Ein Gespräch mit Michael Faber zur Wiedereröffnung des Verlags Faber & Faber in Leipzig „Es ist wie beim Hochleistungssport. Wenn du das letzte Risiko scheust, kommst du nie in den Erfolg“

Michael Faber: „Niemand konnte in der jüngeren Vergangenheit, und so soll es auch wieder werden, so kongenial das Bildnerische mit dem Literarischen verbinden“

Nach fünf Jahren meldet sich der Leipziger Verlag Faber & Faber zurück. Im Herbst erscheint das erste Programm des wiederbegründeten Hauses. Wir warfen mit Geschäftsführer Michael Faber einen Blick in die Vergangenheit und sprachen mit ihm über all das, was jetzt kommt:

BuchMarkt: Was ist das für ein Gefühl zurück zu sein und wie kam es dazu?

Michael Faber: Ich bin im Sommer 2016 aus dem Amt des Kulturbürgermeister in Leipzig ausgeschieden, war 55 Jahre alt, hatte mir ein Jahr Aufräumen meines häuslichen Schreibtisches verordnet und Reisen, Reisen, Reisen. Mehr als Weisheit aller Weisen galt mir Reisen, Reisen, Reisen. Ich zitiere Theodor Fontane, den ich unbedingt schätze. Aber irgendwann kommt die Angst und das Geld rinnt einem durch die Finger – das ist so ein Lebenszusammenhang, wie ihn viele kennen. Und dann passieren auch Zufälle: Ein Investor rief mich an, der einen bekannten Verlag, der zum Verkauf stand, erwerben wollte. Von irgendwem wurde ich ihm als Berater empfohlen. Ich sagte zu und nach nur wenigen Wochen war es wie nach einer Blutwäsche, die roten und die weißen Blutkörperchen hatten den Proporz verändert, und ich konnte mir nun überhaupt nichts anderes mehr vorstellen, als wieder Faber & Faber zu begründen. Ich war gewissermaßen selbst überrascht von diesem Verlangen und zugleich erschien es mir als die tiefste Vernünftigkeit in meinem Leben überhaupt.

Was waren damals die Gründe, die Verlagsproduktion einzustellen?

Nun, da muss ich etwas ausholen. 2008 planten mein Vater und ich den überlegten Rückzug von Elmar Faber in 2010. Mein Vater wollte eigentlich als Jahrgang 1934 mit der Vollendung seines 75. Lebensjahres aus dem operativen Geschäft raus. Er hatte sich noch einiges vorgenommen, etwa seine Autobiographie zu schreiben, auch einen Erzählungsband zu Ende zu bringen, beides erfüllte er sich dennoch, vor allem wollte er aber aus seiner lebenslangen Leidenschaft, zu Verlags- und Rezeptionsgeschichte von Literatur zu forschen, noch einiges zu Papier bringen. Diesen Wunsch konnte er sich leider nicht mehr erfüllen.
Wir waren damals in den Verhandlungen mit zwei von uns sehr geschätzten Kollegen, die 49% der Anteile des Verlags übernehmen sollten, um als aktive Gesellschafter neben mir an der weiteren Verlagsentwicklung teil zu haben, sehr fortgeschritten. Und dann kamen zwei Dinge zusammen, die keiner planen konnte: Das Kollabieren der globalen Finanzwirtschaft, das in Folge für kaum einen deutschen Verleger mehr die Chance eröffnete, Kredit auf Verlagsanteile zu bekommen, und das Angebot der Fraktion DIE LINKE im Leipziger Stadtrat, mich als Parteilosen doch bitte auf die Stelle des Kulturbürgermeisters zu bewerben. Im Rückblick wirkt das alles sehr konstruiert, aber das Leben verbindet häufig das Provinzielle mit dem Globalen. Ich wurde vom Stadtrat gewählt, und die beiden ernsthaften Verlagsbewerber sagten ab, weil sie nicht kreditiert wurden von ihren Hausbanken.

Und als ich im Juni 2009 ins Leipziger Rathaus einzog, schwankte mein Vater zwischen Liebesentzug und Stolz auf seinen Sohn. Immerhin ist Leipzig eine der wirklich großen Kulturstädte Deutschlands. Das man mich vorschlug, war in gewisser Weise auch ein Kompliment. Der Verlag hatte in seiner Ausstrahlung Wirkung gezeigt.

Wie ging es dann weiter? Immerhin waren die Jahre von 2007 bis 2009 die wirtschaftlich erfolgreichsten Jahre des Verlags.

