Das Autorengespräch Dorothea Redeker über die Frage, warum man ein Buch über den eigenen Großvater schreibt

Immer freitags ab 14 Uhr hier ein Autorengespräch: Diesmal mit Dorothea Redeker (der langjährigen AWS-Geschäftsführerin) über ihr Buch Der Physikus, das im Mai erschienen ist. Das Buch ist im Eigenverlag erschienen, aber über alle Barsortimente beziehbar.

Forschung, Bibliotheken, Börsenverein, AWS – Dorothea Redeker kennt die Buchbranche aus vielen Perspektiven. Nun hat sie eine Biografie ihres Großvaters Franz Redeker veröffentlicht. Ein unbekannter Nachlass führte sie auf die Spur des Mediziners, der seit der Weimarer Republik zu den führenden Tuberkuloseforschern zählte. Doch warum kann die Lebensgeschichte eines Gesundheitsbeamten für uns heute noch von Interesse sein? BuchMarkt hat nachgefragt.

Dorothea Redeker

BuchMarkt: Was sind Sie eher – Erzählerin einer Familiengeschichte oder Sachbuchautorin?

Dorothea Redeker: Zunächst war ich eindeutig Chronistin, versuchte aus familiärem Interesse die beruflichen und persönlichen Daten meines Großvaters zu recherchieren. Doch irgendwann fing mich das Lebensthema meines Großvaters ein: Die Bekämpfung der Tuberkulose und die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg. Tuberkulose gehörte bis in die 1950er Jahre zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten. In der Weimarer Republik versuchte man diese schwierige Aufgabe durch öffentliche Gesundheitsfürsorge in den Griff zu bekommen. In Deutschland ist das eine eher fremde Vorstellung, wir gehen bei gesundheitlichen Fragen ja in die Arztpraxis und nicht zum Gesundheitsamt. Wie es zu diesem Wandel kam, schildere ich in meinem Buch anhand der Lebensgeschichte meines Großvaters. So trat nach und nach neben die Familienchronistin die Sachbuchautorin.

Also mehr Sachbuchautorin – wie schafft man als Enkelin den Spagat zwischen Distanz und Nähe zum Protagonisten und das bei einem so sperrigem Thema?

Das war in der Tat nicht einfach. Die Entwicklung des öffentlichen Gesundheitswesens ist extrem unübersichtlich und durch zahlreiche Machtkämpfe verschiedener Institutionen und Vereinigungen gekennzeichnet. Als Generalist mischte mein Großvater in allen Bereichen mit, polarisierte, moderierte und zog die Fäden im Hintergrund. Er war in der Forschung genauso zu Hause wie in der öffentlichen Arbeit. Nähe und Distanz zum Protagonisten baut sich bei einer solch thematisch ausgerichteten Darstellung ganz von selbst auf.

Warum sollten sich Buchhändler für das Buch interessieren?

Warum nicht? Zeitgeschichte und Gesundheitsfragen der jüngeren Vergangenheit vor einem biografischen Hintergrund erzählt, das ist nicht nur aus historischer Sicht interessant. Das Buch tangiert viele ethische Fragen, die uns auch heute noch bewegen.

Warum haben Sie sich selbst verlegt und nicht bei einem Verlag?

Biografien gehören nicht zu den Titeln, die Verlage gerne auflegen – die Geschichten prominenter Zeitgenossen einmal ausgenommen. So hielt sich die Begeisterung der Verlage für mein Projekt in Grenzen. Ich habe mein Anliegen daher einfach selbst in die Hand genommen, mir ein Fachlektorat und Unterstützung bei der Herstellung gesucht – ohne professionelle Begleitung entsteht kein hochwertiges Buch. Und bei der Qualität wollte ich keine Kompromisse eingehen.

Wie vermarkten Sie das Buch?

Ich gehe den klassischen Weg über den Buchhandel, unterstütze durch gezielte Ansprache des potentiellen Leserkreises und durch Pressearbeit, überwiegend in Fachzeitschriften. Als „zeitloser“ Titel werden sich in den nächsten Monaten sicher einige Möglichkeiten ergeben – Geduld gehört bei einem medizinhistorischen Titel, auch der jüngeren Zeitgeschichte, dazu. Social Media spielt bei meinem Buch eine eher untergeordnete Rolle.

Sie haben also einen interessanten Nachlass gefunden – warum haben Sie ihn nicht an Historiker weitergegeben und auf eine wissenschaftliche Einordnung gewartet?

Ich war unendlich neugierig, wollte mir selbst ein Bild machen, und die Ergebnisse meiner Recherchen haben mich immer wieder angetrieben. Es gab Wochen, in denen ich fast aufgegeben hätte, aber dann fand ich einen neuen Hinweis. Es war detektivische Arbeit, bei der ich Puzzlestein für Puzzlestein zusammengesetzt habe. Und mit jedem Steinchen wuchs die Überzeugung, etwas Neues zum Thema beizutragen und parallel Einblick in ein spannendes Stück Zeitgeschichte geben zu können.

Und was passiert jetzt mit dem Nachlass?

Eine gute Frage, wahrscheinlich werde ich ihn splitten und zu Teilen in ein passendes Archiv geben.

Durch Klick auf Foto zur Webseite von Dorothea Redeker.
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