Katharina Mevissen über ihr Debüt "Ich kann dich hören" (Wagenbach) „Eine Geschichte des Zuhörens“

Katharina Mevissen: „Es liegt immer in den Augen der Leser*in, welche Figuren und Fragen stark oder weniger stark wirken, welche Geschichten in der Geschichte lauter, welche leiser erscheinen“

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Katharina Mevissen war in zahlreichen Jungautoren-Projekten aktiv, u.a. beim Jungen Literaturhaus Köln, der Theaterwerkstatt und der Kunsthalle Bremen. Als Teil des Bremer Poesie-Kollektivs „gabrieleschreibtgedichte“ tritt sie auf öffentlichen Lesungen und Festivals auf, darunter „zwiesprache lyrik“ und die globale° 2015. Im Oktober 2015 wurde ihr Romanprojekt „Ich kann dich hören“ mit dem Bremer Autorenstipendium prämiert. Der Roman erscheint nun am 31. Januar bei Wagenbach. Er erzählt von einem jungen Mann, dem Augen und Ohren geöffnet werden und von einer Frau, die in der Stille lebt. Es geht um Vater­ , Mutter­ und Gebärdensprache und um die berührende Kraft von Musik. Anlass für Fragen an die Autorin:

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Katharina Mevissen:  Ich kann dich hören , das sagt ja schon der Titel, ist im Wesentlichen eine Geschichte des Zuhörens. Damit ist aber nicht nur das biologische Hörvermögen, das Akustische gemeint, sondern vielmehr Hören als Fähigkeit der Auseinandersetzung, des Dialogs.

Zwar spielen das Musikalische und Akustische eine große Rolle im Roman, aber eben auch Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Stille, Schweigen und wortlose Dialoge.

Der Protagonist Osman studiert Cello und stammt aus einer schwierigen Musikerfamilie. Seine Entwicklung bekommt erst dann eine neue Richtung, als er ein Diktiergerät findet, auf dem die Tonaufnahmen einer Unbekannten gespeichert sind. Er beginnt, ihr zuzuhören –  obwohl gerade ihm das Zuhören schwerfällt; die Konfrontation mit seinem Vater, seiner verschwiegenen Familie.

Schließlich sind es aber eine gehörlose junge Frau und ihre Schwester, von denen er lernt, was seine Mitbewohnerin und auch seine Tante einfordern. Alle Figuren ringen auf ihre Art, in all ihrer Beziehungsfähig und -unfähigkeit, um die Möglichkeiten des Zuhörens.

Und doch ist das nicht alles.  In einer Geschichte stecken ja immer viele Mikrogeschichten. Es klingt viel an, was gar nicht vollständig erzählt werden kann und soll. Darum liegt es doch auch immer in den Augen der Leser*in, welche Figuren und Fragen stark oder weniger stark wirken, welche Geschichten in der Geschichte lauter, welche leiser erscheinen.

Wie entstand die Buchidee?

Das ist eine schwierige Frage. Denn ja, es gab zwar eine Grundidee, die die Geschichte angestoßen hat: Ich hatte meinen alten MP3-Player im Bus vergessen und fing an mir vorzustellen, wie das wäre, persönliche Ton-und Musikaufnahmen einer fremden Person zu finden. Was daraus entstehen könnte, wenn eine Begegnung mit dem Zuhören beginnt. Aber es braucht ja nicht nur eine Idee, sondern hunderte von Ideen, bis tatsächlich die Geschichte daraus wird, die man erzählen will. Viele dieser Einfälle lassen sich gar nicht mehr rekonstruieren, wann, wo, wie sie einem in den Kopf kamen. Aber allein mit der ersten elektrisierenden Idee kommt man nicht weit. Die ist vor allem dazu da, anzufangen.

An welchem Ort schreiben Sie, gibt es eine Schreibroutine?

Der Ort, an dem ich schreibe, ist mein Alltag. Und mein Schreibtisch. Diszipliniert und unspektakulär.  Aufregend ist die Arbeit am Text selbst.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Es ist ein fein-sinniges Buch für alle Menschen an Wendepunkten, ob jung (wie Osman) oder mittelalt (wie Elide). Ein Buch voller Töne und Geräusche, alltäglich und außergewöhnlich zugleich.

Welche Leserschaft soll angesprochen werden?

Ich habe das Buch nicht geschrieben, um eine bestimmte Leserschaft anzusprechen, sondern um genau diese Geschichte genau dieser Figuren zu erzählen.  Es geht ja um sehr unterschiedliche Menschen in dem Buch, die unterschiedlich alt sind, die unterschiedliche Fragen, Sprachen und Erfahrungen haben.  Deswegen könnte es sein, dass die Geschichte auch für die unterschiedlichsten Menschen lesenswert ist. Mir gefällt die Vorstellung, dass das Buch von Leuten gelesen wird, die sonst kaum lesen.

Und zum Schluss: Was lesen Sie selbst gerne?

Immer wieder Virginia Woolf, Johannes Bobrowski, Carolin Emcke.

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