Christof Ludwig: Bestimmt jetzt die Straße, was Deutschlands Drucker drucken?

Christof Ludwig ist seit 2009 Geschäftsführer der arvato-Buchdruckerei GGP Media in Pößneck – mit 1.100 Mitarbeitern die größte deutsche Buchdruckerei. Zuvor war der ausgebildete Wirtschaftsingenieur mehr als zehn Jahre bei Mohn Media in Gütersloh unter anderem als Produktlinienleiter Buch, Mitglied der Geschäftsleitung und Geschäftsführer des Kalenderverlages tätig.

Christof Ludwig – eine ultrakonservative islamische Gruppe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, macht “Welttag des Buches” auf ihre eigene Art. 25 Millionen Exemplare – ein Druckvolumen von nicht alltäglicher Größe. Kann man eine solche Menge überhaupt unter eine 80-Millionen-Bevölkerung bringen?

Christof Ludwig
© arvato AG

Christof Ludwig: Wir bei GGP haben uns natürlich intensiv um den Welttag des Buches gekümmert. Er ist eine schöne Initiative – in Anlehnung an ähnliche internationale Veranstaltungen -, um das Medium Buch, welches ja zweifelsohne eine Bereicherung für unseren Alltag ist, mal wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken und ihm eine positive Aura zu geben. Ich bezweifle einen Zusammenhang zwischen dem Welttag und der Aktion der Salafisten, die ja auf Dauer angelegt zu sein scheint. Was die Auflage betrifft: Rein mathematisch haben Sie wahrscheinlich recht…

… hinterher zu makulieren, scheidet ja aus, wenn man an die Verehrung denkt, die der Koran genießt…

Christof Ludwig: Soweit ich weiß, hat Ebner & Spiegel hat bislang 300.000 Korane produziert und jetzt einen weiteren Auftrag über 50.000 Exemplare zurückgegeben. Das ist für ein großes Druckunternehmen noch keine gigantische Stückzahl.

Müsste eine Druckerei, die aus politisch radikalen Kreisen einen Auftrag bekommt, diesen nicht eigentlich von vornherein zurückweisen?

Christof Ludwig: Ich weiß nicht, wie die Regelungen in anderen Druckereien sind – bei uns wird aufgrund unserer Bertelsmann Essentials…

…des “Code of Conduct“ des Unternehmens…

Christof Ludwig: … ein solcher Auftrag nicht angenommen oder realisiert.

Wo würden Sie persönlich die “rote Linie” ziehen?

Christof Ludwig: Bei Aufträgen radikaler, hetzerischer Gruppen wäre diese Linie für uns ganz gewiss überschritten.

Würden Sie das erkennen?

Christof Ludwig: Ja, denn wir kümmern uns darum, wer genau der Auftraggeber ist oder ob es Hintermänner gibt. Ich kenne keinen Fall, wo wir das nicht spätestens bei Druckfreigabe herausbekommen hätten. Wir lassen uns in unseren Verträgen auch ein Rücktrittsrecht im Täuschungsfall einräumen.

Hat die Druckerei mit ihrem späten Ausstieg den Initiatoren der Aktion nicht noch eine hochwillkommene Eskalation geschenkt und damit ihrem Anliegen weitere Publizität verschafft?

Christof Ludwig: Ich kann nicht erkennen, dass die Salafisten es auf diesen Verlauf der Dinge angelegt und etwa mit Bedacht deutsche Produktionsstätten gewählt hätten. Infolge des anhaltenden Preisdrucks auf das deutsche Druckgewerbe ist unsere Branche als Ganzes mittlerweile sehr wettbewerbsfähig, so dass die Preise für solch ein Objekt im Ausland nicht unbedingt günstiger gewesen wären. Und wie ich der Presse entnommen habe, haben sich die Kollegen von Ebner auch ihrerseits vertraglich abgesichert.

Finden Sie, dass die Salafisten gepunktet haben – egal ob sie nun aufgeben oder ob sie die Verteil-Aktion mit den Produkten anderer Druckereien wie geplant durchführen?

Christof Ludwig: Das vermag ich nicht einzuschätzen.

Hätten Sie – gerade zeitgleich zur größten Gratis-Verteilaktion der deutschen Buchbranche – sich auch eine andere öffentliche Reaktion vorstellen können, die sich nicht gegen ein Buch, sondern ausschließlich gegen die Absichten seiner Verbreiter richtet?

Christof Ludwig: Das Buch ist in diesem Fall nur das Medium für eine dahinterliegende Botschaft, es hätte ja auch eine Broschüre oder ein Flyer mit einem ganz anderen Text oder etwas ähnliches sein können. Ich kann nicht erkennen, dass sich der öffentliche Aufschrei gegen das Medium Buch richtet.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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