"Große Bestseller haben die Kraft, gesellschaftliche Widersprüche in sich aufzunehmen und zu versöhnen" Jörg Magenau über Lesarten und darüber, wie Bücher die Welt verändern

Heute in unserem Autorengespräch (immer am Freitag) Jörg Magenau: Er  studierte in Berlin Philosophie und Germanistik. Er gehörte zu den Gründern der Wochenzeitung Freitag, deren Literaturredakteur er bis 1996 war.

Jörg Magenau (c) Anna Weise

 

Magenau arbeitete für die taz, die FAZ und ist seit 2002 freier Autor, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk Kultur. Nach umfassenden Biographien über Christa Wolf, Martin Walser und über Ernst und Friedrich Georg Jünger erschienen von ihm zuletzt Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47 und bei Hoffmann und Campe Schmidt–Lenz. Geschichte einer Freundschaft (2014). Sein neuestes Buch Bestseller. Bücher, die wir liebten –  und was sie über uns verraten (HoCa) erscheint am 20.Februar und thematisiert die Geschichte der Bestseller in der Bundesrepublik von 1945 bis heute. Anlass für Fragen an den Autor:

BuchMarkt: Worum geht es in Ihrem Buch?

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Jörg Magenau: Äußerlich gesehen ist es eine Geschichte der Bestseller in der Bundesrepublik von 1945 bis heute. Dabei wollte ich herausbekommen, was den Erfolg eigentlich ausmacht. Bestseller lassen sich ja nicht so einfach planen – zum Leidwesen der Verlage. Wenn es eine verlässliche Bestsellerformel gäbe, dann wäre das Buchgeschäft sehr viel leichter. Aber die Bücher selbst sind ja immer nur ein Faktor des Erfolgs. Genauso wichtig ist der Zeithintergrund, in dem sie stehen. Der Zeitpunkt ihres Erscheinens, die Debatten, die vorausgingen, andere Bücher, die den Weg ebneten usw. Sie antworten auf bestimmte gesellschaftliche Stimmungen, verstärken sie aber zugleich oder rufen sie hervor. Deshalb lassen sich Bestseller auch nicht unbedingt von einem Land aufs andere übertragen. Was hier einen Massenzuspruch auslöst, kann dort ein totaler Flop sein. Die Geschichte der Bestseller ist immer auch eine Geschichte der vorherrschenden Stimmungen. Davon handelt mein Buch.

Also so eine Art Mentalitätsgeschichte?

Ja. Ich glaube, das ergibt sich daraus. Sie führt von der Nachkriegstraumatisiertheit über Wirtschaftswunderverdrängung in die 80er Jahre als Jahrzehnt der „German Angst“ und dann über die Wende hinweg in die eher hysterisch gestimmte Gegenwart mit ihrer Vorliebe für das geheime Leben der Bäume. Zugleich hat mich die ganze Zeit interessiert, was sich beim Lesen genau ereignet. Wie wir Texte aufnehmen und erfassen und was dabei mit uns passiert, ist ja eine sehr rätselhafte, unerforschte Sache. Lesen ist zunächst ein sehr einsamer, individueller Vorgang. Man begegnet einem Buch, taucht darin ab und wenn es gelingt, dann lebt man als Leser versuchsweise ein anderes Leben, macht neue Erfahrungen und lernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wer liest, flieht vielleicht in eine fremde Wirklichkeit, kehrt aber von dort aus verwandelt zurück. Lesen ist ein Verschmelzungsakt, etwas zutiefst Erotisches. Dieser Erotik wollte ich nachgehen. Deshalb auch der Untertitel „Bücher die wir liebten – und was sie über uns verraten“. Denn die Bücher erzählen nicht nur von sich und ihren Themen, sondern noch viel mehr erzählen sie von uns, den Lesern.

Das gilt auch für Bestseller?

