Felix Schlatter – ein Schweizer Hotelier als Christkind, das einen bedrängten deutschen Buchhändler vor dem Untergang rettet?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Felix Schlatter, Hotelier und – fast – Käufer der Hamburger Buchhandlung Wohlers.

Felix Schlatter, geboren 1947 in Zürich, führt seit 1994 das Hamburger „Literaturhotel“ Wedina, bekannt als Logis von Autoren wie J.K. Rowling, Jonathan Franzen oder Per Olov Enquist. Nach kaufmännischer und Hotelfachausbildung lebte er in den USA und – seit 1971 – in St. Moritz.

Felix Schlatter: Sie haben jetzt ein fast filmreifes Buchhandels-Drama beendet – das um die Buchhandlung Wohlers [mehr…]. Was ist passiert?

Felix Schlatter

Felix Schlatter: Der Film ist noch nicht ganz zu Ende. Das Finale kommt noch mit dem Einzug von Wohlers in der Langen Reihe 38, der ist geplant für den 2. Januar 2013. Wohlers musste infolge einer Mieterhöhung um 200 % sein angestammtes Ladenlokal verlassen. Wir haben einen guten Engel gefunden, Herrn Karl-Heinz Ramke von der Firma Haueisen, der in selbstloser Weise ein sehr schönes Geschäft in unmittelbarer Nachbarschaft bereitstellen konnte.

Welchen Anteil hatten Sie an der Rettungsaktion?

Felix Schlatter: Mein Anteil war dieser: in der ersten Phase der Verhandlungen mit dem bisherigen Vermieter Jendrusch konnte ich deblockieren. Zusammen mit anderen und unterstützt von meinem Rechtsanwalt übernahm ich die Verhandlungsführung und die Gespräche hinsichtlich finanzieller Unterstützung. Als Herr Jendrusch plötzlich einen Mietvertrag präsentierte, stand ich als Vertragspartner darin und unterzeichnete. Plötzlich war ich Mieter einer Buchhandlung. Auf Umwegen kam der Vertrag mitsamt den Begleitumständen an die Öffentlichkeit, und Herr Jendrusch nahm dies zum Anlass, seinerseits nicht zu unterzeichnen, sondern eine Nachforderung zu stellen. Die Öffentlichkeit im Stadtteil – das ist hier wie ein Dorf – reagierte sehr empört. Die Lange Reihe war zeitweise durch Hunderte Demonstranten blockiert. Die Straße ist sehr wichtig für die Anwohner und damit auch für die Geschäftsleute, denn hier ist Laufkundschaft. Mein Hotel ist 200 m von der Buchhandlung entfernt. In den Seitenstraßen fehlt die Sichtbarkeit, die sind für den Handel ungeeignet. Als die Verhandlungen mit Herrn Jendrusch scheiterten, habe ich aktiv auch den Plan B unterstützt, der darin bestand, einen anderen geeigneten Standort in der Langenreihe zu finden.

Sie gehören zum Jet Set von St. Moritz und retten eine Hamburger Buchhandlung – hält man Sie in Graubünden für plemplem?

Felix Schlatter: (lacht). Ich gehöre nicht zum Jet Set. Mich sehen Sie nicht im Smoking herumlaufen oder im Porsche herumfahren. Wir betreiben in St. Moritz eine Genossenschaft, die kulturelle Statuten hat – das „Laudinella“. Dazu gehört auch ein sehr großes Mittelklasse-Hotel mit 200 Zimmern und fünf Restaurants. Bis 1991 habe ich in St. Moritz den Schweizer Hof geleitet und mich anschließend in Hamburg mit dem „Wedina“ selbstständig gemacht. 1994 hat man mich gebeten, das „Laudinella“ zu führen mit der Maßgabe, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für unsere Gäste zu gewährleisten. 40 % der Kapazitäten in St. Moritz werden von Fünfsternehotels bereitgestellt, und es muss noch etwas anderes geben. Wir sind ein „Hôtel unique“ im Dreistern-Bereich, kein Jet Set.

In Hamburg hieß es nach den Demonstrationen, dieselben Leute, die Wohlers durch Nichtkaufen in Schwierigkeiten brachten, machten das größte Geschrei um die Buchhandlung. Wie weit würden Sie den Hamburger Verbrauchern trauen?

Felix Schlatter: Mit gewissen Einschränkungen kann ich sagen, dass die Bevölkerung von Sankt Georg sich sehr solidarisch gezeigt hat mit Wohlers. Auf der anderen Seite gab es einen positiven Werbeeffekt. Die Gentrification von Sankt Georg ist nicht im Sinne der Menschen hier. Mieterhöhungen, Luxussanierung, Verdrängung – die Seele verkümmert, wenn Profit-Maximierung an erster Stelle steht. Der kleine Käseladen, das Kräuterhaus, der spanische Lebensmittelhändler können hier nicht mehr existieren. Die Mieterhöhung für Wohlers war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Der Menschen ist der Kragen geplatzt. Ob die jetzt alle Bücher kaufen, bleibt abzuwarten.

Wie kommen Sie in St. Georg an – bei den Kunden, beim Personal, bei den Nachbarn?

Felix Schlatter: Seit 1994 pendle ich zwischen Hamburg und dem Engadin. Ich habe meinen zweiten Wohnsitz in der Gurlittstraße 23 und ein sehr gutes Verhältnis mit meinen Nachbarn. Das Hotel Wedina ist eine Art kleiner Dienstleistungsstelle für die Nachbarschaft. Wir nehmen Pakete an, wenn die Leute nicht zuhause sind, oder verwahren Hausschlüssel. Das Hotel selbst ist in vier kleinen Gebäuden untergebracht, dadurch gibt es Verkehr über die Straße, wir sind sichtbar. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Wie geht es weiter mit Ihnen und Wohlers?

Felix Schlatter: Ich habe Herrn Wohlers gestern gesagt, wenn er beim Umzug helfen braucht wie zum Beispiel ein Zwischenlager, dann soll er sich an uns wenden. Er ist nicht allein gelassen. Man muss sich wehren – für die Kultur. Die ist schlussendlich unsere Existenz. Die Probleme des Buchhandels bestehen fort, wir können sie nicht lösen. Aber in diesem Fall ist es uns gelungen, einen Aufschub zu schaffen. Es ist ein Lichtblick.

MichaelLemster
© Andres/Wessely

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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