Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Kerstin Gleba und Rainer Groothuis?

Seit dem 06. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2020 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Neue Antworten soll es wieder ab 6.12. 2020 geben. Heute beantwortet zunächst Kerstin Gleba, Verlegerin KiWi Verlagunseren „anderen“ Fragebogen und daran anschließend Rainer Groothuis:

Kerstin Gleba: „Wichtig ist jedes Buch, das wir verlegen. Aktuell jetzt nach Weihnachten möchte ich den BuchhändlerInnen unser Leseexemplar „Ach, Virginia“ von Michael Kumpfmüller empfehlen, ein kunstvoller, berührender Roman über die letzten Tage von Virginia Woolf, der im Frühjahr erscheint (c) Dominik Asbach)

Frau Gleba, welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

Es gab so viele schöne, dass ich kaum einen rauspicken mag. Einer der vielen: Der Tag der KiWi-Party auf der Frankfurter Buchmesse mit rund 1.000 Gästen, die im wunderschön im KiWi-Look gestalteten Gibson-Club unsere Bücher und den Start der KiWi-Musikbibliothek feierten. Just in einer Woche, als fünf KiWi-Titel unter den Top 20 der HC-Bestsellerliste standen, plus zwei in den Top 20 des Paperbacks.

Worüber haben Sie sich 2019 am meisten geärgert?

Die üblichen Verdächtigen: Trump (stellvertretend für die noch längst nicht überwundene Hegemonie Alter weißer Männer) und das Totalversagen der internationalen Politik in der Klimafrage.

Was war 2019 Ihr schönster Erfolg?

Dass so viele unserer Bücher so große Aufmerksamkeit und hochverdiente Anerkennung bekommen haben: 17 Literaturpreise haben unsere Autorinnen und Autoren allein in diesem Jahr gewonnen.

Und dass es uns gelungen ist, mit „Wir sind das Klima“ von Jonathan Safran Foer ein Buch zum Thema Klimakrise auf Platz 1 der Bestsellerliste zu setzen und so ein breites Publikum für dieses brennend wichtige Thema zu erreichen.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass wir mit Sibylle Bergs phänomenalen, preisgekrönten Roman GRM zeitweise Lieferengpässe hatten.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag im letzten Jahr?

Es gibt so viele – nennen möchte ich hier stellvertretend unsere Nachbarn am Bahnhofsvorplatz: Die durch ein tiefes Sortiment und sehr kundige BuchhändlerInnen beeindruckende Buchhandlung Ludwig im HBF.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Insolvenzen. Ladenschließungen.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Über Überraschungsbestseller extremer Güte, die bisherige SeltenleserInnen in die Buchhandlungen treiben.

Welchen Fehler aus dem vergangenen Jahr wollen Sie im neuen Jahr vermeiden?

Mit zu vielen Bällen jonglieren.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Jede Antwort, die mir einfällt, ist entweder kokett oder kapitulierend, beides liegt mir nicht, darum: natürlich keinen, außer den üblichen und unvermeidlichen: zu wenig schlafen, zuviel wollen, zuviel dann doch nicht schaffen etc.

Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?

„Herkunft“ von Saša Stanišić

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Wichtig ist jedes Buch, das wir verlegen. Aktuell jetzt nach Weihnachten möchte ich den BuchhändlerInnen unser Leseexemplar „Ach, Virginia“ von Michael Kumpfmüller empfehlen, ein kunstvoller, berührender Roman über die letzten Tage von Virginia Woolf, der im Frühjahr 2020 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Christine Westermann.

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben,  hätten Sie gern beantwortet?

Worauf freuen Sie sich gerade am meisten?

Hier können Sie die auch beantworten:

Auf die Bücherstapel neben meinem Bett, auf die vielen Stunden ungestörter Lektüre.

Und zum Abschluss der Fragerunde 2019/2020 beantwortet der Agenturchef und Mediengestalter Rainer Groothuis unseren „anderen“ Fragebogen:

Rainer Groothuis: „Ich freue mich über jede Buchhandelsneueröffnung und die Verlage, die daran festhalten, ihr Programm zu machen, sich nicht ins Bockshorn des Pessimismus jagen lassen, die gelegentlich die Flinte der Haltung durchladen“

 

Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

Der schönste? –Superlative und Übertreibungen liegen Ostfriesen nicht sonderlich. Zur Freude gab es einige schöne Tage.

Worüber haben Sie sich 2019 am meisten geärgert?

Anlass zum Ärger gab es in diesem Jahr allemal genug – weltpolitisch, im Land, vor der Haustür. Ein Höhepunkt: Dass der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz das Ergebnis einer Studie, nach der 20! Prozent unserer 15Jährigen lesen wie Erst!klässler, »unspektakulär« findet – eine doch sehr spektakuläre Bankrotterklärung der für Bildung Verantwortlichen.

