Birgit Otte über "25 Jahre Hamburger Edition" „Wir passen uns den veränderten Lesegewohnheiten an, so twittern wir oder starten jetzt mit einem Podcastangebot“

Die Hamburger Edition ist, neben der Zeitschrift Mittelweg 36, seit 1994 die publizistische Plattform des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Das Verlagsteam: (vlnr.) Emilia Tschertkowa (studentische Mitarbeiterin)/Dr. Sabine Lammers (Lektorat und stellvertretende Leitung)/Birgit Otte (Geschäftsführende Verlagsleitung)/Angelika Sagner (Herstellung und Werbung)/Nina guthamnn (Vertrieb)/Andie Rothenhäusler (Wissenschaftsmarketing)/ Anke Strunz (Online-Redaktion). Nicht im Bild: Paula Bradish (Rechte und Lizenzen)/Jürgen Determann (Presse und Öffentlichkeit)

Die Bücher der Hamburger Edition konnten in den letzten 25 Jahren intensive Debatten anstoßen und die Forschungslandschaft  mitformen. Der Verlag hat es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, relevante Beiträge der internationalen Forschung ins Deutsche zu übersetzen; so sind hier Standardwerke wie Randall Collins‘ Dynamik der Gewalt, Pierre Rosanvallons Auseinandersetzung mit den Chancen und Krisen der Demokratie, zentrale Werke von Zygmunt Bauman wie auch Schriften von Ann Pettifor zum Finanzkapitalismus erschienen. Wir sprachen mit der Verlagsleiterin Birgit Otte, die seit 25 Jahren die Hamburger Edition leitet.

BuchMarkt: Die Hamburger Edition feiert in diesem Jahr ihr 25jähriges Jubiläum. Haben Sie es  gebührend feiern können?

Birgit Otte: Ein wenig gefeiert haben wir – im Verlagsteam, bei einem Essen mit unserem Gründer Jan Philipp Reemtsma. Es bot Gelegenheit zum Innehalten und einer kleinen Rückschau. Wir haben aber auch ein Magazin hergestellt, in dem kurz die Geschichte des Verlags beschrieben wird, das einige Schlaglichter aus den 25 Jahren enthält, aber vor allem unseren Dank an die Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer und die vielen, ohne die eine Buchproduktion nicht gelingen würde. Auf der Website der Hamburger Edition geben wir außerdem vielfältige Einblicke auch hinter die Kulissen.

Jubiläumstorte

Gefreut haben wir uns über die Torte, die wir zu unserem Jubiläum von der Buchmesse erhalten haben, denn seit Gründung des Verlags sind wir dort mit einem Stand vertreten. Diese leckere Schokoladentorte fand auch bei unseren Messenachbarn großen Anklang und so gab es auch in Frankfurt noch eine spontane Zusammenkunft zum Geburtstag.

Ihr ursprüngliches Anliegen damals war es, mit den Büchern  eine kritische wissenschaftliche, aber auch politisch interessierte Öffentlichkeit zu erreichen – sind Sie diesem Ansatz treu geblieben?

Ja, das sind wir und wollen auch weiterhin versuchen, eine wissenschaftliche, wie auch eine politisch interessierte Öffentlichkeit zu erreichen und zum Nachdenken über Vergangenes, zur Reflexion der Gegenwart sowie zur Diskussion unterschiedlicher Perspektiven auf die Zukunft anzuregen. Die Wege, über die dieses Ziel und die Leser*innen zu erreichen sind, müssen angesichts der veränderten Lesegewohnheiten und Informationsquellen permanent überdacht werden, so twittern wir oder starten jetzt mit einem Podcastangebot.

Was hat sich über die Jahre dennoch verändert?