Ja, in gewisser Weise standen wir mit unserem Programm im Zenit unseres Könnens. Nun ja, wir bestellten einen neuen Geschäftsführer, dem ich vieles zutrauen konnte und der mit klugen Ideen in das operative Geschäft einstieg, der aber das Symbiotische, was die Arbeit zwischen meinem Vater und mir ausgezeichnete hatte, leider nicht ersetzen konnte. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen. Mein Vater überfiel die große Lustlosigkeit ohne seinen Kompagnon und äußerte bald den Wunsch, den Verlag schließen zu wollen. Im Dezember 2013 trafen wir dann gemeinsam auf der Gesellschafterversammlung die Entscheidung, den Verlag bis 2015 abzuwickeln und mit den Bestandsverkäufen alle Verbindlichkeiten zu erfüllen. Am Ende ließen wir den Verlag im Firmenregister löschen, nicht nur ohne Schulden sondern sogar noch mit einem bemerkbaren Gewinn.

Schmerzt so etwas nicht?

Natürlich schmerzt soetwas. Aber in den späteren Käufern, die auftraten, um den Verlag zu erwerben, erkannten wir recht schnell die Verweser und nicht die, die am erfolgreichen Fortbestand interessiert waren. Dann lieber, ich zitiere meinen Vater, eine erfolgreiche Geschichte so zu beenden, damit sie unbeschadet in die Annalen eingehen kann. Es gab dafür auch Beispiele in der Kulturgeschichte unseres Landes.
Wunderbar. Wenn man Geschichte kennt, kann man sehr vorbereitet das Jetzt gestalten.

Wie können sich die Leserinnen und Leser Ihren Neustart vorstellen, was ändert sich, was bleibt vom Alten? Und wie groß ist das Team?

Der Verlag Faber & Faber ist natürlich vorerst nur ein kleines Unternehmen. Wir sind zu Dritt. Für den Vertrieb konnte ich Carsten Pfeiffer gewinnen, ein mit vielen Wassern gewaschener Marketing- und Vertriebsfuchs und ein kulturgebildeter Sammler von Preziosen. Die Herstellung übernahm Frank Eilenberger, der schon einmal beinahe fünfzehn Jahre für Faber & Faber gearbeitet hatte, aber auch für andere große Verlagshäuser wie Hoffmann & Campe, Oettinger, die Seemann/Henschel-Gruppe, um nur einige zu nennen. Und klar, für den einen oder anderen Titel werden Lektorinnen und Lektoren im Außenverhältnis gewonnen. Und die Presse übernahm freundlicherweise Tatjana Kirchner in Berlin, besonders aktiv ist dort für uns Judith Tetzlaff. Wenn ich den Start resümiere, muss ich vor allen diesen Damen und Herren eine tiefe Verbeugung machen. Es konnte wirklich nicht besser losgehen.

Was sind die Stärken des Verlages?

Niemand konnte in der jüngeren Vergangenheit, und so soll es auch wieder werden, so kongenial das Bildnerische mit dem Literarischen verbinden. Ich werde deshalb neben der aktuellen Literatur vor allem wieder große illustrierte Ausgaben veranstalten. Uns sind in der Gesellschaft ja gelegentlich die Zusammenhänge abhanden gekommen. Die Kunstakademien, die mal als Bindeglieder für die Gesellschaftszusammenhänge gegründet wurden, sind großen Teils Einrichtungen der Selbstversorgung und -bespiegelung. Es kommt aber darauf an, wieder erfahrbar das Bild und das Wort zusammen zu bringen. Unsere aktuellen Debatten zeigen an, welche Defizite in der Weltwahrnehmung existieren. Es sind ja nicht nur die Kinder, die zwischen dem Informationswahnsinn verderben; es sind die Eltern, die bei permanenter Option, Wissen abrufen zu können und sich zu bilden, die Option „kann ich im Netz nachschlagen, muss ich nicht wissen“ wählen und blöd durchs Gebiet laufen. Schreckliche Nachrichten verbreiten sich immer am schnellsten.

Nun wollen wir mal einen Blick in Ihr aktuelles Programm werfen. Der Eröffnungskatalog ist Ende Mai an den Buchhandel augeliefert worden. Und ich staune und zähle 18 Titel. Klein kann man das nicht gerade nennen.