Und: Wie schnell jemand ohne Anzeige und Anklage an den Pranger von Klischee und übler Nachrede gestellt, ohne Prozess und richterliches Urteil verurteilt, wie zügig die Unschuldsvermutung »vergessen« wird, die ein Grundpfeiler des Rechtsstaats ist… musste ich bei einem Freund miterleben. Stelle einen Banker oder Unternehmer in eine Grauzone von Verdacht und Mutmaßung – schon ist dir das vorauseilend-vernichtende Mitrauen Vieler gewiss.

Was war im Vorjahr Ihr schönster Erfolg?

Superlativ, siehe meine erste Antwort. Schön ist die Stärke unseres Teams, schön war, dass wir für Children for a better world (children.de) und für die Stiftung Kulturglück (stiftung-kulturglueck.de) ihre Jubiläumspublikationen konzipieren und gestalten konnten, ermutigend sind die zahlreichen Auszeichnungen, die wir 2019 bekommen haben, schön ist, dass ein Projekt, das sich tatsächlich über drei Jahre zog, sein Ende fand, schön ist, dass uns alle Kunden treu geblieben sind und wir neue gewonnen haben, und wir entsprechend auf’s neue Jahr blicken können.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Superlativ, wieder siehe meine erste Antwort. Misserfolge im Sinne von nicht-angefangen oder nicht-zu-Ende-gebracht gibt’s leider jedes Jahr, die Tage sind kurz, das Fleisch ist schwach, der Geist nicht immer willig …

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag im letzten Jahr?

Superlativ, nochmal siehe meine erste Antwort. Ich freue mich über jede Buchhandelsneueröffnung und die Verlage, die daran festhalten, ihr Programm zu machen, sich nicht ins Bockshorn des Pessimismus jagen lassen, die gelegentlich die Flinte der Haltung durchladen…

Und, Seitenschritt: Chapeau! für Jürgen Boos und sein Messeteam, dem es gelingt, die Frankfurter Buchmesse nicht nur zu einer »Medienmesse« zu formen, sondern ihr eine international wirksame (kultur-)politische  Ausrichtung zu geben – was der Messe und der Branche gut tut.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Wahlen von Parteivorsitzenden!, Dieter Nuhr, Kochen!, »Mentale Reinigung«, »Selbstoptimierung«!, Friede, Freude, Eierkuchen, … Warum? Sind Sie nicht auch völlig erschöpft von all dem Getue und diesem gesellschaftlichen Fastschonzwang, ein »optimierter« Mensch sein zu sollen? Geht es nicht einfach darum, den Anderen sein zu lassen?

Außerdem: Von gescheiterten Klimakonferenzen. Von Boris Johnson, Donald Trump, und »alten, weißen Männern«, die aus ihrem SUV heraus Kinder und Jugendliche schmähen. Schön wäre auch, die AfD würde von den Medien angemessen behandelt werden, statt ihren Vertretern in Talkshows fast immer die Rolle einer benachteiligten Leberwurst zu lassen. Ach, und Markus Lanz könnte verstehen, dass wir als Zuschauer a) gespannter sind auf die Antworten seiner Gäste statt auf seine ellenlangen Fragen und b) Ausredenlassen eine Zier ist, jedenfalls für einen Moderator.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Sagen wir: Lust auf Zukunft? Es wäre schön, von einer positiven, nach vorn tragenden Idee von Gesellschaft unter den veränderten Bedingungen, die der Klimawandel schafft, mitgerissen zu werden – außerdem: Vom endlichen! Ende des Föderalismus in der Bildung, dieser bornierten Kleinstaaterei bei unserem wichtigsten Potential: der Bildung der Menschen, die ihre Zukunft ausmacht.

Welchen Fehler aus dem vergangenen Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?

Die, die ich wohl auch 2018, 2017, 2016 … gemacht habe.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Vermutlich die, die ich wohl auch 2015, 2014, 2013 … gemacht habe – man wird sich selbst ja nicht los.

Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?

Wolf Wondratschek, Erde und Papier. Eric Vuillard, 14. Juli.

Die Neuausgabe von Karel Capeks Krieg mit den Molchen bei der Büchergilde, Bedeutsame Belanglosigkeiten von Lampugnani bei Wagenbach, die Minutenessays von Katharina Hacker bei Berenberg – und jene, die mir natürlich prompt nicht einfallen.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Superlativ, siehe Antwort 1. Mir sind die wichtigen jene, die bewegen… – und das neue eigene, das aber wohl auch 2020 nicht fertig werden wird.

Von wem würden Sie gern auch die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Groucho Marx, Rosa Luxemburg, Peter Alexander, Dieter Bohlen, Matthias Döpfner, Saori Dubourg, Susanne Klatten, Karl Valentin …

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Wo und wie findet sich in der Wohnungsnot möglichst schnell eine schöne, große, helle Altbauwohnung in Altona, Ottensen?

Hier können Sie auch die beantworten:

Hoffe auf Tipps der Hamburger Kolleginnen und Kollegen.

Gestern antwortete Gregory Zäch auf unseren „anderen Fragebogen“; alle Antworten (aus diesem Jahr und auch die der Jahre zuvor) finden Sie mit der Suchfunktion unter dem Stichwort „Wie war Ihr Jahr“

 

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