Alexander Pfeiffer: Wie viel Mut braucht man, um heute Schriftsteller zu sein?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Wiesbadener Autor Alexander Pfeiffer.

Alexander Pfeiffer, Jahrgang 1971, lebt in Wiesbaden. Neben zwei Bänden mit Kurzgeschichten und einem Gedichtband veröffentlichte er die Krimi-Trilogie “Im Bauch der Stadt”, “So wie durchs Feuer hindurch” und “Das Ende vom Lied”. Seit 2007 ist er hessischer Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS).

Alexander Pfeiffer, Sie sind Schriftsteller – hauptberuflich. Was schreiben Sie?

Alexander Pfeiffer
Foto: Carina Faust

Alexander Pfeiffer: Wenn ich irgendwo vorgestellt werde, dann als Krimiautor. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich schreibe aber auch Kurzgeschichten und Gedichte und bin journalistisch tätig.

Wie viele Bestseller haben Sie schon veröffentlicht?

Alexander Pfeiffer: (lacht) Leider noch keinen.

Woran hat es gefehlt?

Alexander Pfeiffer: Wenn man das so genau wüsste. Es gibt ja verschiedene Anleitungen, wie man so einen Bestseller schreibt, aber ich glaube, noch keiner hat das perfekte Rezept gefunden. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die nach Rezept schreiben, sondern zu denen, die nicht anders können, als die Geschichten aufzuschreiben, die sie in sich tragen.

Tun Sie sich im Allgemeinen leicht, Ihre Buchprojekte beim Verlag unterzubringen?

Alexander Pfeiffer: Das ist ganz unterschiedlich. Da ich sehr unterschiedliche Genres schreibe, bin ich mit unterschiedlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Mit Krimis ist es aktuell etwas einfacher als z.B. mit Gedichten, da bin ich nicht der einzige, der das beobachtet. Das ist die momentane Situation des Marktes.

Kennen Sie Ihre Reichweite bei Lesern, und wie hat die sich in den letzten Jahren entwickelt?

Alexander Pfeiffer: Auch das ist ganz unterschiedlich. Bei den Kriminalromanen hat sie sich nicht wesentlich entwickelt. Offensichtlich habe ich eine Leserschaft, die mir folgt.

Halten die Erlöse Schritt?

Alexander Pfeiffer: Auch die Buchverkäufe sind in den letzten Jahren gleich geblieben. Ich mache wie viele anderen Autoren die Erfahrung, dass vier bis fünf Jahre nach Erscheinen die Absätze sich erledigt haben.

Haben Sie sonstige Erlösquellen?

Alexander Pfeiffer: Es ist die Frage, was man unter „sonstige“ hinzuzählt. Ich habe den Taxischein, der mir die Möglichkeit gibt, in Situationen, wo es ganz eng wird, auszugleichen.

… und etwas näher an Ihrem Kerngeschäft …

Alexander Pfeiffer: … mache ich in erster Line Lesungen, Schreibwerkstätten mit Schülerinnen und Schülern, mit Lehrern, in der Erwachsenenbildung. Ich arbeite regelmäßig als freier Mitarbeiter für ein Wiesbadener Stadtmagazin. Außerdem bin ich freier Mitarbeiter des Wiesbadener Literaturhauses und wirke seit dem letzten Jahr bei der Betreuung des Wiesbadener Krimistipendiums mit. In diesem Rahmen veranstalte ich etwa Führungen für Autoren, z.B. zum Bundeskriminalamt. Im Literaturhaus mache ich regelmäßig Veranstaltungen als Organisator und Moderator. Ich firmiere als “Autor, Literaturveranstalter, Moderator und Leiter von Schreibwerkstätten”.

Wie viele Autoren werden mit Preisen oder Stipendien gefördert, und wie kommt man am besten an diese Futtertröge?

Alexander Pfeiffer: “Viele” – da kann ich allerdings keine genaue Zahl nennen. Im Krimibereich ist es nochmal anders als in der “hohen Literatur”. Allgemein ist zu beobachten, dass die, die sich schon profiliert haben und es insofern nicht so “nötig” haben, auch die Preise und Stipendien bekommen. Wenn also die Stadt Wiesbaden ein Krimistipendium zu vergeben hat, dann gibt sie es eben Andrea Maria Schenkel, wie vergangenes Jahr geschehen, da diesen Namen viele kennen.

Haben Sie es auch schon mal geschafft?

Alexander Pfeiffer: Leider nein. Es gibt einen Preis der Stadt Wiesbaden, für den ich in der engen Auswahl war, aber dann hieß es, wie ich gerüchteweise hörte, “der ist uns zu dreckig. Wir als Jury wollen das Schöne, Gute, Wahre auszeichnen.” Einer, der Geschichten von der Straße erzählt, verträgt sich nicht so gut mit Literaturpreisen.

Erwächst den Autoren in Ihrem Verband mit Self-Publishing eine neue, verlässliche Erlösquelle?

