Eine amerikanische Wertschätzung Detlef Felken (60)

Detlef Felken

Heute wird Detlef Felken 60 Jahre alt. Sein amerikanischer  Lektoratskollege auf der anderen Seite des Atlantik Robert Weil, Verleger bei Liverright Publishing (W.W.Norton), gratuliert dem Cheflektor von C.H.Beck zum runden Geburtstag (aus dem Amerikanischen übersetzt von Jonathan Beck):

„In den fast 25 Jahren, die ich Detlef Felken jetzt schon kenne, hat die Welt Veränderungen von so seismischer Natur erfahren, dass sich historische Vergleiche wenn,  dann nur mithilfe eines enzyklopädischen Wissens von der Art ziehen lassen, wie es niemand außer Dr. Felken zu besitzen scheint –  jedenfalls unter uns Buchlektoren. Mit einem technologischen Furor, der vielleicht am ehesten der Erfindung der Druckerpresse ähnelt, hat das Internet in weniger als einem Vierteljahrhundert die tektonischen Platten der Bildungswelt deutlich verschoben.

Als ich Detlef Mitte der 1990er Jahre kennenlernte, war er bereits einer der wichtigen, kräftig akquirierenden Lektoren im Verlag C.H.Beck. Ein deutscher Lektor (es war nicht Detlef) versicherte mir damals, dass sich die Deutschen niemals mit der damals aufkommenden E-Mail-Kultur anfreunden würden, die in Amerika bereits alle Formen der Kommunikation revolutionierte, von der Geschäfts-über die akademische Welt bis hin zu den privaten Sphären der Kommunikation.

Eine Firma namens America Online, auch bekannt als AOL, stattete Millionen von Amerikaner mit einem Kommunikationsweg aus, der sowohl Telefon als auch Faxgerät überflüssig machte (von letzterem wissen die meisten jungen Leute heute nicht einmal mehr, was das ist), und zunehmend auch das, was mittlerweile gerne spöttisch „snail mail“ genannt wird.

Ich fuhr damals schon – als für amerikanische Verhältnisse vergleichsweise junger Lektor – regelmäßig zur Frankfurter Buchmesse. Um Terminvereinbarungen mit anderen Lektoren und Rechtehändlern aus aller Welt treffen zu können, war man immer noch auf die Post angewiesen, und, wenn nötig, das Telefon. Es war unvermeidbar, dass ich bald auch den ungeheuer belesenen Dr. Felken treffen würde, dessen Fähigkeit, neue intellektuelle Ideen beim Schopf zu greifen und deutsche Literatur und Geschichte in einen internationalen Diskurs zu integrieren, mich sehr beeindruckte. Bewaffnet mit einem Doktortitel, den die meisten amerikanischen Buchlektoren nicht vorweisen können, zitierte Detlef historische Daten aller Art sowie wichtige militärische oder publizistische Ereignisse mit einer fast gespenstischen Präzision, sodass seine Sätze beim Gegenüber manchmal wie gehörig einschüchternde Salven aufschlugen.

Wie Insider wissen, kommt es im Verlagsgeschäft regelmäßig zu Ausbrüchen von Heuchelei, wenn weltweit Lektoren einzelnen „heißen“ Buchprojekten nachlaufen wie die Lemminge und sich alle demselben „gehypten“ Projekt andienen. Nicht so Detlef Felken. Im Gegensatz zu anderen wägt er jedes Wort und jedes Faktum in einem Buchexposé sorgfältig ab und erzählt einem dann, warum dieses Buch nichts für den deutschen Buchmarkt sei. Andernfalls (deutlich seltener) heißt er einen neuen Autor auf eine so besondere und hilfreiche Art und Weise willkommen, dass dieser sich wirklich sinnvoll und nachhaltig unterstützt fühlen kann. Gemeinsam mit seinem Freund und englischen Kollegen Stuart Proffitt bei Penguin, der wie Felken ein Freund der Geschichtsschreibung und Autodidakt in Lektoratsfragen ist, wurde Felken bald zu einem internationalen Geschmacksgaranten, einem Lektor, der die Eigenschaft „oberflächlich“ aus seinem Arbeitsleben verbannt zu haben scheint und dessen Projekte den kurzlebigen Trends, denen das internationale Verlagswesen manchmal verfällt, oft geradezu entgegenstehen. In einem Zeitalter, in dem alles augenblicklich und unreflektiert zu werden droht, hält Dr. Felken einer erhabenen intellektuellen Tradition die Treue, die mit der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert begonnen hat und nun, im atemlosen 21. Jahrhundert, mit epigrammatischen Tweets und viralen Videos auf spektakuläre Weise neu erfunden wird.

