Arnoud de Kemp: muss der erfolgreiche Fachmedienhändler von morgen dem Kunden sogar das Lesen abnehmen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Electronic Publishing-Pionier und AKA-Verleger Arnoud de Kemp.

Arnoud de Kemp, in Utrecht geboren, ist ausgebildeter Verlagskaufmann. Nach Stationen bei international agierenden Verlagen in den Niederlanden und einer über 20 Jahre langen Laufbahn im wissenschaftlichen Springer-Verlag, ist de Kemp seit 2004 mit seinem eigenen Digitalverlag und Kongressbüro digiprimo und der 2007 gekauften Akademische Verlagsgesellschaft AKA selbstständig am Markt aktiv. Sein aktuelles Projekt: die “Konferenzmesse” Informare!.

Arnoud de Kemp – darf man Sie als die “Graue Eminenz” des wissenschaftlichen Publizierens in Deutschland bezeichnen?

Arnoud de Kemp

Arnoud de Kemp: Nee! Ich war bis 2004 nie Verleger, habe mich intensiv mit Produkt- und der globalen Marktentwicklung beschäftigt und war in dieser Funktion eher Dienstleister. Ich bin oft ein Pionier genannt worden, das ist eher richtig, da ich das große Glück hatte, mich sehr frühzeitig mit den Neuen Medien beschäftigen zu dürfen, aber da war ich auch bei weitem nicht der einzige. Es gab viele F+E-Projekte und so ist zum Beispiel auch SpingerLink entstanden. Daneben war ich immer ehrenamtlich tätig: Kommunizieren, Motivieren, Organisieren.

Sie überblicken die Entwicklung von mehr als drei Jahrzehnten des Fachinformations-Marktes. Haben Sie sich in der Vergangenheit jemals mit Prognosen beschäftigt, und welche davon sind eingetreten?

Arnoud de Kemp: Ich habe sehr nette Sachen gesagt, die oft zitiert wurden. Sie sind alle nicht eingetreten. Es ist alles anders gekommen – teilweise viel schneller –, und so wird es weitergehen.

Einmal anders herum gefragt: welche Entwicklungen überraschten Sie am meisten?

Arnoud de Kemp: Wenn ich von heute aus zurückdenke: das sehr schnelle Aufkommen der sozialen Netzwerke und die enorm schnelle Durchsetzung von allem, was mit “i” anfängt: iPhone und iPad und damit von allem, was sich heute Smartphone oder Tablet nennt. Dies sind glaube ich die meist verkannten Entwicklungen der letzten fünf Jahre.

Denken wir mal an die Kunden: was verändert sich da?

Arnoud de Kemp: Die Kunden werden immer mächtiger, und sie werden immer souveräner, da sie sich in ihren Entscheidungen immer weniger beeinflussen lassen. Dies stellt die Anbieter von Fachinformationen vor völlig neue Herausforderungen: wie informieren sich die Kunden, wie kann man ihre Zufriedenheit messen et cetera. Diese Herausforderungen sind wichtige Themen auf unserer Konferenzmesse “Informare!”, die vom 8. bis zum 10. Mai in Berlin stattfindet. Wir haben dazu exzellente Vorträge und Workshops in Vorbereitung.

Der akademische Markt zerbröselt zusehends, da die Studenten nicht mehr so viel lesen und lieber andere Informationsquellen nutzen, die Marge der Unternehmenskunden wird zerrieben zwischen Rationalisierungsdruck und Technisierungs-Ansprüchen – wann wird der Mittelstand sich aus diesem Markt komplett verabschiedet haben?

Arnoud de Kemp: Sie haben da zwei Pferde vor den Karren gespannt, die wenig miteinander zu tun haben. Ich möchte nur für die Verlage sprechen: anders als in England oder Amerika sind in Deutschland noch alle da, auch der Mittelstand. Den Verlagen geht es offenbar nicht schlecht. Die Verlage haben sehr viel unternommen, stehen aber insgesamt dennoch am Anfang von sehr durchgreifenden zukünftigen Entwicklungen. Der Zwischenhandel und die Antiquare, die stehen bereits seit Jahren unter enormen Druck, ausgelöst durch den Internethandel.