Alexander Pfeiffer: Wenn ich die Erfahrungsberichte, die so kommen, richtig interpretiere, muss ich klar nein sagen. Ich kann Ihnen keinen Autor nennen, der damit relevante Erlöse erzielt.

Haben Sie das selbst schon mal ausprobiert?

Alexander Pfeiffer: Da müsste man ein bisschen zurückgehen. Der Begriff ist ja neu, der Vorgang aber nicht. Denken Sie an die Fanzines von einst. In diesem Sinn habe ich als Self-Publisher angefangen und später sogar einen kleinen Verlag gegründet, mit eigener ISBN und allem Drum und Dran, bin davon aber weggekommen. Ein Self-Publisher im heutigen, digitalen Sinn bin ich noch nicht. Immerhin habe ich Werke, deren digitale Verwertungsrechte vom Originalverlag nicht genutzt wurden, an E-Publisher gegeben. So sind z.B. meine drei Kriminalromane als E-Books erschienen.

Wie fühlte sich das an für Sie?

Alexander Pfeiffer: Seltsam. Irgendwann kam eine Anfrage des Verlages. Darauf habe ich mich eingelassen. Ich selbst bin konsequent altmodisch, sammle Vinyl-Schallplatten und besitze keinen E-Book-Reader. Ehrlich gesagt, habe ich keine Haltung dazu. Anfang des Jahres habe ich eine Honorarabrechnung bekommen, das war ein netter Zuverdienst.

Wie viel Mut braucht man, um heute Schriftsteller zu sein?

Alexander Pfeiffer: Ich habe immer wieder mit Kolleginnen und Kollegen aus dem VS-Landesverband zu tun, die melden sich dann, wenn sie Probleme haben. Von daher weiß ich, dass wir einige Mitglieder führen, die arbeitslos gemeldet sind, obwohl sie Beitrag an uns zahlen. Schwierig wird es, wenn sie ein Stipendium bekommen. Viele sind offensichtlich der Meinung, da das Geld ohnehin kaum reicht, sei das Stipendium ein Zubrot, das sie behalten können. Die sind dann furchtbar enttäuscht, wenn ihnen die ARGE das Geld abzieht. Eine Schülerfrage kehrt in unseren Lesungsprogrammen regelmäßig wieder: “Sind Sie reich?” Wenn ich dann sage, nach herkömmlicher Definition bin ich arm, obwohl ich bereits mehrere Bücher veröffentlicht habe, dann klappen die Kinnladen runter. Oft folgt darauf die Frage, warum man das trotzdem macht. Wenn dann jemand mich beneidet und sagt, das sei ja so toll, dass man seinen Traum so konsequent verwirklicht, muss ich ihm sagen, so fühlt sich das nicht an – es fühlt sich eher an, als hätte ich mir vor langer Zeit ein Virus eingefangen, das ich nicht mehr loswerde. Um damit leben zu können, brauche ich den Mut der Verzweiflung. John Cassavetes sagte mal: “Man ist erst Künstler, wenn man merkt, dass man einer ist, verstehen Sie? Wenn man nicht anders leben kann. Man versucht alles Mögliche, und wenn gar nichts geht, wird man Künstler. Es ist für jeden die letzte Möglichkeit.” Das trifft den Nagel auf den Kopf.

Keine besonders gute Geschäftsgrundlage…

Alexander Pfeiffer: Und wenn man die gegenwärtige Entwicklung in die Zukunft weiterdenkt, wird es wahrscheinlich immer mehr Mut der Verzweiflung brauchen, eine schriftstellerische Existenz zu leben. Der amerikanische Musiker David Lowery hat auf seiner Website “The Trichordist” festgestellt, dass seit 2002 die Zahl der Profimusiker in den USA um 45% abgenommen hat. Die hat sich in 11 Jahren fast halbiert!

Orpheus würde heute Taxi fahren…

Alexander Pfeiffer: … und diese Entwicklung lässt sich ziemlich direkt der Digitalisierung zuordnen, die die Erlöse in Richtung der Distributoren …

… also Amazon und Apple …

Alexander Pfeiffer: … verschoben hat. Die Gegner des Urheberrechts sagen immer, Kunst entsteht sowieso, der wahre Künstler kann gar nicht anders, als Kunst zu produzieren. Aber welche Kunst kommt da heraus, wenn alle nur nach Feierabend musizieren oder schreiben, weil sie einem Brotberuf nachgehen? Daher fordern Verbände wie der VS, Kunst als Teil des öffentlichen Lebens zu fördern, anstatt eine große Castingshow daraus zu machen und zu schauen, wer am Ende überlebt. Unser Verbandsvorsitzender Imre Török drückte es so aus: “Auch im digitalen Zeitalter bleibt Schriftstellerexistenz eine kämpferische.” Daher braucht es Verbände wie den VS, da es sich gemeinsam besser kämpfen lässt. Es braucht Mut, aber auch Kraft, für menschliche Lebensumstände zu kämpfen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalog- und anderen Stammdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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