Diese Beschreibung von Detlef Felken erfordert eine ausführlichere Erklärung, denn man sollte sie nicht so verstehen, als wäre er ein Direktimport aus den Zeiten von Schiller und Goethe oder ein Geschichtsverweigerer, insbesondere was die niederträchtigen Exzesse des Dritten Reichs betrifft. Auch die Interpretation, er sei ein Technikfeind und unfähig, im Cybernet-Zeitalter weiter an der Spitze der Buchmarkts mitzuspielen, wäre falsch. In Wirklichkeit haben wenige (wenn überhaupt irgendjemand) sich besser darin gezeigt, die verschiedenen Stränge der deutschen Geschichte in einem Verlagsprogramm derart zu verknüpfen, wie er. Im Ergebnis sehen wir heute einen Verlag C.H.Beck, der weltweit seinesgleichen sucht. Anstatt sich vor den technologischen Herausforderungen in einer transformierten Welt zu verstecken, die das gedruckte Wort und die restriktive Korrespondenz bereits aufs Abstellgleis geschickt hat, schafft Felken es vielmehr, die Qualitäten der alten und der neuen Welt zu verbinden und damit einer Verlagskultur neue Bedeutung zu geben, in der die Briefmarke und Schlangen vor der Faxmaschine obsolet geworden sind.

Im Verlauf der letzten Dekaden hat sich jedoch auch mein persönlicher Eindruck von Detlef verändert, und zwar ziemlich radikal. Ich bin nicht mehr eingeschüchtert von seinem Wissensreichtum und seiner unvergleichlichen Fähigkeit zur intellektuellen Reflexion. Während unserer beider beruflichen Karrieren sich weiterentwickelten, lernte ich die Breite seiner Interessen immer mehr kennen und bewundern – eine Breite, die sich beispielsweise in seiner engen Beziehung zum Holocaustforscher Saul Friedländer zeigt, in seiner treuen, bis zu dessen Tod intensiven Freundschaft zum deutsch-amerikanischen Historiker Fritz Stern, aber auch in seinem Interesse für die jüngere Generation amerikanischer Intellektueller. Wie Timothy Snyder, den Detlef oft mit Hannah Arendt vergleicht, einer der vielen deutschen Emigranten, die Amerika bereichert haben. Indem er diese führenden Intellektuellen begleitete, hat Felken interessanterweise eine Tradition fortgeführt, die es im deutschen Verlagswesen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert schon gab, und damit geholfen, Deutschland wieder als ein weltweites Schwergewicht in moralischen Fragen zu positionieren, das gleichwohl immer auch ein Auge für die Bedrohungen unseres kosmopolitischen Weltbilds hat. Niemand würde Felken mit, sagen wir, einer Madame Ranjewskaja verwechseln, der in Erinnerungen schwelgenden Figur Tschechows, die sich die bevorstehende Zerstörung ihres geliebten Kirschgartens einfach nicht vorstellen kann. Für jemanden, der so klassisch ausgebildet ist wie Felken, sind seine intellektuelle Elastizität und seine ideologische Entwicklung besonders bemerkenswert, etwa in den Diskursen zur Ungleichheit (er akquirierte die deutschen Rechte für Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert lange bevor irgendjemand anders das internationale Potenzial des Buches erkannt hatte) oder zum Rassismus (er machte sich für die deutsche Übersetzung von Ibram X. Kendis Gebrandmarkt: Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika stark, das den amerikanischen National Book Award gewann, und er interessiert sich seit Langem für die Schriften von Nelson Mandela, dessen Gefängnisbriefe zu Mandelas 100. Geburtstag im Juli 2018 bei C.H.Beck veröffentlicht werden).

Wenn Detlef Felkens 60. Geburtstag nun naht, dann verlangt die zunehmende Häufung seiner Leistungen und Erfolge die ihr gebührende Aufmerksamkeit – auch auf internationalem Niveau, was im Verlagsgeschäft außerordentlich selten ist, erst recht für jemanden, der sich mehr für die Verbreitung großer Ideen interessiert als für Glanzmomente in seiner eigenen Karriere. Ich als ein Lektoratskollege auf der anderen Seite des Atlantiks habe irgendwann (jedenfalls nicht zu spät) realisiert, dass hinter seiner Förmlichkeit und seinem intellektuellen Schutzschild auch eine immanente humanistische Vision und, mit Verlaub, eine Sentimentalität agiert, die ihn zu einem besonders wertvollen, loyalen Freund macht. Und seine echte Leidenschaft als Büchermacher, mit der er ununterbrochen und präzise die Welt greifbar macht und erklärt, wirkt für uns alle“

Robert Weil

 

Hier auch die amerikanische Urprungs- Version:

AN AMERICAN APPRECIATION OF DETLEF FELKEN

by Robert Weil, Editor-in-Chief and Publishing Director, Liveright Publishing Corporation (a division of W.W. Norton):

In the nearly twenty-five years that I’ve known Detlef Felken, the world has changed so seismically that historical comparisons are far and few between, and would require the encyclopediac knowledge of history that Dr. Felken, among us editors in book publishing, singularly seems to possess. With a technological fury that is, perhaps, most similar to the invention of the printing press, the internet has shifted the tectonic plates of learning itself in less than a quarter century.

