Gerhard Trabert über sein Buch "Der Straßen-Doc" (Gütersloher Verlagshaus) „Wir müssen jetzt handeln!“

Gerhard Trabert

Gerhard Trabert ist internationaler Krisenarzt und bundesweit bekannt als der „Arzt der Armen“. Er will den armen Menschen auf Augenhöhe begegnen und ihnen ein Stück Würde zurückgeben. In seinem Buch Der Straßen-Doc (Gütersloher Verlagshaus) erzählt er seine berührendsten Erlebnisse und schafft ein Bewusstsein dafür, stehenzubleiben, genauer hinzuschauen und selbst zu handeln. Anlass für Fragen an den Mediziner, Sozialarbeiter und Buchautor:

BuchMarkt: Worum geht es in Ihrem Buch?

Gerhard Trabert: Ich stehe als sogenannter  Obdachlosen- oder Armenarzt immer wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung. Aber nicht ich sollte im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, sondern die von Armut- und Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen. Mein Alltag ist einerseits geprägt durch den unmittelbaren praktischen Bezug zu Menschen, die in Armut leben, sowie andererseits von meinem theoretischen Wissen und der Reflexion darüber. Das ermöglicht mir eine andere Dimension der Armutsdarstellung, eine authentische Form. Und diese Form ist es, die ich auch diesem Buch geben möchte. Denn sie ist ganz nah an den Menschen um die es geht, um ausgegrenzte, benachteiligte, von Armut geprägte Mitmenschen.

Meine ärztliche Praxis ist in Deutschland seit einem Vierteljahrhundert ein umgebauter Sprinter, mein Arztmobil oder auch „fahrendes Sprechzimmer“. Hierin behandle ich meine Patienten, egal, ob mit oder ohne Krankenversicherung, Deutsche oder Ausländer, Atheisten, Christen, Muslime oder was auch immer. Ich fahre damit zu den Menschen, zu den wohnungslosen und zu den armen. Pro Jahr sind dies immer rund 800  Patienten und ungefähr 5.000. Behandlungskontakte. Was sind dies für Menschen, Charaktere, Provokateure? Verlierer oder die wahren Wissenden? Oder eine Mischung aus all dem? Meine Begegnungen und Erfahrungen möchte ich teilen.

Keine Fakten und Daten können die zwischenmenschliche Begegnung, den Kontakt mit der Armut ersetzen.  Ich möchte von diesen Begegnungen, von den Menschen berichten, die am Rande dieser Gesellschaften leben. Ihnen eine Stimme und ein Gesicht geben, ihre Geschichten erzählen quasi als Vermittler, als Gatekeeper für diese so besondere Welt.

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Wie entstand die Idee, überhaupt über das Thema zu schreiben?

Bertolt Brecht hat leider zeitlos Recht mit der Aussage in der Dreigroschenoper: „Denn die einen sind im Dunkeln – und die andern sind im Licht – und man siehet die im Lichte – die im Dunkeln sieht man nicht.“ Auch heute werden von Armut betroffene Menschen nicht wirklich „gesehen“, erkannt als Menschen mit Schicksalen, Träumen, Irrwegen, Fähigkeiten usw. Ich möchte mit diesem Buch eine Synthese herstellen. Eine Synthese zwischen der beschreibenden Darstellung von Armutsschicksalen und der theoretischen Reflektion von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Durch diese Form der Bearbeitung wird es schwierig, Distanz zu der Lebenswirklichkeit dieser Menschen aufzubauen, und genau dies ist eines meiner Ziele. Betroffenheit durch Informiertheit zu erzeugen, die dann zu einem solidarischen Handeln führen kann. Zumindest zu mehr Verständnis.

