Dorothee Haentjes-Holländer über ihr Jugendsachbuch "Paul und der Krieg" Dorothee Haentjes-Holländer: „Die Aufklärung über die Gräuel der Nationalsozialisten muss bei den nachwachsenden Generationen so früh wie möglich einsetzen“

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Heute mit Dorothee Haentjes-Holländer über ihr Jugendsachbuch Paul und der Krieg. Als 15-Jähriger im Zweiten Weltkrieg (arsEdition), das auf der Geschichte ihres Vaters beruht, der 1943 als Luftwaffenhelfer zur Flak einberufen wurde. Paul Haentjes überlebte den Krieg, machte eine Ausbildung beim Finanzamt in Köln und bekam mit seiner Frau Anni vier Kinder. Seine Tochter Dorothee Haentjes-Holländer ist Autorin und Übersetzerin und sichtete nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2012 seine umfangreiche Sammlung privater und zeithistorischer Dokumente.

Dorothee Haentjes-Holländer – ihr Buch basiert auf Dokumenten, die sie im Nachlass ihres Vaters fand

BuchMarkt: Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Dorothee Haentjes-Holländer: Die Idee hatte Mike Schweins von arsEdition. Wir kennen uns schon sehr lange, aus den Zeiten, als vgs noch in Köln war.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 erzählte ich eher beiläufig, dass ich dabei war, Briefe meines Vaters aus seiner Zeit als Flakhelfer abzuschreiben – um sie für die gesamte Familie zugänglich zu machen. Daraufhin meinte Mike: „Und wenn daraus ein Buch werden soll, muss das spätestens im Herbst 2019 auf dem Markt sein.“

War für Sie gleich klar, dass es ein Jugendsachbuch werden sollte?

Ja, nach dem Gespräch mit Mike Schweins war mir klar, dass sich der Stoff gerade für ein Jugendsachbuch extrem eignet. Immerhin ist der Protagonist selbst ein Jugendlicher von 15 bis 17 Jahren. Außerdem muss die Aufklärung über die Gräuel und Untaten der Nationalsozialisten bei den nachwachsenden Generationen immer wieder so früh wie möglich einsetzen. Daneben glaube ich aber, dass ein Buch daraus geworden ist, das mehrere Generationen anspricht: die Menschen, die selbst den Krieg noch erlebt haben, und ganz stark auch die Kinder der Flakhelfergeneration.

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Sind Sie mit journalistischer Neugier ans Werk gegangen, oder gab es auch Ängste, etwas zu entdecken, das Sie lieber nicht gewusst hätten?

Ich habe mich zumindest bemüht, mit journalistischer Neugier an die Sache heranzugehen. Dazu habe ich sehr viele wissenschaftliche Publikationen und auch Aufzeichnungen anderer Flakhelfer gelesen, um einen möglichst breiten Überblick zu bekommen und meine Sicht nicht nur auf die Perspektive meines Vaters zu beschränken. Ängste, Unangenehmes zu entdecken, gab es da durchaus. Allerdings haben mich die wenigen fragwürdigen oder anfechtbaren Sätze, die ich dabei gefunden habe, auch nicht umgehauen. Die Briefe meines Vaters sind Dokumente eines jungen Mannes, der zwischen nationalsozialistischer Indoktrination und eigenem Gewissen balanciert. Der Zeiger schlägt mal hierhin und mal dorthin aus. Viel mehr hat mich etwas anderes sehr angenehm überrascht: Ich habe meinen Vater immer als einen gläubigen Menschen erlebt. Wie eng er aber in seiner Jugend mit der „Jungen Kirche Kölns“ verbunden war, deren damaliger Kaplan Reinhard Angenendt heute von der Forschung in die Nähe des Widerstands gerückt wird – das hat er so nie erzählt.

Sie haben Dokumente vorgefunden, aber Ihr Vater hat selten über seine Kriegserlebnisse erzählt. Wie haben Sie sich in seine Gefühle hineinversetzt, die Sie ja auch schildern?

Aus den Briefen und den weiteren Aufzeichnungen meines Vaters geht seine Gefühlslage ziemlich gut hervor, allerdings oft nur für „Eingeweihte“ – seine Familie – und zum Teil zwischen den Zeilen. Da gibt es Signalwörter und Handlungen, die ihn als den notorischen Optimisten, der er in seinem Leben eigentlich war, nicht wiedererkennen lassen. Aus ihnen habe ich schließen können, wie es ihm gegangen sein muss.

Außerdem hat mein Vater ja denn doch hin und wieder mal etwas erzählt, nicht von den Kampfhandlungen, sondern gerade über seine Gefühle. Die Veilchen-Episode zum Beispiel (S. 118): dass ihm dieses Blümchen neuen Lebensmut geschenkt hat, hat er mir im Alter von 82 Jahren explizit geschildert.

Was war Ihre überraschendste Erkenntnis bei der Arbeit am Buch?

Meine überraschendste Erkenntnis hat mit meinem Vater gar nichts zu tun. Sondern nachdem ich immer nur gelernt hatte, wie seelenlos-bürokratisch und grausam „effizient“ der Nationalsozialismus war, habe ich nun gemerkt, wie chaotisch das andererseits alles ablief, wie hysterisch. Und wie idiotisch und teils auch naiv. Dieser Zettel am Volksempfänger zum Beispiel: „Feindsender hören ist verboten.“ Damit haben sie doch im Umkehrschluss allen gesagt: „Leute, ein bisschen Geduld und Fingerspitzengefühl, dann bekommt ihr BBC auch mit diesem Ding herein!“

Mit Ihrem Buch werden Sie auch in den direkten Dialog mit Jugendlichen treten, bei Veranstaltungen. Möglicherweise sind welche unter ihnen, die selbst Krieg erleben mussten?

Bei einer Lesung aus einem anderen Buch – darin ging es in einer Passage ebenfalls um den Zweiten Weltkrieg – bin ich in der Pause von einer Schülerin aus Syrien angesprochen worden. Sie erzählte mir, dass sie selbst Krieg erlebt hatte und dass ihr Cousin neben ihr gestorben sei. Ich hatte den Eindruck, dass sie es als befreiend erlebt hat, durch diesen „Aufhänger“ über ihr eigenes Kriegserlebnis sprechen zu können. Ich würde mir wünschen, dass „Paul und der Krieg“ – das Buch eines ebenfalls weitgehend „Sprachlosen“ – vielen Kriegsflüchtlingen einen Anlass bietet, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden.

Was geschieht mit den Dokumenten aus dem Nachlass Ihres Vaters?

Das haben wir in der Familie noch nicht weiter besprochen. Zunächst werden wir sie wohl weiter im Familienarchiv aufbewahren. Perspektivisch ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir den Nachlass eines Tages einem historischen Archiv oder einer Forschungsstelle übergeben.

Ihre Familie war mit Ihrem Projekt einverstanden?

Ja, ich möchte meiner Mutter und meinen Brüdern danken, dass sie ihr „Okay“ für dieses Buch gegeben haben. Und auch meinen Nichten und Neffen, darunter besonders Paul, der, nach seinem Großvater benannt, ebenfalls ein Paul Haentjes ist.

Die Fragen stellte Susanna Wengeler

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