When I first met Detlef, already a major acquiring editor at C.H.Beck in the mid-1990s, the internet and e-mail were just emerging as a dominant force, and then primarily in the United States. One German book editor, though in this case not Detlef, assured me that Germans would never embrace the email culture that was already revolutionizing all forms of communication in America – from the business world, to academia, to the personal sphere, where a company named American Online, popularly known as AOL, was providing tens of millions of Americans with a way of communicating without resorting to the telephone, to the fax machine (no doubt, most young people don’t even know what a fax machine is), or to what we now regard derisively as “snail mail.”

 

As a youngish editor, I was already going to the Frankfurt Book Fair, but in order to make appointments with dozens of editors, one still depended on the mail, and if need be, the telephone to schedule meetings with editors and rights people overseas. It was, I suspect, inevitable that I would meet the immensely well-read Dr. Felken, whose ability to grasp intellectual ideas and integrate German literature and history into international discourse appeared remarkable. Armed with a doctorate which most American book editors do not have, Detlef could recite dates, military battles, and publication milestones with such frightening precision that his mere sentences could come off like a fusillade that could make another editor feel, for lack of a better word, intimidated.

 

As publishing insiders know, there can be a glibness to publishing discourse, where editors scattered throughout the world flock to “hot” projects like lemmings, and all end up buying the same “hyped-up” project.  Not so, Dr. Felken. Unlike others, he would devour every word and fact contained in a proposal, and tell you why it could not be done in Germany, or on rare occasion, embrace a new author in a way that provided an endorsement that would be lasting and meaningful.  Along with his friend and English colleague, Stuart Proffitt, a similar autodidact and lover of history, Felken rapidly emerged as an international tastemaker, an editor who had seemingly banished the word “superficial” from his vocabulary, and sought to promulgate ideas that defied the ephemeral trends that can define world publishing. In an age where everything was suddenly becoming so instant and unreflecting, here was Dr. Felken, maintaining an august intellectual tradition that had begun with the late eighteenth-century German Enlightenment, but was now being spectacularly reinvented with memes and epigrammatic tweets in the breathlessly paced twenty-first-century

 

This description of Detlef Felken requires additional explanation because it could wrongly suggest that he has leapt non-stop from the age of Schiller and Goethe into our own, that he might be ignorant of history, particularly the wanton excesses of the Third Reich. Or that he was, crustily, some internet troglodyte or Luddite, unwilling to reinvent himself as a leader of the cybernet age. Such interpretations would be wrong. In fact, few, if anyone, proved better at integrating all of the divergent strands of German history into a redefined present that positions C.H.Beck as a leading world publisher.  And rather than shirking from the technological challenges posed by a recombinant world that had crushingly laid waste to written letters and reflective correspondence, Felken seems to be able to integrate the two, thus bringing new meaning to a publishing culture that has made the postage stamp and lines at the Fax machine obsolescent.

 

Over the course of several decades, my own personal view of Detlef changed as well, and radically so. No longer am I intimidated by his peerless command of facts and intellectual thought. As we both forged ahead developing our respective careers, I came to see the breadth of his interests, exemplified, for example, by his close relationship with Holocaust scholar, Saul Friedländer; his abiding friendship with the German-born, American historian, Fritz Stern, which was only sundered by Stern’s death; as well as by his interest in a younger generation of American intellectuals, among them Timothy Snyder, whom Detlef has often compared to Hannah Arendt, another German émigré turned renowned, American-based scholar. Interestingly, in publishing these leading figures, Felken has been perpetuating a tradition that existed in German publishing in the nineteenth and early twentieth centuries, positioning Germany once again as a leading force in a world defined by morality, but hardly unaware of the political threats that chip away at our cosmopolitan core. No one could ever confuse Felken with, say, Madame Ranevskaya, the deluded Chekhov heroine, who cannot fathom the destruction of her beloved cherry orchard. For someone as classically trained as Felken, his intellectual elasticity and ideological evolution are remarkable, particularly as it relates to class inequality (the fact that he acquired the German rights to Thomas Piketty’s Capital in the Twenty-First Century, long before almost anyone else appreciated its international potential) and to racism (as reflected by his championing of Ibram X Kendi’s Stamped From the Beginning, which won the American National Book Award, and by his decades-long interest in the works of Nelson Mandela, whose The Prison Letters of Nelson Mandela he will be publishing at C.H.Beck on the centenary of Mandela’s birth in July, 2018).

 

As Detlef Felken now approaches his sixtieth birthday, his accomplishments begin to accumulate and command notice, even internationally, which is exceedingly rare for anyone in publishing, and especially for someone who is more interested in the promulgation of ideas than in the glories of his own career. But for me as a fellow editor positioned across the Atlantic, I came to realize, probably sooner than later, that his formality and intellectual carapace merely obscured an immanent humanitarian vision and, forgive me, a sentimentality, that makes him especially desirable as a loyal friend. And for us all, he possesses a genuine compassion that constantly informs and inevitably defines the larger world around us.

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