Nunja, das ist und war die Kunst, ein Programm zu entwerfen, das alle Tugenden der Vergangenheit wenigstens in Ansätzen wieder zeigt. Viel kleiner konnte das Programm daher nicht sein: Die Reihe der Weltliteratur in illustrierten Ausgaben etwa. Der große Spanier Javier Marías steht mit seinem Roman Der Gefühlsmensch da neben Joseph Roths Roman Beichte eines Mörders erzählt in einer Nacht. Letzteren hat der bekannte Hamburger Künstler Klaus Waschk illustriert.

Aber wer ist Stefhany Y. Lozano, die den Marías bebilderte?

Eine junge Kolumbianerin, die ich entdeckt habe, und die einen wunderbaren Bilderkosmos entworfen hat.

Und Sie haben sich entschlossen, die tragische Geschichte der deportierten Juden im von der deutschen Wehrmacht besetzten Frankreich, äußerst skurril erzählt im Roman Der Pelz meiner Tante Rachel von Raymond Federman, auch von einem Großen bebildern zu lassen?

Ja, vom Leipziger Hartwig Ebersbach, dem Doyen der ostdeutschen gestischen Malerei. Das Wort doodlen kommt ja aus der Sprache des Jazz und heißt soviel wie sich einspielen, zu improvisieren, eben zu doodlen. Das gefiel Ebersbach, und er wollte das ganze Buch bildnerisch doodlen. Das paßte zu Federmans Erzählweise. Im Herbst erinnern wir übrigens mit diesem Buch an den 10. Todestag des großen amerikanischen Autors, der als franzöischer Jude in Paris geboren, sich als erster überhaupt in den USA über Samuel Beckett promoviert hatte und dann einer der bedeutendsten experimentellen Schriftsteller der Neuen Welt wurde, die im Augenblick leider sehr ranzig wirkt.

Sie setzen mit den Bänden 39 und 40, übrigens in der Gestaltung von Rainer Groothuis, auch die Reihe „Erstlingswerke deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts“ fort. Ihr Programm hat ein klares literarisches Profil.

Die erzählende Literatur ist der Nukleus. Neben der Vielzahl illustrierter Ausgaben erscheinen nach einer längeren Schreibpause ein neuer Text von Dorothea Dieckmann. Josef Haslinger wird sich in dem Band „Child in Time“ an die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens erinnern und mit Désirée Opelas „In Limbo“ wird es ein bemerkenswertes Roman-Debüt geben.

Auch die Plastik-Edition, die der Verlag viele Jahre gepflegt hatte und zu der u.a. Künstler wie Wieland Förster, Jo Jastram oder Hermann Naumann Entwürfe beisteuerten, wird es wieder geben. Und etwas wirklich Singuläres soll wieder aufleben: die sogenannten Buchkuriosa. Und gleich zu Beginn ein Schuhbuch, ein Buch im Schuh. Wie kommt man denn auf solche Ideen?

Ich glaube, manchmal muss man auch ein bisschen betrunken oder trunken sein, nicht alles diktiert einem der Verstand. Der Unverstand ist gelegentlich auch ein guter Tippgeber.

Haben Sie auch Angst vor der neuen Herausforderung? Immerhin hat sich das Leseverhalten ja verändert und die Digitalisierung die Branche nachhaltig umgekrempelt?

Angst ist ein Naturzustand des Menschen. Unser ganzes Leben ist ein ewiger Kampf, diesen Zustand zu begrenzen. Und wer einen Verlag begründet, spielt mit diesem Zustand. Wir sind ja der einzige Beruf, der ohne Auftrag handelt. Es ist wie beim Hochleistungssport. Wenn du das letzte Risiko scheust, kommst du nie in den Erfolg. Also großes Risiko gehen ist ebenso große Lust wie große Angst erfahren. Freilich will man am Ende, schon der Verpflichtung seinen Autoren und Künstlern wegen, erfolgreich sein.

Welche Ziele setzen Sie sich?

Wir hatten im September 1990 den Verlag in Berlin gegründet. 2029 will ich im Leipziger Musikviertel, wo der Verlag wieder seinen Sitz hat, ein Fest veranstalten, das gewisserweise 40 Jahre eigene Verlags- wie gemeinsame deutsche Geschichte erinnern soll. Gefeiert wird mit Autoren und Künstlern und Kolleginnen und Kollegen. Das sind zehn Jahre bis dahin, und dann lege ich die Geschäftsführung in andere Hände.

Ihr Appell an die Buchhändlerinnen und Buchhändler?

Originär sein, nicht dem Zeitgeist hinterher rumpeln. Er ist nämlich das, was er auch vorgibt. Nur beschränkter Geist für kurze Zeit.

Die Fragen stellte Franziska Altepost

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