Wenn Sie von durchgreifenden Entwicklungen sprechen, sprechen Sie da von einer Bereinigung?

Arnoud de Kemp: Nicht unbedingt. Ich denke eher an Umstellungen in der Herstellung, Produktentwicklung, Markteinführung, Verkauf… Das erfordert ein Umdenken in der Organisation, andere Strukturen und in vielen Fällen auch Spezialisten. Oder man muss outsourcen.

Vom Literatur-Lieferanten zum technisch integrierten Bestandteil der Supply Chain – ein weiter Weg für viele Fachinformations-Händler. Was kommt danach? Welche Zukunft haben die Ansätze zum Wissensmanagement, die Verlage wie Haufe Lexware mit der Haufe Business Suite oder Wolters Kluwer mit Jurion vorlegen?

Arnoud de Kemp: Da der juristische Bereich nicht mein Markt ist, habe ich zu diesem Thema nicht viel recherchiert. Aber auch für die wissenschaftlichen Verlage und Datenbank-Anbieter wird deutlich, dass der Markt sich von einem Geschäft mit Abonnements weg entwickelt in Richtung auf große Lizenzierungen, zum Beispiel an Bibliotheks-Konsortien oder nationale Einrichtungen. Dazu kommt Open Access, wo die Finanzierung des Publikations-Prozesses nicht mehr aus den Verkaufserlösen, sondern aus den Finanzquellen der Autoren und ihrer Institute resultiert.

Muss der erfolgreiche Fachmedienhändler von morgen dem Kunden sogar das Lesen abnehmen?

Arnoud de Kemp: Nein, das glaube ich nicht. Aber der erfolgreiche Fachmedienhändler muss seine Inhalte attraktiver präsentieren und besser erschließen, zugänglicher machen.

Eine Firma, die elektronische Kataloge, Informations-Datenbanken und Angebote zum Wissensmanagement intensiv nutzt, verrät eine ganze Menge über sich: bevorstehende technische Entwicklungen, Rollouts, vielleicht sogar Liquiditätskrisen. Wie kann sie sicher sein, dass diese Informationen beim Fachmedienhändler gut aufgehoben sind?

Arnoud de Kemp: Jeder, der in fremden Datensystemen recherchiert, hinterlässt seine “digitale DNA”. Das, was einerseits hilfreich ist, ist andererseits gefährlich. Deshalb ist es sicher wichtig, dass die Fachinformationshändler alle möglichen Maßnahmen ergreifen, ihre Kunden abzusichern.

Das ist sicherlich ein gutes Diskussionsthema für die „Informare!“, die Sie vergangenes Jahr ins Leben gerufen haben. Sie nennen sie eine “Konferenzmesse” und behaupten, sie sei anders als andere Branchen-Veranstaltungen. Was macht die „Informare“ so besonders, und was hat Sie inspiriert?

Arnoud de Kemp: Die „Informare!“ ist wie die APE-Konferenzen, die wir seit sieben Jahren organisieren, ein Platz, an denen sich Menschen treffen, die mangels geeigneter Foren kaum Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen. Die „Informare!“ ist deswegen kein Branchentreffen im engeren Sinne, sondern ein Forum für Menschen die mitdenken und die digitale Zukunft mitgestalten wollen. Ein guter Freund hat die „Informare!“ vergangenes Jahr die „Ökumene der Fachinformation“ genannt, das finde ich ganz zutreffend. In diesem Jahr wird das noch stärker sichtbar werden, weil die Politik in Gestalt von Hans-Joachim Otto, dem parlamentarischer Staatssekretär im BMWi, der für das THESEUS-Programm verantwortlich war, und Dr. Reinhard Brandl, Mitglied des Bundestags und der Enquetekommission, vertreten ist.

