Benjamin Lebert über seinen Jugendroman "Im Zeichen der Acht" (Arctis) „Ein mutiges Buch für junge Erwachsene!“

Benjamin Lebert (c) Heike Bogenberger

20 Jahre nach seinem Debüt Crazy, das er mit gerade einmal 16 Jahren schrieb: Benjamin Lebert ist zurück mit einem neuen Jugendbuch, das heute bei Arctis/W1-Media erscheint. In Im Zeichen der Acht geht es um die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse –   Lebert hofft: „Schön wäre es, wenn durch diesen Roman die oft traurigen Stimmen vieler Teenager auf die ein oder andere Weise mehr Gehör und Verständnis finden.“ Anlass für Fragen an den Autor:

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?

Benjamin Lebert: Ich wollte eine abenteuerliche Geschichte für Teenager schreiben –  mit mystisch-phantastischen Anklängen. Eine Geschichte, in der die niemals versiegende Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse im Vordergrund steht. Die schmerzliche Reibung unserer Seelenbelange. Eine Pforte in den Tiefen des Schwarzwalds öffnet sich. Zwei Wesen kommen hervor. Einst sind sie beide Menschen gewesen. Zwei Liebende. Martha und Tristan. Nun sind sie Boten einer längst versunkenen Welt und tief verfeindet. Martha steht für das Bewahren, Tristan für den Untergang. Sie sind gekommen, um Verbündete zu finden für den alles entscheidenden Kampf der Acht. Der das Schicksal der Welt besiegeln wird. Verschiedene Jugendliche kommen im Verlauf dieser Geschichte in Berührung mit Martha und Tristan. Müssen sich zu ihnen positionieren, die ureigensten  Empfindungen, Neigungen und Kräfte ausloten und letztlich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen.

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Welche Rollen spielen Gut und Böse Ihrer Meinung nach für heutige Jugendliche?

Die Frage nach Gut und Böse ist meistens eine Frage der Nuancen. Minimale Regungen – Verschiebungen gewissermaßen – können den Unterschied machen, der etwas Grässliches, Gewaltsames hervorruft. Ich glaube, insbesondere junge Menschen haben es in der heutigen Zeit nicht leicht, in Fühlung zu gehen mit den Geschehnissen. Die Mitteilungsmittel überschreiten in jeder Sekunde aufs Neue das höchste Niveau an Schnelligkeit und alles überschwemmender Verbreitung. Das Vertrauen in jedwedes Bild, jedwedes Wort, ja sogar jedwede eigene Empfindung schwindet zunehmend. Und jede Möglichkeit der wahren Berührung scheint aus Gründen der zwingenden Aktualität binnen weniger Herzschläge verstrichen. Die Gesetze von Nähe und Distanz sind auf den Kopf gestellt. In einer solchen Welt findet das so genannte „Böse“ immens viele Schlupflöcher. In meinem letzten Roman „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“, einem Buch, das in Nepal spielt, habe ich über das Leben von Kindern geschrieben. Nun schreibe ich über das Leben von Jugendlichen. Was Kinder und Jugendliche gemeinsam haben, ist, wie leidenschaftlich sie sich den großen Fragen des Lebens hingeben. Ihnen nicht ausweichen wollen. Im Gegenteil. Im Innersten wollen sie diese Fragen erspüren. Aufspüren, gewissermaßen. Darum sind sie vielleicht besonders gefährdet für Einflüsterungen jedweder Art. Nehmen in ihrer Empfindsamkeit permanent die Kräfte wahr, die sie hierhin und dorthin zerren wollen. Wie junge Erwachsene mit diesen Kräften umgehen, sich ihnen widersetzen oder für etwas Gutes nutzen und dabei allmählich anfangen, fester an die eigene Kraft zu glauben, davon handelt Im Zeichen der Acht. 

Was hat Sie am fantastischen Genre gereizt?

