Dr. Rainer Schöttle – wie könnten freie Lektoren noch mehr leisten für Verlage (und mehr verdienen)?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den freien Lektor und Producer Rainer Schöttle.

Dr. Rainer Schöttle, geboren 1958 in Hagen, wollte eigentlich Journalist werden, wuchs dann aber nach Studium von Sozialwissenschaften und Publizistik in Bochum durch seine Ausbildung beim philosophischen Verlag Felix Meiner in die Verlagswelt hinein. Die Chance eines Stipendiums nutzend, promovierte er anschließend in Politikwissenschaft an der Uni Hamburg, ging dann als Lektor zu Stadler, bevor er bei Ehrenwirth und später bei Ravensburger Programm machte. Sein Dr . Rainer Schöttle Verlagsservice feierte jetzt zehntes Jubiläum.

Dr. Rainer Schöttle: Stellen wir uns mal „janz dumm“ – was ist ein freier Lektor?

Dr. Rainer Schöttle

Rainer Schöttle: „Janz dumm“ – wenn Sie auf „Die Feuerzangenbowle“ anspielen, versuche ich wie Heinz Rühmanns Lehrer janz dumm zu antworten: Freiberufliches Lektorat hat viele Betätigungsfelder: von der Redaktion eines gedruckten Romans bis zur Schlussredaktion einer Fachzeitschrift, vom Werbetext bis zur Website-Korrektur. Ich selbst bin seit meiner Berufsanfängerzeit ein Verlagsmensch, und das werde ich auch bleiben. Die Entwicklungen im Programmbereich, in herstellerisch-technischer Hinsicht und im Hinblick auf die elektronischen Vermarktungsformen machen die Verlagswelt ja auch immer wieder spannend.

Bekommen Sie von Technik und Vermarktung denn so viel mit, wenn Sie so im stillen Kämmerlein am Text arbeiten wie Hieronymus im Gehäus?

Rainer Schöttle: Wenn’s noch so wäre wie bei Hieronymus – spontan fällt mir bei diesem Dürer-Bild auch „Lektor, Tod und Teufel“ ein – dann wäre es schlecht um unsereinen bestellt. Der Mann hat zwar einen Heiligenschein, ist aber durch Hund und Löwe von der realen Welt getrennt. Freies Lektorat steht jedoch mitten in der publizistischen Realität – zwangsläufig. Und oft bleibt es ja nicht allein beim Text. Manche Verlage drücken mir ein fremdsprachiges Buch in die Hand, dazu eine CD mit Layout-Daten, und mein Auftrag lautet: „Liefern Sie uns die fertigen Druckdaten für eine deutschsprachige Ausgabe dieses Buches.“ Wie und mit wem ich das realisiere, ist meine Sache. Das nennt sich Producing und ist die netzwerkbasierte Erweiterung des Lektorats zu einem „Rundum-Sorglos-Service“ für die Kunden.

Sie reden vom Netzwerken – kommen Sie denn an Lieferanten ran, die die Lektorate und Herstellungsabteilungen der Verlage nicht kennen?

Rainer Schöttle: Um ein solches Kombi-Pack zu realisieren, braucht es die richtige Kombination von KollegInnen. Erst kürzlich habe ich ein Projekt bis zur Druckreife betreut, an dem drei Übersetzerinnen parallel gearbeitet haben, und ich habe mich in der redaktionellen Bearbeitung zusammen mit einer Kollegin bemüht, daraus einen Buchtext aus einem Guss zu machen, eine weitere hat Korrektur gelesen. Wenn solche Koordinierungstätigkeiten ein Freiberufler übernimmt, sind Lektorat und Herstellung in den Verlagen durchaus entlastet und erleichtert. À propos Netzwerken: Die vorausgegangene 18-jährige Verlagstätigkeit hat mir ein großes Plus gegeben. Meine Kunden in den Verlagen wissen, dass ich ihre Seite des Schreibtisches genau kenne, und das erleichtert die Kommunikation ungemein.

Wie professionell geht es auf der anderen Seite des Schreibtisches heute zu?

Rainer Schöttle: Die VerlagslektorInnen, mit denen ich zu tun habe, sind ohne Ausnahme hoch kompetente Leute, die – Georg Reuchlein hat es im BuchMarkt-Fragebogen angesprochen – viel zu viel Zeit in Sitzungen verbringen müssen und deshalb einen Teil der Arbeit, die sie gut können, an Freiberufler untervergeben. Und sie tun das natürlich mit einem hohen Anspruch an Qualität und Zuverlässigkeit seitens des Auftragnehmers. An dieser „Schnittstelle“ funktioniert die Zusammenarbeit meiner Erfahrung nach prima. Die größte Gefahr für den Berufsstand der freiberuflichen LektorInnen allerdings ist die zunehmende Anspruchslosigkeit des Lesepublikums im Hinblick auf sprachliche Korrektheit und Eleganz.

