Runde Geburtstage Elisabeth Ruge (60)

Literaturagentin Elisabeth Ruge wird heute 60 Jahre alt. Ingo Schulze gratuliert:

Vor kurzem hatte ich in einem Interview die Frage zu beantworten, was das wichtigste Ereignis für mich als Schriftsteller gewesen sei. Ich wollte diese Superlativ-Frage schon übergehen, als mir einfiel, dass ich doch eine Antwort darauf hätte. Eigentlich wären es zwei Ereignisse. Das erste besteht in jenem Augenblick oder Tag oder Monat, in dem man plötzlich merkt, dass „das Schreiben geht“. Noch öfter hatte ich allerdings das Gefühl, das Schreiben wieder verlernt zu haben.

Das zweite Ereignis lässt sich leichter fassen. Ich kann es sogar datieren, wenn ich die Vorgeschichten weglasse, nämlich auf Dienstag, d. 31. Januar 1995. Für den Nachmittag dieses Tages war ich in den Berlin-Verlag, Greifswalder Str. 207 bestellt worden, man sei an meinem Manuskript interessiert. Durch eine Tordurchfahrt betrat ich einen Hinterhof, an dessen Ende man in ein Treppenhaus samt Fahrstuhl gelangte. Der Berlin-Verlag befand sich im dritten Stock. Kurz darauf stand ich in einem Arbeitszimmer, dessen Gangseite, wie in allen Räumen, verglast war und in dem der einzige Stuhl vor dem Schreibtisch mit verschiedenen, von Gummis umspannten Papierpacken belegt war. Weitere fünf Minuten später saß ich Elisabeth Ruge gegenüber, die versuchte, anerkennend über mein Manuskript zu sprechen und mir Fragen zu stellen, allerdings wurde sie fortwährend durch irgendjemanden unterbrochen, der ihr durch die Glastür Zeichen gab oder gar hereinstürmte oder mit einem offensichtlich schweren Karton beladen im Rückwärtsgang, mit dem Ellbogen die Klinke drückend und sie mit dem Rücken aufschiebend, hereindrängte, um von ihr gleich wieder hinausgeschoben zu werden. Natürlich musste Frau Ruge ihm voran zum neuen Ziel laufen, um dort die Türe zu öffnen. Inzwischen hatte sich aber bereits die nächste eingefunden, die mich vorwurfsvoll ansah und fragte, wo Elisabeth denn nun wieder hin sei, um, als sie zurückkam, sie mit sich zu nehmen. Merkwürdiger Weise ließe keine der Störungen sie ungehalten werden, im Gegenteil, sie blieb stoisch heiter, als erfreue sie sich an den originellen Ideen spielender Kinder. Ich nutzte die Pausen, um zwischen all den Kabeln sicheren Boden unter den Füßen zu finden. Kam sie dazu, weiter über mein Manuskript zu sprechen, versuchte ich herauszuhören, worauf ihr Lob denn nun hinauslaufen würde, um dann plötzlich beiläufig die Frage zu hören, die mein Leben verändern sollte: „Wären Sie denn bereit, uns Ihr Manuskript anzuvertrauen?“

Wahrscheinlich habe ich genickt, mich geräuspert und aus trockener Kehle „ja“ geflüstert, statt aufzuspringen und zu schreien.

Sicher würde mir dieser dämmrige Nachmittag nicht in solch einem Goldrahmen erscheinen, wäre nach dem ersten oder zweiten Buch Schluss gewesen. Trotzdem halte ich die Erfahrungen, die man mit der Verlagssuche macht, für prägend. Ich hatte das kaum zu überschätzende Glück, nie zum Bittsteller gemacht worden zu sein. Insofern haben mich Elisabeth wie der ganze Verlag geprägt. Vor allem aber war es mir nun möglich zu sagen, wer ich war, nämlich einer, der schreibt.

