Hans-Peter Siebenhaar: Wem gehören eigentlich ARD und ZDF?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Handelsblatt-Redakteur und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar. Der Anlass: Heute erscheint bei Eichborn Siebenhaars Buch „Die Nimmersatten“, in der er „das aus den Fugen geratene öffentlich-rechtliche Rundfunksystem“ beschreibt, für das er eine radikale Umkehr fordert. Deswegen die Eingangsfrage:

Herr Dr. Siebenhaar, wem gehören denn nun ARD und ZDF?

Hans-Peter Siebenhaar
Foto: Pablo Castagnola

Dr. Hans-Peter Siebenhaar: Jedenfalls nicht den Parteien.

Aber Sie haben die Parteien im Auge, wenn Sie einen so polemischen Titel wie „Die Nimmersatten“ wählen.

Aus Sorge um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Noch vor fünf Jahren erhielt ich auf kritische Beiträge über das schiefe System von ARD und ZDF noch zweigeteilte Meinungen. Heute hat sich das Blatt gewendet. Angesichts der vielen Skandale um Bestechung, Misswirtschaft und Bestechung haben die Anstalten in weiten Teilen der Gesellschaft den Rückhalt verloren.

Können Sie das genauer beschreiben?

ARD und ZDF kämpfen bislang erfolglos gegen den Generationsabriss. Die Vergreisung des Publikums ist eine der größten Bedrohungen. Beispielsweise ist der Zuschauer des Bayerischen Rundfunks durchschnittlich 64 Jahre alt. Bei anderen Dritten Programme oder beim Ersten oder Zweiten sind es ebenfalls mehr als 60 Jahre. Neue Angebote wie die Digitalkanäle senden quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Was sind die Konsequenzen dieses Methusalem-Komplotts?

Durch die Überalterung droht ARD und ZDF ein Legitimationsproblem. Wie kann zum 1. Januar eine sogenannte Mediensteuer eingeführt werden, wenn junge Menschen kaum noch die Angebote nutzen? Die Anstalten laufen in die Abseitsfalle.

Welche Lösung haben Sie denn parat?

Eine einfache Lösung gibt es nicht. Das Gebührenfernsehen muss komplett umdenken. Es muss den Zuschauer, den Gebührenzahler in den Mittelpunkt stellen. Bisher sind die Anstalten im Quasi-Eigentum der Parteien. ARD/ZDF und die Politik sind eine unheilvolle Symbiose eingegangen. Beide profitieren davon: Die Parteien ebnen die Weg für jährlich 7,5 Milliarden Euro an GEZ-Gebühren, im Gegenzug bieten die Anstalten den Politikern die große TV-Bühne.

Welche Alternativen gibt es denn?

Die Parteien müssen rundfunkpolitisch enteignet werden. Nicht den Politikern, sondern den Bürgern gehören ARD und ZDF. Besseres Fernsehen für weniger Geld wird erst dann möglich sein, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus den Fängen der Parteien und Lobbyisten befreit ist. Die Symbiose aus Anstalten und Parteien hat zu einer absurden Normalität geführt, in der Sparsamkeit, Transparenz und Anspruch unter die Räder gekommen sind.

Nehmen die Anstalten die Zuschauer ernst?

Ich glaube, viel zu wenig. Die Zuschauer sind nicht so niveaulos, wie sich das die Programmmacher von ARD und ZDF vorstellen. In einer Wissensgesellschaft wie der deutschen erwarten die Abonnenten des öffentlich-rechtlichen Bezahlfernsehens inhaltliche Exzellenz und keine austauschbare Berieselung. Nur so bleibt er relevant.

Welches öffentlich-rechtliche System würden Sie sich am Ende des Tages wünschen?

Ein öffentlich-rechtliches System, das auf anspruchsvolle Inhalte als konsequenter Kontrast zu den Privaten setzt. Ich halte nichts von staatlich verordneten Zwangsgebühren. Ich wünsche mir ein öffentlich-rechtliches Bezahlfernsehen auf freiwilliger Basis. Ähnlich wie in der Kirche wird es dem Bürger überlassen, zu entscheiden, ob er Teil des System bleiben möchte.

Ist das nicht der Tod von ARD und ZDF?

Nicht unbedingt. ARD und ZDF müssen sich mit ihren medialen Qualitätsangeboten im Fernsehen, im Hörfunk und im Internet nur unersetzlich machen. Einmaligkeit statt Beliebigkeit ist die Devise. Dann funktioniert auch ein System auf Freiwilligkeit. Die Kirchen machen das seit vielen Jahrhunderten vor. Millionen von Menschen in unserem Land halten ihre Angebote für unverzichtbar und zahlen deshalb.

Die Buchpräsentation findet übrigens am 29. November 2012, um 19.30 Uhr, im MünzSalon, Münzstraße 23, 10178 Berlin statt – mit Gerhard Zeiler, Präsident von Turner Broadcasting System International. Zeiler war lange Jahre Vorstandschef der RTL Group und Generalintendant des ORF. Moderiert wird das Gespräch von Ralph Kotsch, stellvertretender Chefredakteur Berliner Zeitung.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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