Das Urheberrecht wird sicher einmal mehr ebenso leidenschaftlich in Frage gestellt werden, wie es verteidigt wird…

Arnoud de Kemp: Das Urheber-Gesetz ist ein Gesetz der Menschen, die sich im 19. Jahrhundert Gedanken machen mussten, wie sie kreative Leistungen auf künstlerischem, wissenschaftlichem und technischem Gebiet vor Nachahmung schützen könnten. Das waren schöne Gedanken mit weitreichenden Folgen für nationale Gesetzgebungen, die letztlich zum Berner Abkommen geführt haben. Dieses Gebäude steht heute unter kolossalem Druck, weil neue Generationen sich neue Gedanken zur Nutzung dieser Leistungen machen. Auf dem Gebiet der Musik manifestiert es sich am deutlichsten, dass am Ende vielleicht kein Stein auf dem anderen bleibt.

Was ist Ihre Meinung dazu – wird das Urheberrecht sich in der gegenwärtigen Form aufrechterhalten lassen?

Arnoud de Kemp: Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Dass sich etwas verändert, ist aber am deutlichsten an der aktuellen Debatte um ein Leistungsschutzrecht für Verlagsinhalte abzulesen. Damit haben wir uns allerdings schon vor 25 Jahren beschäftigt. Ansonsten konzentrieren wir uns mehr auf die Informationsinfrastrukturen selbst als auf die möglichen Störfaktoren darum herum. Was wir mit der „Informare!“ beabsichtigen, ist ein Beitrag zur Informationskompetenz, das ist etwas anderes als die zweifellos auch sehr wichtige Medienkompetenz. Es geht uns um die Sicherheit im Umgang mit Informationen, mit Inhalten, mit Suchmaschinen, um die Bewertung von Informationen. Das fängt bei Google an und hört bei Google bei weitem nicht auf. Mit der „Informare!“ wollen wir die Vielfalt in diesem Bereich zeigen, da sind auch die Systemhäuser gefragt, die Forschungsinstitute. Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, das einige Jahre von Google finanziert wird, wird sich zum Beispiel dort darstellen.

Und wer kommt alles?

Arnoud de Kemp: Zielgruppen sind Wissenschaftler und Studierende, vor allem Informations-, Bibliotheks- und Medienwissenschaftler, Informatiker, Information Professionals wie wissenschaftliche Bibliothekare, Leute, die sich im Aufbaustudium mit der Vermittlung wissenschaftlicher Informationen befassen, Vertreter der Informationswirtschaft wie Presse- und Fachinformations-Verlage, Fachinformations-Händler, Marktforscher, Suchmaschinen-Techniker, Datenbank-Entwickler, Entwickler semantischer Technologien. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Alan Turing werden wir einen großen Vortrag “Turings Traum weiter träumen” über den zu erwartenden großen Einfluss von Sprachtechnologien und künstliche Intelligenz hören. Apples Siri ist davon nur ein Vorbote.

Noch ein Wort zu Ihrem langjährigen Arbeitgeber Springer: wo steht Springer, und mit welchen Wettbewerbern wird er sich in Zukunft ernsthaft auseinandersetzen müssen?

Arnoud de Kemp: Das ist neun Jahre her. Aber Springer geht es gut. Springer steht mitten im umfassendsten Digitalisierungs-Projekt der Buchbranche und leistet damit Großes zur Verbreitung des Wissens. Andere große Fachverlage wie Thieme oder De Gruyter gehen ähnliche Wege. Daran sieht man, dass Verlage, die eine lange Tradition haben, auf wirklichen Schätzen sitzen. Und all das hat Jeff Bezos ausgelöst, der mit seinem Webkatalog Amazon die Idee des „Long Tail“ in die Welt gebracht hat.

Jeff Bezos als kreativer Zerstörer?

Arnoud de Kemp: Zerstörer? Ich persönlich habe noch nie so viele Bücher gekauft wie in den letzten Jahren. Ich nehme immer noch gern ein Buch in die Hand und habe wenig Neigung, Bücher auf einem Tablet oder Kindle zu lesen…

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.