Denn je dichter ich Armut begegnete, umso näher war ich den Menschen und somit auch meinem eigenen Selbst. Nirgendwo habe ich so viel Wärme, Tiefe und Liebe gespürt wie in der Begegnung mit „armen Menschen“. Ich erhalte Reichtum und Hoffnung, wo ich Armut und Hoffnungslosigkeit erwartete – ohne das Ausblenden von Diskriminierung, Stigmatisierung, Not, Leid und Tod. In meinem Erfahren von Armut stehen Fragen existentieller Art im Vordergrund, ohne zu erdrücken. Für Oberflächlichkeit, für Small-Talk ist hier kein Platz, und doch ging für mich die Leichtigkeit und die Lebensfreude nie verloren. Nein, ich glaube, ich habe sie gerade hierdurch gewonnen.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Ich bin kein Verkaufsstratege. Wenn die Leserin / der Leser mehr über die Menschen die in extremer Armut in einem der reichsten Länder der Erde erfahren möchte, dann liefert dieses Buch authentisches Wissen. Wissen zu den Ursachen für dieses Leben, Erkenntnisse über individuelles Schicksal aber auch gesellschaftsstrukturelle Verursachungs- und Ausgrenzungsmechanismen. Das Buch wird, die aufgeschlossene, wissbegierige Leser*in  zum Nachdenken anregen. Es geht dabei, vielleicht nicht vordergründig erkennbar, aber dennoch immer präsent um Haltung, um Engagement, um Hinschauen und Handeln.

Gerade in einer Zeit in der die Menschenrechte von Demokratien in einem nie davor erkennbaren Ausmaß verletzt werden; in einer Zeit in der Nationalismus, Rassismus und auch Sozialrassismus zunehmen, ist Haltung, ist das konsequente und entschiedene Einstehen für die Menschenrechte, für die Rechte gerade von sozial benachteiligten und ausgegrenzten Menschen, Pflicht eines jeden Demokraten. Es war wiederum Brecht der sinngemäß sagte: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ Das Buch liefert Argumente, aufgrund empirischer Erfahrungen und einer theoretischen Reflektion, warum wir jetzt handeln müssen.

In welchem Abteil sehen Sie das Buch in der Buchhandlung passend platziert, in welchem literarischen Umfeld?

Schwierig!! Es ist ein empirisches Sachbuch, das sowohl romanähnliche wie auch faktendarstellende Kontexte beinhaltet.

Welche Leserschaft wollen Sie damit erreichen?

Am liebsten jede und jeden! Vom Teenager bis zum 80-Jährigen aufgeschlossenen „Alten“. Vom Arbeiter bis zum Lehrer. Vom Arzt bis zur Verkäuferin im Supermarkt. Vom überzeugten Grünen, dem nach Richtung suchenden SPD- Mitglied, über den konservativen CDU-Wähler, den neoliberalen Liberalen bis hin zum Protestwähler der AfD. Frauen und Männer, Deutsche und Menschen mit einem Migrationshintergrund …

Welche Reaktionen erhoffen Sie sich?

Ein Nachdenken und Innehalten. Ein größeres Verständnis für die von Armut und besonders Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen. Sich zukünftig vielleicht auch einmal die Zeit nehmen, um mit einem wohnungslosen Menschen am Straßenrand zu reden, und damit Begegnung zuzulassen. Und noch vieles mehr …

Ihr Appell an die Gesellschaft?

Ich glaube, das ist in dem zuvor Geschriebenen schon deutlich geworden. Wir benötigen keine Ellenbogengesellschaft, sondern eine Schultergesellschaft. Soziale Gerechtigkeit ist die weltweite Herausforderung der Gegenwart. Jeder kann etwas dafür tun, er oder sie muss nur in seinem / ihrem Umfeld genau hinschauen und den Mut, die Kraft und die Energie aufbringen Beziehung zuzulassen.

Was lesen Sie privat gerne/aktuell?

Historische Biographien, Bücher in denen Kunst, besonders die Kunst der Malerei vermittelt, erläutert und beschrieben wird. Ich lese ganz unterschiedliches! Zurzeit lese ich zum wiederholten Male den Aufsatz von dem französischen Menschenrechtler Stephan Hessel: Empört Euch, in dem er das Streben nach Leistungs- und Profitmaximierung in der westlichen Welt, die Dominanz des Finanzkapitalismus, einhergehend mit  dem Verlieren von Humanität in den europäischen Demokratien kritisiert. Gute Romane, das Leben im Orient betreffend, standen und stehen auch immer wieder auf meiner Lektüreliste. So lese ich derzeit, während eines  medizinischen Hilfseinsatzes im Irak / Nordsyrien (Rojava), ebenfalls mal wieder von Khaled Hosseini Der Drachenläufer.

Welche Fragen, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?

Warum haben Sie das Buch Der Straßen-Doc geschrieben?