Das gilt ganz besonders für Bestseller. Da kommt es zu einer seltsamen Verschiebung, weil das, was jeder für sich alleine tut – das Lesen – plötzlich zu einem massenhaften Vorgang wird. Das ändert aber nichts an der Sache oder nur insofern, als jeder einzelne sich ins Verhältnis setzen kann zu all den anderen Lesern. Am Phänomen der Bestseller lässt sich erkennen, dass man als Leser vielleicht doch nicht so einzigartig und individuell ist wie man glaubt, sondern dass es vielen anderen mit einem bestimmten Buch auch so ähnlich erging. Bestsellerlisten dienen auch dazu, sich selbst mit seinem Geschmack, seinen Vorlieben, seinen Interessen in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang anzupassen. Wer sich als Leser auf der Bestsellerliste wiederfindet, erkennt: Ich bin nicht allein!

Wie entstand die Idee zu diesem Buch?

Zunächst war es wirklich die Idee, anhand einiger wichtiger Bücher eine Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen und nebenbei die Mechanismen des Buchmarktes zu erklären. Das ist natürlich nur in einer radikal subjektiven Auswahl möglich. Es hat sich dann auch rasch eine Typologie ergeben, bestimmte Muster, die sich wiederholen. Wenn man begriffen hat, wie Dale Carnegies „Sorge dich nicht, lebe!“ funktioniert – die Mutter aller Ratgeber! -, hat man das Ratgeberprinzip grundsätzlich begriffen. „Sorge“ ist dabei der zentrale Ansatzpunkt. Es geht immer um die Sorge um sich, und sei es auch, wie in diesem Fall, um die Sorge vor den Sorgen. „Simplify your life“ war der direkte Nachfolger, und im Grunde liefern Bücher wie „Darm mit Charme“ auch nur charmante Antworten auf bestimmte Sorgen, die damit obsolet werden sollen.

Wie haben Sie die Masse der Bücher, um die es bei diesem Thema zwangsläufig geht, in den Griff bekommen?

Der entscheidende Kunstgriff war die Idee, das Ganze in der Wir-Form zu erzählen. Ich habe mich als Erzähler in das Wir der großen Leserschaft hineingeschrieben. Das erlaubte mir einerseits, subjektiv zu sein und zu bleiben – anders geht es nicht –, bewahrte mich aber auch vor Hochnäsigkeit und billiger Kritik von oben herab. Ich wollte die Bücher ja stark machen, ich wollte zeigen, was sie können und habe mir deshalb Bücher ausgesucht, zu denen ich ein liebendes Verhältnis entwickeln konnte.

Gibt es nicht doch so etwas wie ein Erfolgsrezept oder eine Bestsellerformel?

Es gibt zumindest bestimmte Muster, die sich wiederholen. Dass Bestseller zum Beispiel häufig an frühere Erfolge anknüpfen und sie auf neue Weise variieren. Wiederholung von Bekanntem, das aber zu überraschenden Änderungen führt, ist ein Erfolgsrezept. Große Bestseller haben die Kraft, gesellschaftliche Widersprüche in sich aufzunehmen und zu versöhnen. So ist zum Beispiel der Erfolg von Shades of Grey damit erklärbar, dass dort ein Frauenmodell propagiert wird, das durchaus modern ist: eine selbstständige, starke Frau, die sich aus freien Stücken unterwirft. Zugleich bietet das Buch aber ein klassisches Männermodell: Der geheimnisvolle Mann mit viel Geld – und am Ende führt dann doch alles in die altvertraute Ehe. So kommen Wirklichkeit und Sehnsüchte ins Lot. Überraschend für mich auch, in wie vielen Bestsellern das Lesen selbst eine Rolle spielt. Wir lieben es offenbar, von Lesenden zu lesen. Schlinks „Vorleser“ wäre da ein Beispiel, oder „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder. Ersatzweise können es auch Schreibende sein – wie in der „Blechtrommel“ oder in der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Schreiben und Lesen sind ja zwei Seiten einer Medaille. Und es gibt das Muster der gezeichneten Helden mit einer übersinnlichen Fähigkeit, Menschen, die so sind wie du und ich, sich davon aber durch etwas Geniales oder eine übersinnliche Fähigkeit abheben. So ist der der bucklige Grenouille in „Das Parfum“ ein Genie des Riechens, und der durch eine Narbe gezeichnete Harry Potter kann zaubern.

Welche Leserschaft wollen Sie damit ansprechen?

