Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Constanze Neumann und Andreas Rötzer?

Seit dem 6. Dezember 2018 (Nikolaustag) fragen wir wieder bis heute (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Heute am letzten Tag beantworten Dr. Constanze Neumann (Verlagsleiterin Literatur bei Aufbau und Blumenbar) und Matthes & Seitz – Verleger Dr. Andreas Rötzer unseren “anderen” Fragebogen – neue Antworten soll es ab 6.12.2019 geben:

Dr. Constanze Neumann: “Das Schöne an einem Anfang ist, dass man Dinge anschieben, Weichen stellen kann: Autoren für den Verlag gewinnen, neue internationale Stimmen entdecken. Aber auch Menschen zu Aufbau holen, die das großartige Team bereichern werden. Was schließlich zum Erfolg, was zum Misserfolg wird,  muss sich erst noch zeigen”

 

Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

Es gab viele besondere Tage in diesem Jahr der Neuanfänge für mich. Einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Sommertag mit der Familie an einem See nahe Berlin und die Erkenntnis, wie schön es hier sein kann.

Worüber haben Sie sich 2018 am meisten geärgert?

Leider gab es viel Unschönes: Vor allem über die Populisten, die in Deutschland und vielen anderen Ländern immer lauter werden, habe ich mich geärgert. Und darüber, wie wenig ihnen entgegengesetzt wird. In den USA, aber auch in Europa.

Was war 2018 Ihr schönster Erfolg?

Dass sich Autorinnen wie Olga Grjasnowa, Han Kang und Lana Lux entschieden haben, bei Aufbau zu bleiben. Das ist bei einem Wechsel der Verlagsleitung nicht selbstverständlich.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

(Noch) keiner – das Schöne an einem Anfang ist, dass man Dinge anschieben, Weichen stellen kann: Autoren für den Verlag gewinnen, neue internationale Stimmen entdecken. Aber auch Menschen zu Aufbau holen, die das großartige Team bereichern werden. Was schließlich zum Erfolg, was zum Misserfolg wird,  muss sich erst noch zeigen.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in 2019?

In Berlin habe ich viele sehr engagierte Buchhändler kennengelernt. Besonders oft und gern bin ich in der Buchladen am Bayrischen Platz und der Buchhandlung am Moritzplatz im Aufbauhaus. Und – wenig überraschend – waren und sind mir Aufbau, Blumenbar und Rütten&Loening am liebsten.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) in diesem Jahr nichts mehr lesen?

Über schwindende Leserzahlen und das Aussterben des gedruckten Buchs. Darüber wurde und wird zu viel geschrieben. Interessanter ist doch vielmehr, was wir dagegen tun können.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Rezensionen und Buchempfehlungen. Solche Wegweiser sind im Dschungel der Neuerscheinungen unerlässlich und bringen die Bücher zu ihren Leserinnen und Lesern. Je mehr Raum dafür zur Verfügung steht – im Netz, im Feuilleton, aber auch in Radio und Fernsehen, umso besser.

Welchen Fehler aus dem letzten Jahr möchten Sie in diesem Jahr vermeiden?

Zu viele Bücher und Manuskripte in allen Ecken der Wohnung zu stapeln. Zu spät ins Bett gehen.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Diese und viele andere – gute Vorsätze lohnen nicht, weil sie spätestens im Februar in Vergessenheit geraten …

Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?

Ich habe in diesem Jahr viele beeindruckende Bücher aus Russland gelesen und freue mich besonders auf die neuen Romane von Gusel Jachina und Jewgeni Wodolaskin, die im kommenden Jahr bei Aufbau erscheinen werden.

Und gemeinsam mit meiner Tochter habe ich den Grüffello entdeckt …

Welches wird Ihr wichtigstes Buch in diesem Jahr?

Es ist ein Glück, das vorher nicht so genau zu wissen! Am Jahresanfang aber bestimmt Kristen Roupenians „Cat Person“, eine luzide Vermessung zwischenmenschlicher Beziehungen, wie ich sie so noch nicht gelesen habe.

Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Annemarie Stoltenberg. Sie ist eine der Vermittlerinnen unserer Bücher, die wir so dringend brauchen. Ihre Begeisterung für Bücher ist ansteckend und unwiderstehlich.

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?

Hier können Sie die auch beantworten:

Viele Bücher, die uns bewegen und anregende Debatten auslösen. Mehr Mut bei denen, die Bücher machen: Wir müssen nicht in die Defensive gehen und uns verteidigen, sondern selbstbewusst für unser Tun werben.

