 mit den üblicherweise verwendeten, ganz unterschiedlichen Schriftgraden passt auf den Bildschirm wie die Faust aufs Auge.

Wie sieht eine e-Vorschau aus?

Lucien Leitess: Das Grundlayout beruht auf dem Blatt A4 quer. Das entspricht etwa den Proportionen des Bildschirms und erlaubt auch den vernünftigen Ausdruck. Die Schriftgrade müssen angepasst werden: Große Schriften (Headlines) kleiner, kleine Grade (Autorenbiografien, Zusatzinformationen) größer. Als Font muss man eine charaktervolle, aber bildschirmoptimierte Schriftfamilie wählen. Dann noch einige Buttons zum Blättern, eventuell externe Links auf die Verlagswebsite oder weiterführende Internetseiten setzen. Und abspecken! Denn zu viele Bilder und grafischer Schnickschnack lenken ab und blähen das PDF auf, so dass es als Mailanhang zu groß wird.

Nun ist das nicht die erste Verlagsvorschau im Flash-Format – was ist so besonders an Ihrer?

Lucien Leitess: Wir erstellen ein PDF, kein Flash. Das kann natürlich in Flash umgewandelt werden. Ich kenne keine digitale Vorschau im Querformat außer unserer, aber wer weiß, vielleicht haben wir das Rad neu erfunden Wie die Papier-Vorschauen der meisten Verlage basiert auch unsere auf Doppelseiten. Für die e-Version muss man umdenken: Nur die Einzelseite im Querformat passt optimal auf die heutigen Computerbildschirme und Tablets Außerdem haben wir uns die Mühe gemacht, für den Versand als E-Mail-Anhang eine extra schlanke Version zu erstellen, die bei 30 Seiten Umfang weniger als 10 MB umfasst.

Klingt eigentlich ganz einfach …

Lucien Leitess: Ein gutes Prinzip ist immer einfach. Die Tücken liegen im technischen Detail und haben uns viele Experimente gekostet. Wie viel Optimierung bei der PDF-Erstellung und Reduzierung der Bildqualität ist noch tragbar? Wie viel ist nötig, um den Mailanhang akzeptabel zu halten? Ferner: Wie viele andere Verlage stellen auch wir die Vorschau auf Online-Sites wie www.issuu.com und mussten feststellen, dass deren Umwandlungsprozesse fehlerhaft sind. Plötzlich erscheinen dort alle Links in massiven Rahmen, und die internen Verlinkungen z.B. im Inhaltsverzeichnis werden gelöscht. Also mussten wir letztlich mehrere Versionen der e-Vorschau erstellen. Noch haben wir nicht alle Probleme optimal gelöst.

Haben Sie das Projekt mit Bordmitteln gestemmt, oder hat Ihnen ein Dienstleister geholfen?

Lucien Leitess: Martina Heuer, unsere hausinterne Gestalterin, hat sich das Know-how erworben und alles selbst umgesetzt, da der Umgang mit diesen Technologien heutzutage zum hausinternen Herstellprozess gehören muss.

Eine Download- und Speicherfunktionalität sucht man in der Flash-Version vergebens…

Lucien Leitess: Danke für diesen Hinweis. Wir müssen bei der Bereitstellung auf externen Plattformen noch stärker darauf achten, die Funktionalität zu verbessern, damit der Nutzer die Vorschau herunterladen kann. Direkt von unserer Homepage aus können Sie das PDF herunterladen.

Mit welchen Geräten kann man die e-Vorschau lesen? Auf dem Android-Tablet ist es kein reiner Genuss…

Lucien Leitess: Das liegt nicht am Unionsverlag, sondern an issuu. Wenn Sie sich unser verlagseigenes PDF direkt auf Ihr Tablet laden, müsste es optimal funktionieren.

Stimmt – bis auf die Umlaute unter Acrobat Reader und die Verlinkungen. Aber Ihre schönen Cover sehen auf einem brillanten Bildschirm hinreißend aus. Wie viele Leute schauen sich so eine e-Vorschau an? Was können Sie messen?

