Christian Ruzicska: Warum haben Sie keine Angst, dass Ihnen jemand einen Bestseller-Autor ausspannt?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Übersetzer und Secession-Verleger Christian Ruzicska.

Seit dreieinhalb Jahren ist der Secession-Verlag für Literatur am Markt – schon gleich mit dem ersten Programm wurde er als Newcomer des Jahres geehrt. Auffällig war von Anfang an: Da legt ein Verlag nicht nur Wert auf besondere literarische Texte, sondern auch auf ihre „Verpackung“: nämlich die Ausstattung der Bücher (und die Gestaltung der Vorschauen, die – wie man hört – inzwischen auch zum Sammelobjekt geworden sind).

Am letzten Samstag in der FAZ und im jüngsten Magazin von 5plus: Ihr Autor Jérôme Ferrari, mit dem Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ der aktuelle Prix Goncourt-Preisträger, wird ganzseitig interviewt. Aber: Der Hinweis auf den Verlag findet sich im Kleingedruckten. Hat das überhaupt für Sie etwas gebracht?

Jérôme Ferrari (l.), Christian Ruzicska

Christian Ruzicska: Selbstverständlich. Die Auswirkungen haben sich extrem schnell bei den Verkäufen im Netz gezeigt, die wir ja sofort ablesen können, und dann, um Ferraris Denkansätze direkt mit ins Boot zu holen meiner Antwort, wirkt eine so großartige Präsenz als ein Zeichen, das eine Kette an Kausalitäten zur Folge hat, die man kaum genau lesen können wird: wer wann und wie durch eine so deutliche Präsenz aufmerksam wird auf einen Autor und dann zu handeln beginnt, kann man nicht genau sagen, zumindest freue ich mich, daß sogar heute aus Brasilien Antwort gekommen ist, ein Feedback sozusagen, und mir jemand eine Übersetzung vorgeschlagen hat, der mit der Entdeckung unseres Verlages durch dieses Interview auch Steven Uhly wiederentdeckt hat, der ja mal in Brasilien an der Universität gelehrt hat: So ist die Welt eben auch, hier ein Impuls, dort die Auswirkung: der Abstand dazwischen kann ein Meer sein.

Der „Rom“-Roman ist der zweite, von Ihnen selbst übersetzte Ferrari-Titel im Programm Ihres Verlags. In Frankreich wurde das Buch bereits vor dem Preis 90.000mal verkauft. Sie haben also einen veritablen Bestseller-Autor. Zittern Sie nicht Tag und Nacht, daß ein Großverlag mit einem dicken Vorschuß-Scheck winkt und Sie in die Röhre gucken?

Christian Ruzicska: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: der erste Roman, den wir von Jérôme Ferrari bei Secession verlegt haben, handelt unter anderem auch von der Eigenschaft der Loyalität. Es ist schön, diese Erfahrung zu machen, daß Menschen loyal sind und Maßstäbe setzen damit für ein Denken, dessen Qualität sich in seinen Romanen unmittelbar niederschlägt. Ferrari bleibt bei uns.

Sie haben bemerkenswert treue Autoren… Steven Uhlys dritter Roman bei Ihnen „Glückskind“ wird derzeit verfilmt – das ist für einen Verlag Ihrer Größe nicht unbedingt Alltag. Wie kam es dazu?

Christian Ruzicska: Auch Steven ist, wie Sie sagen, bemerkenswert treu: Er hat auch eine bemerkenswerte Geschichte bei uns erlebt, die noch nicht damit zu Ende ist, daß sein jetzt dritter Roman, eben „Glückskind“, verfilmt wird vom SWR für das Erste unter der Regie von Michael Verhoeven. – Er schreibt an seinem nächsten Roman, und ich darf etwas Großartiges ankündigen. Aber zurück zu Ihrer Frage: wie es dazu kam? Beide Partner, sowohl der SWR als auch Michael Verhoeven, haben sich mit einer solchen Kraft für den Roman begeistert und uns von ihrer Arbeit überzeugt, daß wir die vielen anderen internationalen Anfragen von Produktionsfirmen für eine eventuelle Bearbeitung nicht haben vorziehen können – der Roman hat, grade weil er wahrscheinlich eine sehr berührende Geschichte sehr klug erzählt, enorme Strahlkraft entwickelt.

Wer spielt mit, und wann kriegt man den Film zu sehen?

Christian Ruzicska: Ich darf verraten: Gedreht wird ab dem Frühjahr 2014.

Im letzten Herbstprogramm haben Sie – BuchMarkt hat berichtet – jeden Titel mit einem anderen Einbandmaterial ausgestattet. Hat sich diese im Zeitalter der Pappbände doch auffällige „Materialschlacht“ ausgezahlt?

Christian Ruzicska: Sie werden möglicherweise beobachtet haben, wie häufig unsere Gestaltung in den Rezensionen und Stimmen zu den Büchern lobend erwähnt wird. Kochan und Partner, die für uns von München aus die gesamte Gestaltung ausarbeiten, leisten eine extrem wertvolle Arbeit, ebenso sind die Materialien, die wir verwenden, wertvoll, warum? Weil wir unseren Inhalten eine entsprechende Form, eine gute Haptik, eine Qualität im Material und im Erscheinungsbild geben wollen: das heißt nicht, daß wir keine E-Books anbieten, es heißt nur, wenn Bücher, dann solche, die durch ihren Körper auf etwas verweisen, das wir noch immer und lustvoll Literatur nennen.

Sie bieten Ihre Bücher aber auch als E-Book an. Welcher Ausgaben gehen besser?

Christian Ruzicska: Es ist eine Binse, die hier zur Antwort folgt: die Bücher.

Sie übersetzen pro Halbjahr mindestens zwei Bücher für Ihren Verlag selbst, machen das Programm, halten die Pressekontakte, gehen mit Autoren wie Ferrari auf Lesetour [mehr…] – bleibt da nicht weit mehr als nur das Privatleben auf der Strecke?

Christian Ruzicska: Fragt sich, auf welcher Strecke: Ich empfinde es als Glück, mein Leben so nah an dem auszurichten, was mir das Leben sehr lebenswert erscheinen läßt: einen intensiven Austausch mit sehr klugen und wunderbaren Menschen. Ich mache keinen so großen Unterschied zwischen dem Privatleben und dem, was wir Arbeit nennen – das ist ein sehr luxuriöser Zustand, für den ich sehr dankbar bin, und ich hoffe, ich kann mit guten Büchern wieder etwas zurückgeben von dem, was mir dieser Beruf schenkt, letztlich hat es viel mit dem zu tun, wie viel Genauigkeit und Liebe wir in unserem Leben zum Ausdruck bringen wollen, und das Buch und seine Öffentlichkeit sind ein hervorragender Weg dafür. Manchmal denke ich aber, und da haben Sie Recht, könnte man es nicht schaffen, an unterschiedlichen Orten zugleich zu sein – aber, ja, das sind wir mit Büchern doch immer!

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalog- und anderen Stammdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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