Meinem Empfinden nach ist das Hinwegträumen in andere Sphären und Räume und die Sehnsucht danach, der Drang nach Grenzüberschreitung – gerade vom Realen ins Irreale – in Jugendlichen vielleicht vehementer ausgeprägt als bei Erwachsenen. Genauso wie eine gewisse Empfindsamkeit für Dinge, die sich in den Schatten vollziehen, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Darum war es mir sehr wichtig, phantastische Elemente in meinen Roman „Im Zeichen der Acht“ einfließen zu lassen. Die Figuren in der Geschichte sind diesen „phantastischen“ Geschehnissen ausgesetzt, müssen sich zu ihnen positionieren, verzweifeln und wachsen an ihnen. Da ich selbst in Freiburg geboren und mit den Sagen und Legenden des Schwarzwalds aufgewachsen bin, hatte ich gleich ein Gefühl dafür, woraus diese phantastischen Begebenheiten des Romans erwachsen würden.

Wie kam es dazu, dass Sie 1999 Ihren ersten Bestseller schrieben, und dann so lange warteten, bis Sie wieder einen Roman über und für Jugendliche schrieben?

Als „Crazy“ im Jahr 1999 erschien, war ich selbst 16 Jahre alt. Darum war es naheliegend, dass mein Buch damals von Jugendlichen handeln und erzählen würde. Ich bin dann – völlig überraschender- und hundsgemeinerweise – leider immer älter geworden. Böse Zungen behaupten sogar, ich wäre mittlerweile schon 38 Jahre alt. Immer wieder versuche ich diesen Unterstellungen Einhalt zu gebieten, aber es will nicht so recht gelingen (lacht). Im Verlauf der Zeit habe ich mich in meinem Schreiben jedenfalls verschiedener Themen angenommen. Die Bücher fallen sehr unterschiedlich aus und sind auch von unterschiedlichen Verlagshäusern veröffentlicht worden. Ich wertschätze und bewundere Schriftsteller und Menschen im Allgemeinen, die einer geraden Linie in ihrem Tun folgen. Für mich hat das Erlebnis des Lebens allerdings wenig mit unserer Sehnsucht nach einer geraden Linie zu schaffen. Die einzige gerade Linie, die dort draußen in den wilden, traurigen, wunderbaren Gefilden vorherrscht, ist der Pfad, der uns allen gleichermaßen auferlegt ist. Der Pfad, der früher oder später im Tod mündet. Alles andere aber ist Tumult, ist Wirrnis, ist Wunder. Und diesem Empfinden will ich auch immer wieder aufs Neue in meinem Schreiben zum Ausdruck bringen. Zuletzt jedenfalls hatte ich das tief empfundene Bedürfnis über Teenager zu schreiben. Diesmal aus einem anderen Blickwinkel heraus, als bei meinem ersten Buch. Aber in dem Wunsch, den Jugendlichen dennoch so nah wie möglich zu kommen. Ein Buch wollte ich schreiben, das Jugendliche in ihren Hoffnungen und Verzweiflungen wahrnimmt und im besten Falle ein kleines Licht für sie entzünden kann. Zumindest so weit irgendwelche meiner Sätze überhaupt dazu in der Lage sind. Darum kommt am Anfang des Romans eine Szene vor, in der eine kleine Kerze in einer düsteren Kapelle angezündet wird.

Welche Leserschaft wollen Sie mit dem Buch ansprechen?

Obwohl die „Acht“ als sogenannter All-Age-Roman gedacht ist, wünsche mir natürlich, dass viele Menschen von 14 bis 18 Jahren in diese Geschichte eintauchen wollen. Es ist nicht leicht, diese Altersgruppe zu erreichen und ich kann vollauf verstehen, dass die Menschen dieses Alters sich in ihrem multimedialen Alltag häufig für andere Dinge begeistern als für die Welt eines Buches. So müssen sie ja zudem ohnehin mit so vielen Weltanschauungen zurechtkommen, die ihnen „ältere“ Menschen auferlegen wollen und vor allem mit der tosenden Welt unter ihrer eigenen Haut. Ich wünsche mir, dass sie eine spitzenmäßige Zeit haben, wenn sie dieses Buch lesen. Und das Gefühl eines großen Abenteuers. Und dass sie im besten Falle – wie oben schon erwähnt – etwas Hoffnung schöpfen können und vielleicht in sich hineinhorchen und herausfinden wollen, auf welche Weise ihnen das Gute und das Böse in ihrem Leben bereits begegnet ist. Und wie verlockend, reizvoll, abgründig, freudvoll sich diese Momente ausgenommen haben. Besonders würde ich mich freuen, mit diesem Buch auch junge Männer anzusprechen. Sie nehmen in der Regel seltener ein Buch zur Hand als junge Frauen und ich hoffe, dass sie sich insbesondere auch in ihrer Aggression wahrgenommen fühlen.