Ich hoffe und wünsche mir, dass es ein Buch ist für alle Leser, also für alle Menschen, die Bücher lieben und die von Büchern geliebt werden. Jedenfalls für alle Leser ohne Vorurteile, die nicht auf Bestseller herunterschauen. Wenn es stimmt, dass Leser gerne vom Lesen lesen, dann gilt das für dieses Buch ganz besonders. Es handelt von nichts anderem als von Lesarten und davon, wie Bücher die Welt verändern.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Das müsste doch eigentlich schon reichen als Argument. Ich habe bei Gesprächen mit Freunden bemerkt, wie begeistert die immer auf das Thema angesprungen sind und sofort damit angefangen haben, nach den Büchern zu suchen, die da in Frage kämen oder die für sie selber wichtig waren. Das ist ja immer auch eine persönliche Lesebiographie, die so entsteht. Umberto Ecos „Der Name der Rose“ haben vermutlich alle gelesen damals, Anfang der 80er Jahre. Und wer wissen will, warum sich die Deutschen heute vorzugsweise mit dem Wald beschäftigen und Peter Wohlleben zu ihrem Lieblingsförster gemacht haben, bekommt auch ein paar sachdienliche Hinweise in Sachen Naturbuchboom.

In welchem literarischen Umfeld sehen Sie das Buch im Laden?

Eigentlich kann es nur direkt an der Kasse liegen, weil es ja alle Leser ansprechen müsste. Oder in der Nähe der Bestsellerregale, weil das der Gegenstand ist, der in diesem Buch behandelt wird. Es ist ein Sachbuch, klar, auch wenn ich die übliche Einteilung des Buchmarktes in Fiktion und Non-Fiktion nicht mitmache. Es gibt allzu viele Grenzfälle: Romane, die dokumentarisch sind, Sachbücher, die eher fiktiv genannt werden müssen und Biographisches, das auf den Listen mal hier und mal da eingeordnet wird.

Haben Sie spezielle Schreibgewohnheiten?

Eigentlich nicht. Ich bin ein professioneller Schreiber, der es gewohnt ist, für Zeitungen und Radio pünktlich und einigermaßen formgerecht zu liefern. Bei mir hängt aber alles am Anfang. Manchmal brauche ich Tage, um für einen Artikel oder eine Buchbesprechung einen ersten Satz zu finden. Der Rest ist dann schnell geschrieben. Bei einem Buch ist das ähnlich, nur dass da die Suche nach dem Anfang – oder dem richtigen Tonfall – Monate dauern kann. Wenn ich dann aber angefangen habe, dann ergibt sich daraus der Rest. Das ist dann eher Arbeit, ein Marathonlauf, der sich aus vielen kleinen Schritten zusammensetzt. Eines Tages fertig zu sein – oder zumindest zu behaupten: so, jetzt bin ich fertig – ist jedes Mal ein kleines Wunder.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Keinen unnötigen Lärm machen und keinen Dreck hinterlassen. Mein Motto als Radfahrer: Was nicht dran ist, kann nicht klappern. Das gilt womöglich auch fürs Bücherschreiben.

Was lesen Sie privat gerne und was lesen Sie aktuell?

Als Literaturkritiker lese ich eigentlich alles, hauptsächlich aber deutschsprachige Literatur. Bestseller kommen dabei auch vor, sind aber eher selten. Ich lese viel einfach so weg und vergesse auch sehr schnell wieder. Trotzdem bildet sich ein Bodensatz an Erfahrungen, hoffe ich zumindest, und in jedem Jahr gibt es ein paar Bücher, die mir wirklich wichtig sind und die bleiben. Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ fand ich in diesem Jahr bisher sehr, sehr stark. Im Herbst hat mich besonders Peter Nadas mit den „Aufleuchtenden Details“ beschäftigt, eine opulente, Jahrhunderte umfassende Autobiographie. Bei solchen Leseerlebnissen ist es wie bei den Bestsellern: Es gibt kein Gesetz und keine Formel, sondern immer wieder die Überraschung, an einer unerwarteten Stelle getroffen zu werden. Wirkliches Lesen ist der Versuch, der Welt gegenüber offen und ansprechbar zu bleiben.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Manfred Flügge über sein neues Buch “Stadt Ohne Seele” (Aufbau).

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