Karin Nohr über ihren Roman "Kieloben" (Größenwahn-Verlag) „Wie gehen Sie mit Geheimnissen um?“

Karin Nohr

Karin Nohr neuestes Buch Kieloben ist gerade im GrößenwahnVerlag erschienen. In ihrem deutsch-norwegischen Familienroman schildert sie die Wendepunkte im Leben zweier Frauen und berührt dabei wunde Punkte zweier Nationen. Anlass für Fragen an die in Berlin lebende Autorin, deren letzter Roman Stummer Wechsel ebenfalls bei Größenwahn erschien:

BuchMarkt: Worum geht es in Kieloben

Karin Nohr: Um Familiengeheimnisse. In zwei Familien, eine deutsche, eine norwegische, platzt eine Bombe: Neue Erkenntnisse über die Eltern und deren Taten im 2. Weltkrieg. Unter den Kindern und Enkelkindern kommt alles auf Tapet: unausgesprochene Konflikte, Entfremdungen, Vermächtnisse. Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt: die „späten Schwestern“ Mette aus Norwegen und Inga aus Deutschland. Sie wollen einander näherkommen. Was zeigt, was versteckt man, wer will man sein? Was nimmt man wahr? Wie will man leben? Immerzu werden die eigenen Familiengeschichten hinterfragt. Was war Familienmythos, was geschah wirklich? Und dann ist da noch Ingas Norwegenreise und Mette, die aus Tromsø nach Berlin kommt …

Und immer wieder geht es in dem Roman auch ums Segeln! Inga: „Warum segelt man eigentlich?“ Einar: „Um Heimweh zu lernen.“

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Wie entstand die Idee dazu?

Es gab zwei Anstöße: Ich hatte von einer seltsamen Wette in meinem Bekanntenkreis gehört: Wer von den beiden älteren Herren, erfahrene Segler, sie verlor, musste „auf eigenem Kiel“ nach Nordnorwegen segeln. Daraus wurden eine abenteuerliche Fahrt und ein einjähriger Aufenthalt des „Verlierers“, eines gerade pensionierten Musikers, auf einer nordnorwegischen Insel. Sein Sohn erzählte mir davon, und ich erwog spontan, über die Hintergründe der Wette und den Aufenthalt dort zu schreiben.  In der Zeit, wo ich damit „schwanger ging“, stieß ich auf Aufzeichnungen deutscher Soldaten in Norwegen. Da auch mein Vater im 2. Weltkrieg dort stationiert war, aber als Gesprächspartner nicht zur Verfügung stand, war mein Interesse nachhaltig geweckt.

Erst der zweite Anstoß jedoch schob mich zum Schreiben an: Ich erlebte mit, wie herauskam, dass ein mir gut bekannter junger Mann nicht das leibliche Kind seiner Eltern, sondern ein adoptiertes Kind war. Die Erschütterung des jungen Mannes über das Verschwiegene war tiefgreifend.  Es dauerte lange, bis ich beide Themen gut verbinden konnte und daraus der „Familienroman“ wurde, wie er heute vorliegt.

Was ist die Intention dahinter?

Es sind eher Ideen zu Personen und ihren Entwicklungsmöglichkeiten, die mich anschieben, weniger „Intentionen“.  Die Ideen müssen unauslotbar sein, um ihre Faszination für mich nicht zu verlieren. Eine Leitidee war sicher:  Wie können so „späte Geschwister“ zueinander finden? Eine andere: Welche für den einzelnen Menschen bis heute spürbare Auswirkungen haben Ereignisse aus der Vergangenheit, hier des 2. Weltkriegs?

Welche Leserschaft wollen Sie damit ansprechen?

Menschen, denen Familienromane etwas geben.

Historisch und psychologisch Interessierte.

Segler (denn das Segeln spielt in beiden Familien eine große Rolle).

Norwegenfans.

Reiselustige.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Kieloben befriedigt das sehr menschliche Bedürfnis, Familiengeschichten auf den Grund zu gehen. Hinter jeder vermuten wir ein Geheimnis, und wenn es auch nicht in jeder Familie eines gibt, so doch Tabus. Das bewegt viele, daraus ergibt sich Spannung. Und die Fragen: Wie wäre ich mit diesem Geheimnis umgegangen? Es verschweigen, mich zurückziehen oder offensiv und abenteuerlich nachforschen? Daran können sich Leserinnen und Leser reiben.

3 Wörter, die das Buch optimal umschreiben?

Fesselnd, tiefsinnig, lakonisch. (Als lakonisch möchte ich meinen Schreibstil bezeichnen, der durchaus gelegentlich zum Lachen bringt.)

Wird es eine Fortsetzung geben?

Höchstens indirekt. Es kann sein, dass ich auf die Romanfigur Inga in anderem Zusammenhang  zurückkomme. Sie hat auch schon Vorläuferinnen: Annegret in Vier Paare und ein Ring , Melissa Dreyer in Stummer Wechsel

Sie haben fünf Romane geschrieben. Ist Kieloben ihr Lieblingsbuch?

Von allen meinen Roman hat mich Kieloben am meisten und längsten beschäftigt und regelrecht in Frage gestellt.  Ich habe eher „Lieblingshelden“, da ich an allen meinen literarischen Figuren wie an Freunden hänge. Am liebsten habe ich Anton aus den „Eastern Sittichs“,  aber näher stehen mir Inga, ihre Brüder Matthias und Markus, und Mette aus Kieloben.

Woran schreiben Sie jetzt?

An einem Roman über einen wenig selbständigen einunddreißigjährigen Mann mit enger Mutterbindung. Er arbeitet als Sicherheitsmitarbeiter im Museum und ist (leider) ein leidenschaftlicher Modelleisenbahner, sodass ich mich dafür interessieren „muss“. Meine Romanfiguren entwickeln immer ein Eigenleben, das ich sozusagen respektiere, auch wenn andere sagen: Du kannst doch schreiben, was du willst. Eben nicht.

Beeinflusst Ihr früherer Beruf als Psychotherapeutin Ihr Schreiben?

Anders als meine „Kollegen“ wie Shpancer und Yalom schreibe ich nicht über Patienten und therapeutische Prozesse, obwohl man da wirklich Abenteuerliches erlebt. Es liegt vielleicht daran, dass ich von meiner Identität her schon Schriftstellerin war, bevor ich Analytikerin wurde, auch wenn ich erst spät publiziert habe und lange in dem Beruf gearbeitet habe. Aber natürlich profitiere ich von dem, was man in diesem Beruf braucht: Geduld, Einsicht in seelische Konflikte, Respekt vor der Macht des Unbewussten.

Und privat? Was lesen Sie da am liebsten?

Zeitgenössische Literatur. Gelegentlich auch Sachbücher: gerade Seierstad über den Mörder Breivik (auf norwegisch! Langsam geht es nur voran …). Sehr gern habe ich Herrndorfs Bücher gelesen und bin traurig über seinen frühen Tod. Dann Wiederentdeckungen: Jean Paul, Schulmeisterlein Wutz. Vor dem Einschlafen lese ich ein paar Seiten Goethe im Gespräch mit Eckermann und amüsiere mich über Wendungen Goethes zum Beispiel über die Berliner –  es sei ein „verwegener Menschenschlag“, bei dem man „mit der Delikatesse nicht so weit“ reiche, sondern „Haare auf den Zähnen“ brauche … Das Buch ist unerschöpflich, schön dick und wird mich noch lange begleiten.

 

 

 

 

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