Welche Reaktionen erhoffen Sie sich?

Schön wäre es, wenn durch diesen Roman die oft traurigen Stimmen vieler Teenager auf die ein oder andere Weise mehr Gehör und Verständnis finden. Und wie alle Autoren, die das Papierboot eines neuen Buches aussenden, hoffe ich darauf, dass es einen spannenden, weitreichenden Weg zurücklegt und großen Anklang findet. Und die Acht im Titel des Romans steht freilich in Wahrheit für acht Millionen verkaufte Bücher (lacht).

Und der Buchhändler, mit welchem Argument kann der das Buch gut verkaufen? Mit welchen drei Wörtern können Sie das Buch gut beschreiben?

Sofern sie dergleichen empfinden, fände ich es toll, wenn die Buchhändler den Roman in etwa folgendermaßen beschreiben würden: Ein mutiges Buch für junge Erwachsene in der schaurig-schönen Kulisse des Schwarzwalds. Ein Roman, der Teenager nahegehen kann und sie in ihren Nöten und Hoffnungen, auf ihrer abenteuerlichen und leider allzu oft unwegsamen Pfaden ernst nimmt. Und meine liebsten drei Adjektive zur Beschreibung der „Acht“ lauten: geheimnisvoll, spannend, abgründig.

Was lesen Sie privat gerne/aktuell?

Zuletzt habe ich den Roman Alte Schule von Tobias Wolff gelesen, einem überaus lässigen amerikanischen Erzähler. Das Buch spielt im Jahr 1960 und handelt von einem 17jährigen und seiner ersten wahren Begegnung mit der Literatur. Die ihm ein enormer Ansporn ist in einem Umfeld, in dem Leistung, Haltung und vor allem Herkunft alles bedeutet. Zugleich beginnt er aber zu erahnen, dass Literatur – so erhaben sie sich auch ausnehmen mag – auch „nur“ Menschenwerk ist, also letztlich ein Ausdruck von Fehlbarkeit, von Eitelkeit und tiefen Verzweiflungen. Ein tolles Buch. Sehr zu empfehlen.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet? Hier können Sie dies nun tun:

Ich möchte noch gern etwas über die erschütternde Fremdenfeindlichkeit sagen, die in Deutschland auflebt und immer wieder aufs Neue ihre Opfer findet. Es war mir wichtig, das Thema dieser Fremdenfeindlichkeit auch im Roman „Im Zeichen der Acht“ zu thematisieren, da sie leider allerorten spürbar ist und häufig junge Menschen in ihren Sog geraten bzw. von ihrer Gewalt betroffen sind. Voller Bestürzung, voller Trauer denke ich an die Opfer der rassistischen Kräfte. „Do not go gentle into that good night. Rage, rage against the dying of the light…“Dylan Thomas Worte, die an einen sterbenskranken Menschen gerichtet sind, kamen mir nach den Morden von Hanau in den Sinn. Ich finde, sie gelten auch für Kampf gegen den Hass. Keinen Breit nachgeben! Dem Hass und der Fremdenfeindlichkeit entgegentreten! Ihnen keinen Raum gewähren. Gegen das Ersterben des Lichtes aufbegehren! Und Toni Morrison, eine große Kämpferin, die leider im letzen Jahr verstorben ist, schrieb:„Was geliebt wird, kann nicht verloren sein.“ Dies gilt auch für unsere Hoffnungen und Träume. Für unsere Wünsche hinsichtlich unserer Demokratie, für das Sehnen nach einer besseren, einer friedlicheren Welt.

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