Das lässt Zweifel an der langfristigen Marktperspektive aufkommen…

Rainer Schöttle: Nein, aber ein Bewusstsein der Notwendigkeit, sich den Veränderungen des eigenen Berufsfeldes anzupassen. Die arbeiten mal für, mal gegen uns. Um ein Beispiel zu nennen: Seit mindestens 15 Jahren schreiben sich die Verlage eine Reduzierung der Titelflut zugunsten von weniger Titeln mit höheren Auflagen auf die Fahnen. Dass das ein frommer Wunsch geblieben ist, erhält Leuten wie mir eine gute Auftragslage. Außerdem kann etwa die E-Book-Entwicklung eine Reihe von Betätigungsmöglichkeiten für freiberufliche Lektoren eröffnen. Abzuwarten bleibt, wie sich dieses neue Marktsegment innerhalb des Buchhandelsgeschäfts machen wird. Wird sich da bald die Spreu vom Weizen trennen oder wird sich das Internet als unerschöpfliches Auffangbecken erweisen, in dem unlektorierter Textschrott sich gleichberechtigt neben sorgfältig bearbeiteten Verlagsproduktionen tummelt? Werden Autoren sich die Unterstützung freiberuflicher Lektoren holen oder sich zugunsten eines intensiveren Marketings lieber die Kosten für eine redaktionelle Textbearbeitung sparen?

Wie orientieren Sie sich über derartige Fragestellungen? Die haben ja strategische Bedeutung für Sie.

Rainer Schöttle: Für freiberufliche LektorInnen gibt es eine segensreiche Einrichtung: den
Berufsverband VFLL. Gerade in Zeiten, in denen in den Verlagen die Fortbildungsangebote und In-House-Schulungen mehr und mehr zusammengestrichen werden, kann die vom Berufsverband geleistete Fortbildungsarbeit die Position der Freien stärken. Und der Verband ist ein Netzwerk aus hoch qualifizierten KollegInnen, die in freier Kooperation auch größere Verlagsprojekte zu stemmen vermögen. Da ist so hohe Professionalität und Kollegialität im Spiel, wie „die andere Seite des Tisches“ sie sich nur wünschen kann. Und übrigens sind auch die Podiumsdiskussionen des Börsenvereins auf den Buchmessen ein gutes Forum, um die Marktentwicklungen im Auge zu behalten.

Der Verdacht steht im Raum, dass die Freien diese Professionalität nur unzureichend monetarisieren, da zu viele musische Zahnarztgattinnen im Markt sind…

Rainer Schöttle: Man kann davon leben, aber wer einen festangestellten Partner hat, schläft ruhiger … „Selbst verschuldete Armut“ hat ein bekannter Programmleiter mal den Schritt ins freiberufliche Lektorat genannt. Ohne die Künstlersozialversicherung wäre die leider überwiegende Präkariatsexistenz freiberuflicher Lektoren noch extremer. Im Übrigen stellen Sie da aber die Falschen an den Pranger: Das Problem sind nicht die viel zitierten Zahnarztgattinnen, sondern die sogenannten Kollegen, die sogenannte Leistungen zu Dumpingpreisen anbieten. Wenn nach dem Motto „Geiz ist geil“ freiberufliches Lektorat und Korrektorat im Internet zu Schleuderpreisen angeboten wird, darf man sich nicht wundern, wenn die kreative Leistung einer guten Textbearbeitung den Buchlesern von morgen nicht mehr viel wert ist.

Wie könnten Freiberufliche ihr Dienste-Portfolio zu beiderseitigem Nutzen weiter auffächern?

Rainer Schöttle: Freiberufler können im Bereich Sachbuch/Ratgeber die Bildredaktion übernehmen (was zum Teil auch bereits geschieht), Sach- und Fachbücher brauchen ein ordentliches Register (nicht umsonst sind manche freien Lektoren im weltweiten Indexer-Verband organisiert), und warum sollten freie Lektoren, die einen belletristischen Text vielleicht besser kennen als jeder andere, nicht auch bei einer konsequenten Verschlagwortung helfen? Jeder weiß, dass Donna Leons Krimis in Venedig spielen, aber wenn ein Kunde eine Liebesgeschichte verschenken möchte, die zu einem guten Teil in Bielefeld spielt, ist der Buchhändler mangels entsprechender Daten in den Katalogen schon aufgeschmissen. Ich glaube, dass es noch viele Serviceleistungen gibt, die freiberufliche Lektoren für ihre Verlags- und sonstigen Kunden erbringen können. Und da sind sie ganz und gar nicht der eingangs genannte Hieronymus, sondern Business-Partner, die mithelfen, das Ziel zu erreichen, das doch wohl alle am Buchgeschäft Beteiligten sich auf die Fahnen geschrieben haben: mit möglichst guten Büchern möglichst gute Renditen zu erwirtschaften.

MichaelLemster
© Andres/Wessely

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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