Interview mit Jens Johannes Kramer, neuer Sprecher des SYNDIKATs Der Krimi ist der genaueste Seismograph der Gesellschaft

Auf der CRIMINALE in Graz wählte die Autorengruppe Das SYNDIKAT zwei neue Sprecher. Neu im dreiköpfigen Präsidium, das Kriminalschriftstellerinnen aus Schweiz, Österreich und Deutschland repräsentiert, ist der Schriftsteller, Ethnologe und Wortaktivist Jens Johannes Kramer aus Berlin. BuchMarkt fragte ihn nach den politischen Plänen und Neuerungen der Autorengruppe Das SYNDIKAT – mit über 700 Mitgliedern immerhin der drittstärkster Schriftstellerverband neben PEN und VS.

Jens Johannes Kramer Foto: © Maurice Kohl

Das Syndikat hat neben einem internen Strukturwandel ebenfalls beschlossen, sich vermehrt um politische Interessen der Branche zu kümmern. Welche Themen wollen Sie als Sprecher für die Mitglieder und Krimiautoren und -autorinnen voranbringen?

Wir wollen in der Branche über Honorare und Verträge sprechen, zwei der häufigsten Problemfelder im Binnenverhältnis von Verlagen und Autorinnen. Außerhalb der Branche, gegenüber Politik und Öffentlichkeit, müssen wir den Wertschöpfungsverlust bei den Leistungen von Autoren und Autorinnen im digitalen Markt sichtbar machen. Flatrates, Pläne zur Onleihe oder E-Bookpiraterie reduzieren unsere Arbeit auf reinen „Content“, für dessen Verbreitung die Verteiler mehr Umsatz und Wohlwollen erhalten, als die, mit denen dieser Umsatz überhaupt erreicht wird.

Und das ist eine kulturfeindliche Tendenz, die alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller angeht, über alle Genres hinweg. Darum war das Syndikat auch an der Gründung des Netzwerkes Autorenrechte beteiligt, in dem sich inzwischen zehn Verbände mit über 7000 (Buch)Autoren und Autorinnen zusammengeschlossen haben, um ihre Rechte in der Politik hörbar zu machen.

Das geschah aus Notwehr: Auf der Urheberrechtskonferenz im Dezember 2015 hatte Bundesjustizminister Heiko Maas bemängelt, dass er die Autoren und Autorinnen nicht wahrnimmt, dass sie quasi keine Telefonnummer haben. Nun, jetzt haben wir eine Telefonnummer.

Muss der Krimi politisch sein – oder gar politischer werden?

Der Krimi war schon immer politisch. Er ist ein unglaublich genauer Seismograph der Gesellschaft. Im Kriminalroman werden die kranken und kaputten Zonen aufgespürt und in einer spannenden Handlung verdichtet. Das kann psychologischer Natur sein, zerrt soziale Verwerfungen ans Licht oder beleuchtet auf regionaler Ebene destruktive Milieus und Archetypen. Schreiben ist im Prinzip immer politisch, auch wenn der Autor, die Autorin das nicht immer hervorhebt. Das Politische ist im Krimi immanent.

Was lesen Sie zurzeit?

Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben, Janet Clark: Black Memory – und einen Jerry Cotton, von einem befreundeten Syndikatler unter Pseudonym geschrieben.

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