Es hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Die Angebotstiefe im Sortiment hat sich für wissenschaftliche Publikationen stark verringert, der Vertrieb ist sehr viel schwieriger und komplexer geworden, die Auflagen der Bücher sind entsprechend gesunken und auch die technische Seite der Buchproduktion ist heute natürlich nicht mehr mit der vor 25 Jahren zu vergleichen – um nur einige wenige Schlaglichter aufzuwerfen. Aber wir halten an unserem Ziel, qualitativ hochwertige Bücher zu veröffentlichen, weiterhin fest. Natürlich ist der Buchhandel für uns nach wie vor ein wichtiger Partner und wir arbeiten gern mit engagierten Kolleg*innen zusammen, die sich mit uns in die gesellschaftspolitischen Debatten einmischen wollen.

Welche Themenschwerpunkte prägen das Programm, damals wie heute?

Ich möchte ganz kurz und schlaglichtartig das Gründungsjahr der Hamburger Edition umreißen, um den Kontext unserer damals gewählten Themenschwerpunkte zu verdeutlichen: 1994 werden 41 kriegerische Auseinandersetzungen geführt, mehr als 20 Millionen Menschen sind auf der Flucht, suchen anderswo Schutz. Unter katastrophalen Umständen harren die Einwohner*innen im belagerten Sarajevo ebenso aus wie die ruandischen Geflüchteten in den Lagern des benachbarten Zaire. Nelson Mandela wird zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt. Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik erleben einen Wahlmarathon mit zwanzig Urnengängen.

Mit unseren ersten Titeln haben wir das Spektrum der Verlagsthemen bereits umrissen: die Geschichte und Theorie der Gewalt, das internationale Völkerrecht, den Zusammenhang von Modernisierung und Krieg, den Strukturwandel der Demokratien und Analysen zum sozialen Zusammenhalt. Damals wie heute spiegeln diese Programmschwerpunkte der Hamburger Edition das wissenschaftliche Spektrum der Projekte im Hamburger Institut für Sozialforschung, dessen Verlag wir ja sind. Neu hinzugekommen sind Themen aus der Wirtschafts- und Rechtssoziologie.

Was zeichnet Sie als Verlag aus?

An erster Stelle ist da wohl zu erwähnen, dass die Hamburger Edition eine Stiftung und einem Forschungsinstitut angegliedert ist. Mit der inhaltlichen aber auch räumlichen Nähe zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Hamburger Instituts für Sozialforschung ist  natürlich eine enge Zusammenarbeit verbunden.

Im Prozess des Lektorats werden die Texte mit den Autor*innen diskutiert und sorgfältig bearbeitet. Diese Sorgfältigkeit wird natürlich auch von allen anderen Abteilungen, wie zum Beispiel der Herstellung, gepflegt. Erfreulich ist auch, dass viele unserer Bücher als Lizenzen ins Ausland verkauft werden können.

Verlage sind die Verlierer der Digitalisierung, heißt es oft. Inhalte sind überall kostenlos zu bekommen, warum also dafür zahlen?

Die Digitalisierung ist ein vielschichtiger Prozess, und ich weiß nicht, ob eine Gewinner-Verlierer-Rechnung die richtige Betrachtungsweise ist. Natürlich müssen auch wir Verlage uns gegenüber den veränderten digitalen Strukturen und Prozessen verhalten und uns z.B. die sich ändernden Lesegewohnheiten genau ansehen. Auch gibt es gerade für kompakte Forschungsergebnisse gute Argumente für eine elektronische Publikation. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass gedruckte Monografien aus der Welt verschwinden werden – sie bleiben meiner Überzeugung nach für die Darstellung und das Verstehen hochkomplexer Argumentationen unverzichtbar. Eine Diskussion der Open-Access-Problematik würde hier zu weit führen, aber auch da wird es weiter interessante und notwendige Debatten geben. Der politische Wunsch nach einer allgemein öffentlich zugänglichen Wissenschaft ist ja durchaus nachvollziehbar und legitim. Das bedeutet aber nicht, dass Verlage künftig rein elektronische Dienstleistungsplattformen sein werden oder sein sollten. Es werden sich vielleicht neue Geschäfts- und Distributionsmodelle entwickeln, die auch für kleinere, bislang eher traditionelle Verlage durchaus interessant sein können. Ich glaube jedenfalls, dass wir uns zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften noch sehr lange an verlegerisch gut betreuten Büchern erfreuen können.

 

 

 

 

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