Lucien Leitess: Wir messen nichts. Wir verzichten aus Datenschutzgründen auf die üblichen Verfahren, mit denen geprüft wird, wie viele Empfänger eine Datei nutzen. Da gibt es an sich ausgefuchste Tricks, z.B. unsichtbare Pixel, die dem Versender eine Rückmeldung geben, ob der Empfänger die E-Mail oder den Anhang geöffnet hat. Wir halten diese Techniken für Verstöße gegen die Privatsphäre der Benutzer. Wir haben aber Dutzende von Rückmeldungen bekommen, die positiv auf die Gestaltung reagiert haben. Die meisten aber, so scheint uns, nehmen sie als im Grunde selbstverständlich, das ist ja auch ein schöner Erfolg.

Und wenn sich ein Preis oder ein Umschlag ändert, produzieren Sie dann ein Update?

Lucien Leitess: Wir produzieren bestimmt ein Update und wechseln die Cover aus zu dem Zeitpunkt, wo die Umschläge in der Version vorliegen, in der sie gedruckt werden. Zu dem Zeitpunkt werden ja überall die neuen Cover eingestellt, im VlB, bei den Internetbuchhandlungen und natürlich auch auf unserer eigenen Website.

Haben Sie dafür einen automatisierten Workflow?

Lucien Leitess: Das läuft halbautomatisch. Wir müssen das selbst auslösen. Da gibt es noch viel zu tun.

Wie verbreiten Sie die e-Vorschau? Mangels aktiver E-Mail-Nutzung wird der Sortimenter vor Ort ja als Bezieher noch weitgehend ausfallen.

Lucien Leitess: . Die Papiervorschau verschicken wir weiterhin an alle Buchhandlungen und an den Großteil der Presse. Im Grunde verschicken wir nicht weniger Papiervorschauen. Aber mit der e-Vorschau können wir darüber hinaus jeden informieren, der sich interessiert – sogar Endkunden, sobald die Bücher erschienen sind. Wer sich für unsere Verlagsinformationen interessiert hat, bekam früher einmal im Jahr unser Gesamtverzeichnis – heute erhält er zusätzlich nach Erschienen der Bücher unsere e-Vorschau Eine E-Mail kostet nichts. Aber es ist unfreundlich, PDF-Leser zu quälen.

Haben Sie schon Reaktionen erhalten?

Lucien Leitess: Als erste waren jene Vertreterinnen und Vertreter, die mit dem Tablet in den Buchhandlungen präsentieren, begeistert. Die Papiervorschau liegt beim Einverkaufsgespräch oft nicht mehr vor. Jetzt ist sichergestellt, dass der Einkäufer sehen kann, wovon man redet. Immerhin eine Hürde weniger beim Einverkauf. Auch aus anderen Richtungen kommen erste erfreute Reaktionen.

Wie gut verkaufen Sie „mit e-“? Was sagen Ihnen die Zahlen?

Lucien Leitess: Das lässt sich noch nicht messen. Und für den Buchhandel ist die Papierform ja unübertroffen. Aber darüber hinaus freuten sich viele, die bisher nicht im Papiervorschau-Verteiler waren, über die Informationen.

Hoffen Sie auf Nachahmer – oder gar auf Abnehmer Ihrer Lösung?

Lucien Leitess: Es wäre schön, wenn sich Kollegen davon inspirieren lassen. Uns allen würde es helfen, wenn die elektronischen Vorschauen vom Ruch der Benutzerfeindlichkeit befreit und gerne gelesen würden. Eine gute Gestaltung sollte Branchenstandard werden. Letztlich geht es darum, für ein neues Medium die adäquate Gestaltung zu finden. Auf Abnehmer nein – so etwas lässt sich weder patentieren, noch denken wir an solche Zusatzgeschäfte. Auch Henry Ford hat das Steuerrad nicht patentieren lassen.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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