Prägend war auch die Arbeit am Text, die in meinen Augen wichtigste Aufgabe eines Verlages. Elisabeths überschwänglichem Lob für das Manuskript (genauso hatte ich es hören wollen!) folgten lektorierte Seiten, in denen mitunter kein Satz auf dem anderen geblieben war. Hatte sie sich einen Scherz mit mir erlaubt? Der Zeitraum, in dem ich gekränkt auf die Vorschläge reagierte, verkürzte sich von Manuskript zu Manuskript erheblich. Hatte ich mich aber einmal ans Überarbeiten gemacht, verließ mich nie das Gefühl, welchen Luxus ich gerade genoss. Einmal wagte ich nach stundenlanger gemeinsamer Durchsicht auf eine ihrer Fragen zu antworten: Ist doch egal! Die nachfolgende Minute hat sich mir als der Tiefpunkt unserer Freundschaft eingebrannt.

Zu meiner eigenen Überraschung verwarf ich nur wenige ihrer Vorschläge. Die aber, die ich ignorierte, kehrten manchmal mit einer gewissen Penetranz wieder, wir zerrten regelrecht bockig über mehrere Durchgänge hinweg an manchen Passagen herum. Dabei ließ mich Elisabeth stets wissen, dass ich am längeren Hebel saß. Für jedes Buch bildete sich eine eigene Lektoratsform heraus. Ein Manuskript las ich ihr über mehrere Tage hinweg im Garten vor, wobei wir passend zum Inhalt unter einem Apfelbaum saßen. Es ist ein Unterschied, ein Manuskript abzugeben, oder im Prozess der Korrektur dabei zu sein. Ich musste mich überwinden, mit dem Vorlesen zu beginnen und errötete etwas. Unlektorierte Manuskripte sind äußerst heikel. Lektorinnen und Lektoren erfahren viel zu viel über ihre Schützlinge. Aus den Augenwinkeln gewahrte ich, dass Elisabeth in die Sonne blinzelte, um im nächsten Moment: Stopp! zu rufen.

Welchen Umständen ihre Arbeit an meinem Manuskript mitunter abgerungen war, erschloss sich mir aus den Rückseiten der Blätter, auf denen sich beispielsweise ausführliche Dokumentationen von „Stadt, Land, Fluss“ fanden oder die Resultate eines Würfelspiels zwischen „Fritzi, Shenja, Mama“ in langen Tabellen festgehalten worden waren.

Die Zusammenarbeit nahm mit dem Text nur ihren Anfang. Einmal diskutierten wir mindestens eine halbe Stunde über den Grauton, den das Leinen des Buches haben sollte und welches Lesebändchen dafür passend wäre. Auf den Buchmessen hatte ich in ihrem Schlepptau ausländische Verleger zu besuchen, an gesetzten Essen teilzunehmen – eine Woche später wurde mir die Zahl der abgeschlossenen Übersetzungsverträge präsentiert.

Unausgesprochen vermittelte Elisabeth immer das Gefühl, es gebe für sie keine anderen Autoren neben mir. Und es gab wohl tatsächlich immer wieder Tage, in denen sie diesem narzisstischen Autorengebot nahekam. Gründe, um eifersüchtig zu werden, existierten Zuhauf. Was sie noch alles so unternahm, gehörte meiner Ansicht nach überhaupt nicht zum Leben einer Lektorin und Verlegerin. Sie musste sich doch schonen und auch mal erholen, um ganz für die Arbeit im Verlag (also mit mir!) da zu sein. Ich ahnte nicht einmal, wohin sie ihre verschiedenen Umlaufbahnen führten, sie selbst ist wohl immer wieder davon überrascht worden. Dass sie eine dieser Bahnen aus der Verlagswelt hinausführen würde, habe ich nicht für möglich gehalten, das heißt, ich habe es nie in Erwägung gezogen. Merkwürdiger Weise ist sie für mich in ihrem Denken und Tun trotzdem eine Verlegerin geblieben und wird es wohl auch weiterhin sein, selbst wenn sie eines Tages – was ich allerdings kaum für möglich halte – einfach nur unter einem Apfelbaum sitzen und in die Sonne blinzeln sollte.

Dein Ingo Schulze

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