Dr. Andreas Rötzer: “An welchem Großprojekt ich arbeite? An der ersten deutschen Edition des Tagebuchs von Henry D. Thoreau, das ich als sein eigentliches Hauptwerk bezeichnen möchte. Wir haben bereits drei Bände veröffentlicht und der 4. Band erscheint im Frühjahr. Am Ende werden es 12 Bände sein, übersetzt von Rainer G. Schmidt, ein monumentales Werk von bewundernswerter Klugheit, Weisheit, Weltoffenheit und Welt erschließender Kraft. Wer es liest, wird sicher ein bisschen ein besserer Mensch als er vorher war” (Foto: (c) Wang-Pi-Cheng)

 

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Der Tag, an dem wir die Zusage bekamen, Lola Randls Roman „Der Große Garten“ verlegen zu können.

Worüber haben Sie sich 2018 am meisten geärgert?

Dass wir mit den „Verlorenen Wörtern“ von Robert Macfarlane vor Weihnachten keine zweite Auflage mehr ausliefern können. Der Erfolg des Buchs, dessen Erstauflage fünfstellig war, entwickelte sich so schnell, dass wir zu spät reagiert haben.

Was war 2018 Ihr schönster Erfolg?

Der Erfolg von Eric Vuillard mit seinem fantastischen Roman „Die Tagesordnung“. Vuillards erste drei Bücher davor hatten sich sehr schwer verkauft und plötzlich gingen mit dem vierten Buch alle Mühen auf. „Die Tagesordnung“ hat sich bis jetzt 60.000 mal verkauft.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass wir mit Maruan Paschens außergewöhnlichem Roman „Weihnachten“ nicht für einen der wichtigen Preise nominiert wurden.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Wir haben für unsere Naturkunden einen Schaufensterwettbewerb ausgelobt und erhielten wunderbare Fotos von liebevoll und sehr kreativ gestalteten Schaufenstern. Der Gewinner weiß noch nichts von seinem Glück, aber unter den schönsten Schaufenstergestalter waren Buchhandlung Engel, Stuttgart, WortReich, Heidelberg, Oliva Buchhandlung, Cuxhaven, Buchhandlung Gattner, Murnau, Korn & Berg, Nürnberg, Buchhandlung Lesezeichen, Kempten, Buchhandlung Stadtlichter, Berlin, Dom Buchhandlung, Osnabrück, Tucholsky Buchhandlung, Berlin, Buchhandlung Wolgast, Wolgast.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Ich will immer alles lesen, bin also eigentlich keines Themas überdrüssig.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Noch mehr zu den Themen Anthropozän, Naturwissenschaft, Technik, Kapitalismus und Theologie. Also alles, was wir in unserer Zeitschrift „Dritte Natur“ bringen.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Langmütig sein.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Langmütig sein.

Welches Buch hat Ihnen im letzte Jahr die größte Freude gemacht?

 „Skizzen“ von Jean François Billeter, erschienen in der Reihe Fröhliche Wissenschaft, eine ganz ungewöhnlich intensive und vordergründig leichtfüßige philosophische Reflexion über die Krisen unserer Zeit.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Das Herbstprogramm ist noch geheim, aber m Frühjahrsprogramm gibt es viele wichtige Bücher, Georges Perros „Klebebilder“ und Wassili Golowanows „Buch vom Kaspischen Meer“ zum Beispiel, oder Joachim Bessings „Bonn. Atlantis der BRD“. Besonders wichtig sind mir aber auch zwei Debüts: Lola Randls herrlicher Roman „Der Große Garten“ und Kai Marchals überraschendes Buch über die chinesische Philosophie: „Tritt durch die Wand und werde der du (nicht) bist.“

Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Ernst Rowohlt

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

An welchem Großprojekt arbeiten Sie gerade?

Hier können Sie die auch beantworten:

An der ersten deutschen Edition des Tagebuchs von Henry D. Thoreau, das ich als sein eigentliches Hauptwerk bezeichnen möchte. Wir haben bereits drei Bände veröffentlicht und der 4. Band erscheint im Frühjahr. Am Ende werden es 12 Bände sein, übersetzt von Rainer G. Schmidt, ein monumentales Werk von bewundernswerter Klugheit, Weisheit, Weltoffenheit und Welt erschließender Kraft. Wer es liest, wird sicher ein bisschen ein besserer Mensch als er vorher war.

Gestern antwortete Martina Weihe-Reckewitz?, neue Antworten lesen Sie hier ab 6. Dezember .

 

 

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.