Das Sonntagsgespräch Ellen Braun über psychologisches Kapital in der Buchbranche

Die Unternehmensberaterin Ellen Braun hat sich kürzlich in einem Neujahrsbrief an ihre Kunden gewandt und geschrieben, “dass Hochleistung und Menschlichkeit zwei untrennbar miteinander verbundene Bestandteile erstklassiger Führungsarbeit sind. Das gilt umso mehr, da wir mitten in einem für die Branche massiven Umbruch stehen, wo noch keiner so recht weiß, wie der zukünftige ‚Paid Content’ aussehen soll und welche Geschäftsmodelle wirklich greifen. Dafür brauchen wir Menschen mit Mut, Kreativität und einem hohen psychologischen Kapital auf allen Ebenen.” Anlass genug, bei ihr einmal nachzufragen, was es mit dem psychologischen Kapital auf sich hat.

Ellen Braun berät Unternehmen darin, Veränderungen zielorientiert durchzuführen. Außerdem coacht und trainiert sie Führungskräfte mit den Schwerpunkten Kommunikation und Public Relation in eigener Sache. Sie ist verheiratet mit Professor Dr. Steffen Hillebrecht (Medienmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt), mit dem sie auch eine 4-jährige Tochter hat.

Ellen Braun

Frau Braun, sieht man als Frau mit Familie die Entwicklung in unserer Branche anders?
Ellen Braun: Fangen Sie jetzt auch schon an wie Michael Krüger, der einer Frau wie Elisabeth Ruge nicht zutraut, das gleiche zu leisten wie ein Mann, weil sie Kinder hat?

Das hat er sicher nicht so gemeint, wie es rüber kam. Aber ich hatte Sie durchaus so verstanden, als würden Sie auch auf Grund ihrer persönlichen Lebenssituation inzwischen andere Prioritäten sehen…
Ich sehe manches inzwischen differenzierter. Natürlich ergibt sich das aus der eigenen Perspektive als Mutter, Partnerin & Unternehmerin. Mein Zeitbudget ist knapp und das spornt mächtig an, die beruflichen Herausforderungen in der kurzen Zeit ebenso effektiv zu bewältigen. Aber auch wegen der Megatrends der Arbeitswelt, dem gesellschaftlichen Wertewandel, der demografischen Entwicklung, gepaart mit dem Fachkräftemangel, gewinnt die Erhaltung der psychischen Ressourcen am Arbeitsplatz einen neuen Stellenwert. Familienfreundlichkeit heißt in diesem Zusammenhang für Unternehmen Möglichkeiten zu schaffen für eine Kinderbetreuung, ebenso wie für die sogenannte „elder care“, die Pflege der Eltern. Die Technik birgt immense Chancen, Prozesse zu verändern und effizienter zu gestalten, damit Freiraum für familiäre Aufgaben entsteht. Das sehe ich selbst auch in der Beratung und im Trainingsbereich, wie z.B. in der Akzeptanz von Webinaren.

Was heißt dann also “Hochleistung & Menschlichkeit” konkret für den Buchhandel?
Viele Unternehmer haben ihre geschäftlichen Ziele bereits für sich schriftlich dargelegt. Doch was ist mit den persönlichen Zielen? Die Beziehung zum Partner bzw. zur Partnerin und zu den Menschen, die das Leben lebenswert machen? Das Verhältnis zu den Kindern und Freunden? Vor lauter Pflege von Kunden, Mitarbeitern, Daten, Sortimenten, EDV, Web 2.0, Online-Shop etc. haben viele vergessen, sich selbst zu pflegen. Immer öfter treffe ich in der Beratung auf Führungskräfte, die – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgebrannt wirken.

Jetzt haben also auch Sie das Modethema “Burnout” aufgegriffen?!
Nein, im Gegenteil! Wir haben das Problem schon vor zwei Jahren in unserer Studie zur Familienfreundlichkeit im Buchhandel aufgedeckt. Und endlich können wir offen darüber reden. Wir müssen uns gerade jetzt fragen, ob wir nicht nur die Dinge richtig machen, sondern auch die richtigen Dinge tun.

Was sind denn die richtigen Dinge, wie finden wir das heraus?
Da geht es der Buchbranche, wie dem Formel-1-Piloten: Der beste Fahrer kann nur Rennen gewinnen, wenn er körperlich, mental und fachlich fit ist, das beste Auto und ein exzellent funktionierendes Support-System hat. Sind die Führungskräfte wirklich körperlich, mental & fachlich fit, haben die besten Produkte und ein exzellent funktionierendes Mitarbeiterteam? Dazu gehört eben, eine Strategie zu entwickeln, diese konsequent zu verfolgen und auch über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Können Sie uns Beispiele nennen?
Nehmen Sie den Seminarbereich: Schulungen nah an Produkten laufen wirklich gut. Aber ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Buchhändler z.B. an der Zukunftskonferenz im September 2011 teilgenommen haben. Oder wie zögerlich manche Angebote genutzt werden, um die eigene Führungsfähigkeit zu stärken. Wir sind in einer wunderbaren Branche mit klasse Inhalten tätig. Doch leider bleiben viele Verkäufer bei den Inhalten kleben. Verkaufsseminare gehören nach wie vor nicht gerade zu den Lieblingsthemen der Buchhändler.