Es ist eine Hommage an Menschen die am Rande unserer Gesellschaft leben. Ich durfte so viele ausgegrenzte Menschen kennenlernen mit ihren individuellen Lebensgeschichten, Schicksalsschlägen und ihrer Kreativität und Kraft dennoch weiterzuleben. Viele schenkten mir ihr Vertrauen und es entstand Beziehung auf einer sehr authentischen Ebene. Ich habe in all diesen Jahren von diesen mir so vertraut gewordenen Frauen und Männern sehr viel gelernt. Die Betroffenen selbst werden oft nicht gehört, wirklich wahrgenommen, es wird ihnen kein Raum der Selbstdarstellung gegeben, dies möchte ich quasi stellvertretend mit diesem Buch ermöglichen. Das der Leser diese, an den Rand dieser Wohlstandsgesellschaft gedrängten und damit ausgegrenzten Menschen in ihrer Individualität, in ihrer Einzigartigkeit, auch in ihren Schwächen und Stärken ein wenig besser kennenlernt. Wenn hierdurch die Sensibilität und das Bewusstsein der extremsten Form von Armut in unserer Gesellschaft, von Wohnungslosigkeit, gegenüber erhöht wird, wäre dies das Erreichen eines wichtigen Zieles  dieses Buches.

Ihr Buch ist ein Plädoyer gegen bürgerliche Gleichgültigkeit – Inwiefern haben wir Gleichgültigkeit entwickelt?

Was ist es? Gleichgültigkeit, Ignoranz, vielleicht aber auch Angst vor Nähe zu Menschen die in Armut leben. Ich weiß nicht wirklich was die Ursachen für dieses Verhalten sind. Eine mögliche Begründung könnte aber die Angst vor dem eigenen individuellen sozialen Abstieg sein. Viele Menschen in unserer reichen Gesellschaft haben dies temporär oder auch andauernd schon erfahren. Es kann sehr schnell jeden von uns treffen, es gibt keine absolute ökonomische Sicherheit mehr und ich als Individuum, kann alles richtig machen und dennoch von Armut betroffen sein. Und eventuell auch Entscheidungsfehler zu begehen, ist eben auch etwas das zum Menschsein gehört. Unsere Gesellschaft ist sozial ungerecht, Armut verfestigt sich und der Reichtum nimmt auf der anderen Seite dieser, unserer Gesellschaft zu. Ich mache allerdings auch die Erfahrung, dass die Bürger wesentlich sensibler dieser Ungerechtigkeit und den davon betroffenen Menschen gegenüber eingestellt sind, als viele politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger. Jedes Leben ist wertvoll und darf nicht nach Leistungs- und Produktivitätskriterien beurteilt werden. Wir benötigen eine Schulterschlussgesellschaft und keine Ellenbogengesellschaft! Eine Demokratie in der Banken gerettet werden, aber nicht mehr von Armut betroffene Menschen,  ist eine kranke Demokratie.

Gibt es eine besonders berührende Geschichte, die in Ihrem Buch erzählt wird?

Es fällt mir schwer eine Geschichte herauszustellen. Nein, es sind gerade die vielen berührenden, und gerade auch mich beim Schreiben dieses Buches immer wieder emotional betroffen machenden Schicksale. Da ist Heidrun, die nach sexuellen Missbrauchserfahrungen als Kind, einer Suchterkrankung, den Erfahrungen in der Armutsprostitution, den Weg zurück  in ein „normales“ Leben fand. Da ist der Fremdenlegionär, der das als Soldat erlebte nicht mehr vergessen konnte. Da ist Wolfgang, der in seinem über 80-Jährigen von vielen Schicksalsschlägen geprägten Leben, trotz allem eine Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt, die jeden Besuch bei ihm zu einer kurzen Wellness-Einheit für die Seele für mich werden lässt. Da ist der syrische Vater, der mir von dem Schicksal seines schwerverletzten Sohnes erzählt, und meine Betroffenheit erkennend, mich mit den Worten tröstend in den Arm nimmt: „Danke, Doktor, dass du mir zugehört hast!“  Da ist die Geschichte von einem kleinen Mädchen, dass einem wohnungslosen Mann in der Tiefgarage das Leben rettete. Und da ist Manuel der nach einem 3-monatigen Koma mit den Worten aufwachte: „Doc, du bekommst noch 10 € von mir!“ Jede Geschichte für sich ist beeindruckend, jeder Mensch ist es wert dessen Geschichte zu erzählen und wertzuschätzen!

Gerhard Trabert

 

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