Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Thomas Pichler?

Es geht wieder los: Ab heute (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2020 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Den Anfang macht in der „pole position“ Thomas Pichler, Mitglied der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Random House

Thomas Pichler verantwortet als CFO und COO in der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Random House die Ressorts Finanzen, Vertrieb, Produktion/Herstellung, IT und Facility Management. Privat ist er ambitionierter Motorrad-Rennfahrer

Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr? Eigentlich kommt mir spontan eher ein ganzer Monat in den Sinn. Nach einer recht langen Phase ohne Urlaub habe ich dieses Jahr vier Wochen im August freigenommen. Für mich war das ein Novum, länger als zwei Wochen konnte ich mich in meinen 23 Berufsjahren bisher noch nie von der Arbeit losreißen. Ich kann auf jeden Fall voll bestätigen, dass der Erholungseffekt tatsächlich erst nach zwei Wochen so richtig beginnt. Tolle Erfahrung, kann ich nur empfehlen.Jetzt fällt mir aber doch noch ein Tag ein, der tatsächlich etwas ganz Besonderes war. Ende Juni wurde unserer Tochter im feierlichen Rahmen das Abitur verliehen. Da sind die Eltern natürlich stolz wie Bolle.

Worüber haben Sie sich 2019 am meisten geärgert?

Generell geht mir der scheinheilige Öko-Aktionismus auf den Keks. Nicht dass mich einer falsch versteht, ich bin absolut dafür, dass wir alles tun sollten, dass dieser schöne Planet noch recht lange bewohnbar bleibt. Wer aber glaubt, dass er beispielsweise nur aufgrund der Tatsache, dass er seinen Kaffee aus Mehrwegbechern trinkt, das Recht hat, sich über andere zu erheben, dem empfehle ich dringend eine gesamthafte Betrachtung seines Verhaltens. Zudem sind die Dinge häufig komplizierter als es einem vorgegaukelt wird. Beispiel Elektromobilität: Hier ist es mehr als egoistisch komplett außer Acht zu lassen, woher die Rohstoffe für die Akkus kommen und welche katastrophalen Umweltschäden der Abbau verursacht.

Und in dem Kontext möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass wir als Verlagsgruppe das Thema Umweltschutz und nachhaltige Produktion sehr ernst nehmen. Vor über 10 Jahren waren wir die Frontrunner bei 100% FSC-Materialien. Nun hat die Einsparung möglichst vieler CO2-Emissionen über die gesamte Lieferkette hinweg höchste Priorität und mittels Investitionen in Klimaschutzprojekte kompensieren wir unvermeidbare Emissionen.

Was war 2019 Ihr schönster Erfolg?

Seit der Neuorganisation unserer Geschäftsleitung im Frühjahr dieses Jahres haben Ruth Schwede (Gesamtvertriebsleiterin) und ich sehr viel Zeit und Energie in die strategische und organisatorische Neuausrichtung des Vertriebsbereiches gesteckt. Nachdem wir in vielen breit angelegten Workshops die verkäuferischen Erfolgsfaktoren herausgearbeitet haben, wurde dann konsequent die Organisation darauf ausgerichtet. Und jetzt komme ich zum schönsten Erfolg: Nach all den großen Veränderungen und neuen Verantwortlichkeiten ist die Arbeitsbelastung bei allen Vertriebsmitarbeitern im Innen- und Außendienst natürlich sehr hoch, alle sind aber hochmotiviert und ziehen am selben Strang. Gleichzeitig freut es mich sehr, dass wir viel positive Resonanz zu unserem neuen Konditionenmodell für den Buchhandel bekommen. Dieses tritt ab Februar in Kraft.

Und ganz privat war mein größter sportlicher Erfolg, dass ich die 4,1 km lange Rennstrecke im tschechischen Most in 1 Minute 48 Sekunden auf meinem Rennmotorrad absolviert habe. Dafür habe ich viele Jahre hart trainiert und vor einigen Jahren hätte ich mir niemals vorstellen können, den anspruchsvollen Kurs unter der magischen Grenze von 1:50 zu absolvieren. Das Thumbs-Up Selfie war Ehrensache in diesem Moment ☺

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Ich pflege mehr über die Erfolge zu sprechen.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Meine schönste Buchhandlung war eindeutig die Mayersche in Dortmund in der Fußgängerzone. Nicht die pure Größe über drei Etagen, sondern die Art der Warenpräsentation, die hochmotivierten und kompetenten Verkäufer und das sehr einladende und gemütliche Café haben mich sehr begeistert.

Und meinen liebsten Verlag in diesem Jahr nenne ich lieber nicht, ich möchte es mir ja nicht mit den anderen 46 unter unserem Dach verscherzen.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Beim Israel-Palästina-Konflikt tritt bei mir so langsam eine gewisse Müdigkeit ein. Nach jahrzehntelangem Hass und Krieg mit zigtausend Todesopfern wäre es ein notwendiger Akt der Menschlichkeit, diesen Wahnsinn zu beenden.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Mehr über unsere Autoren und deren Bücher und Themen. Dadurch entsteht die Aufmerksamkeit, die wir im Wettbewerb mit Netflix und Co. unbedingt benötigen.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Hier würde ich es wie mit den Misserfolgen halten wollen. Entscheidend ist, dass die „Gesamtbilanz“ passt.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Meine Ungeduld und die eigene Anspruchshaltung, immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten zu wollen, habe ich akzeptiert und meine Umwelt hat – denke ich – die Hoffnung auch aufgegeben, dass ich mal zum Achtsamkeits-Jünger mutiere.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Nach den Bäumen und den Tieren hat Peter Wohlleben mit „Das geheime Band zwischen Mensch und Natur“ einen aus meiner Sicht sehr wertvollen Beitrag geleistet, die Welt/Natur etwas besser zu verstehen.

Ansonsten bin ich wenig festgelegt. Ich kann mich beispielsweise gleichermaßen für die Bücher von Ferdinand von Schirach wie von John Niven begeistern.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Nach dem großen Erfolg von Michelle Obama freue ich mich auf die Memoiren ihres Mannes Barack, egal wann sie erscheinen. Barack Obama ist immer spannend und aktuell.

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

In diesem Jahr habe ich im Rahmen unserer Vertriebsreorganisation einen tiefen Einblick in die Arbeit unserer Vertretermannschaft erhalten. Ich habe den größten Respekt vor den verkäuferischen Leistungen der Kolleginnen und Kollegen im Außendienst und deshalb sollten diese auch hier zu Wort kommen.

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Die Onleihe, also das kostenlose „all-you-can-eat“ E-Book Angebot der Bibliotheken, steht stark in der Diskussion. Wo liegt das Problem und wie könnte eine Lösung aussehen.

Hier können Sie die auch beantworten:

Ohne lokale Anbindung der Onleihe geht die wichtige soziale und gesellschaftliche Funktion der Bibliotheken verloren und zudem werden die öffentlichen Mittel zu großen Teilen fehlgeleitet. Aktuelle Marktforschungsergebnisse zeigen, dass die Onleihe verstärkt von überdurchschnittlich gebildeten und gutsituierten Personen genutzt werden. Eine E-Book Flatrate vom heimischen Sofa aus entspricht nicht dem Grundgedanken von Bibliotheken. Zudem ist es massiv wettbewerbsverzerrend. Lösung: Download der E-Books nur noch in den Bibliotheken vor Ort.

Am 6.1. 2019 antworteten Dr. Constanze Neumann und Dr. Andreas Rötzer auf diesen Fragenbogen, morgen antwortet Kilian Steiner

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