Vielleicht sind die passenden Angebote schlicht nicht vorhanden?
Möglicherweise. Andererseits ist es schon eine grundsätzliche Haltung und die Treppe wird immer von oben nach unten gekehrt: Wenn also die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen und „Hochleistung & Menschlichkeit“ vorleben, dann werden dies auch die Mitarbeiter tun. Daher ist es meines Erachtens Pflicht von Führungskräften, sich immer wieder neue Impulse aus Weiterbildungseinheiten zu holen. Gleichzeitig ist es gerade in Zeiten eines Branchenumbruches entscheidend, das „psychologische Kapital“ zu stärken. Hier wird häufig wertvolles Potential verschenkt.

“Psychologisches Kapital”… Sollen sich jetzt alle auf die Couch legen?
Bauchnabelschau auf der Couch? Das ist tatsächlich eine gruselige Vorstellung. Aber ich gehe schon manchmal mit Coachees in die Berge. Beim Laufen und auf der Höhe bietet es sich an, das eigene Verhalten zu reflektieren oder einfach mal aus dem Hamsterrad auszusteigen, um sich zu fragen: “Was macht mich stark?”, “Was gibt mir Hoffnung?”, “Was bringt mich dazu, jeden Tag aufzustehen und zu sagen, ‘ich schaffe es, egal was kommt’?” Daraus formt sich das psychologische Kapital. Es steht jedem zur Verfügung, ist aber eben begrenzt.

Wie wird dieses psychologische Kapital “verzinst”?
Die anstehenden Veränderungen, mit einem Paradigmenwechsel in der Strategie, können nur mit Führungskräften und Mitarbeitern umgesetzt werden, die optimistisch an die eigenen Fähigkeiten glauben. Wenn das psychologische Kapital der Führungskräfte und Mitarbeiter niedrig ist, dann herrscht kein Klima der Innovation, und anberaumte Veränderungen werden nicht oder nur sehr zäh umgesetzt. Diese Wettbewerbsnachteile, in einer derart dynamischen Zeit, wie wir sie jetzt haben, sind schwer wieder aufzuholen. Es lohnt sich darüber nachzudenken, wie die psychische Gesundheit dauerhaft erhalten oder noch gestärkt werden kann.

Da gibt es ja schon einige selbsternannte Gurus!
Stimmt! “Betriebliches Gesundheitsmanagement” ist das Trendthema 2012 schlechthin. Viele Berater stürzen sich darauf und plötzlich bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern Yoga-Kurse und Tage der gesunden Ernährung an. Eine Farce, weil es um viel mehr geht als darum, welche Hautcrème in der Druckerei den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt wird. Es geht um eine Denkhaltung in der Führung und bestimmt maßgeblich die Kultur eines Unternehmens. “Alles für den Kunden” heißt eben auch, alles für sich und den Mitarbeiter zu tun, damit eine Atmosphäre der Innovation überhaupt entstehen kann.

Wie gestaltet man also eine “Atmosphäre der Innovation”?
Wir unterschätzen immer noch die Bedeutung von Wertschätzung und Beachtung der Menschen im Unternehmen. Konsequent gelebtes betriebliches Gesundheitsmanagement als Bestandteil der Unternehmenskultur ist sorgfältig durchdacht und ein wesentlicher strategischer Erfolgsfaktor. Es setzt bei einem gesunden Betriebsklima an und wirkt sich positiv auf die strategische Bilanz der Unternehmen aus. Und hier schließt sich der Kreis zum psychologischen Kapital des Unternehmens – das Unternehmen hält die Balance zwischen Hochleistung und Menschlichkeit.

Wie packe ich die strategische Bilanz als Unternehmer an?
Letztendlich geht es um Stärken und Schwächen des Unternehmens vor dem Hintergrund der sich verändernden Rahmenbedingungen. Dazu helfen folgende entscheidende Fragen:
“Welche Stärken und Schwächen hat das Unternehmen, um es in die Neue Welt sicher zu führen?”, “Welche Herausforderungen gilt es zukünftig zu bewältigen?” und “Welche Prioritäten setzen wir aus den zuvor genannten Punkten für unsere Strategie?”

Dreht sich der Unternehmer bei so vielen Fragen nicht noch viel schneller im Hamsterrad?
Am besten werden diese Fragen mit Mitarbeitern diskutiert, die sich in besonderer Weise für das Unternehmen interessieren und einsetzen. Das Ergebnis der Diskussion wird dann schriftlich fixiert als Unternehmensstrategie, aus der die entsprechenden Ziele abgeleitet werden.

Und dann haben wir wieder ein Papier mehr?
Ich sehe es als gute Basis, z.B. auch für Bankengespräche, wenn es ergänzt wird um eine Umsatz-, Ertrags- und Liquiditätsplanung. Banken bemängeln immer, dass Buchhändler und Verleger zu wenig auf Augenhöhe verhandeln. Mit einer gut vorbereiteten und durchdachten Strategie nach obigem Muster, sind die Unternehmer auf Augenhöhe und haben die besseren Argumente. Wer hier nachdenkt und rechtzeitig gute Antworten findet, wird auch bei Banken mehr Kredit haben für die notwendigen Innovationen.

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