Der andere Fragebogen We war Ihr Jahr, Frank-H. Häger?

Seit dem 6. Dezember 2019 (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2020 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Heute beantwortet Frank-H. Häger,  langjähriger Vorstand Buch, Digital und Versandhandel der Ganske Verlagsgruppeunseren „anderen“ Fragebogen:

Frank-H. Häger: „Mehr lesen möchte ich über Erfolge -über start-ups mit cleveren digitalen Ideen, die es wert sind, ausprobiert zu werden. Über Leute in den Verlagen, die den Mumm haben, etwas auszuprobieren, auch wenn es nicht auf Anhieb klappt. Eine Lektion habe ich in meinen Jahren in den Verlagen dann doch verinnerlicht: Doing it is the proof of the pudding!“

Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

2019 war ein sehr spezielles Jahr für mich. Deshalb nenne ich drei Tage:

21.April: Meine Tochter Antonia hat sich zu ihrem vierten Geburtstag ein Fahrrad ohne Stützräder gewünscht. Nach ein paar Versuchen ging das wunderbar. Stolze Antonia. Stolzer Papa.

11.Juni: Letzter Chemo-Termin. Aussage des Onkologen, dass alles auf allerbestem Wege ist.

29. November: Gerade aus der Klinik nach einer Bypass-Operation entlassen, haben meine Frau und ich unseren fünften Hochzeitstag mit Antonia gefeiert. Nach dem Essen kam die Frage, wann denn nun die Party losgeht …

Halleluja. What a year!!

Worüber haben Sie sich in 2019 am meisten geärgert?

Der große Ärger ist irgendwie ausgefallen. Es gab sicherlich ungläubiges Staunen darüber, was einem alles widerfahren kann.

Was war 2019 Ihr größter Erfolg?

Mit Hilfe der Familie und eines engen Freundeskreises durchgehalten zu haben.

Relativ neue Geschäftspartner haben eine längere Pause akzeptiert, und wir haben weiter gemacht. Fand ich klasse.

In meinem Stammlokal in München begrüßte mich ein kahlköpfiger Kellner mit den Worten: sieht gut aus und strich sich liebevoll über seinen Kopf, als ich – auch kahlköpfig – bei einem Besuch vor ihm stand. Sowohl er als auch sein Chef, der für seine Haarpracht bekannt ist, haben keine Befindlichkeitsfragen gestellt. Fand ich gut.

Und Ihr traurigster Misserfolg?

Den hatte ich nicht.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Als wir bei unserem Umzug nach Berlin in 2018 entschieden, in Schöneberg zu suchen und im Bayerischen Viertel unsere Wohnung gefunden haben, war mir nicht klar, welche Bedeutung das Viertel vor dem 2.Weltkrieg hatte: Albert Einstein, Gottfried Benn, Alfred Kerr und viele andere haben hier gelebt. Es gab damals schon den ‚Buchladen am Bayerischen Platz‘, der heute exzellent und fachkundig von Christiane Fritsch-Weith geführt wird.  Mehrfach zur Buchhandlung des Jahres gewählt, ist sie d i e Anlaufstelle für Buchliebhaber im Kiez.

Ich bin ein Geschichtsjunkie. Der Beck Verlag hat immer etwas im Programm, das mich interessiert. Aus meiner Zeit als Beiratsvorsitzender des dtv habe ich die Kollegen Jonathan Beck und seinen Vater Wolfgang Beck recht gut kennengelernt. Ich kann Jonathan Beck nur gratulieren, wie er die Stafette von seinem Vater übernommen hat und eigene Akzente setzt.

Von welchen Themen möchten Sie im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Brexit, hält die Groko, Probleme bei der Bahn …

Und zur Branche: Ich sitze ja seit einiger Zeit auf der ‚Tribüne‘. Da ist es leicht, schlaue Bemerkungen zu machen. Aber das Lamento, dass die Buchkäuferschaft schrumpft, verbunden mit den Phrasen zur Problemlösung, sind manchmal enervierend und manchmal schlicht langweilig.

Und über welches Thema möchten Sie im neuen Jahr mehr lesen?

… spürbare Verbesserungen bei der Bahn …!

Zur Branche möchte ich viel mehr über Erfolge – völlig egal, ob im klassischen Print, in den klassischen Vertriebswegen oder über digitale Projekte – lesen. Über ‚best practise‘ in anderen Branchen oder anderen Ländern. Mehr über gelungene/erfolgreiche Lösungen. Über start-ups mit cleveren digitalen Ideen, die es wert sind, ausprobiert zu werden. Über Leute in den Verlagen, die den Mumm haben, etwas auszuprobieren, auch wenn es nicht auf Anhieb klappt. Eine Lektion habe ich in meinen Jahren in den Verlagen dann doch verinnerlicht: Doing it is the proof of the pudding!

Welchen Fehler aus dem letzten Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?

Zu früh freuen!

Projekte, die ich Ende 2018 angefangen hatte und die zwangsläufig pausieren mussten, werde ich jetzt wieder aufnehmen.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Es soll keine Wiederholung geben.

Ich werde mit großer Lust die Dinge angehen, die im Spätsommer noch mal pausieren mussten: Egal ob im privaten Bereich oder selektiv Projekte in der Branche zu übernehmen bzw. etwas Eigenes zu machen. Gesunder, bewusster ‚Unruhe-Zustand‘.

Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr viel Freude gemacht?

Es sind drei: Ian McEwan, Die Kakerlake, Diogenes; Alfred Kerr, Yankee Land. Eine Reise durch Amerika 1924, Aufbau Verlag; Jill Lepore, Diese Wahrheiten – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Beck Verlag

Welches ist Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Hier spricht ja der Leser: Jens Bisky, Berlin – eine Biografie, Rowohlt Berlin. Habe ich im letzten Jahr nicht mehr geschafft.

Von wem würden Sie auch gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Hartmut Dorgerloh, dem neuen Generalintendanten des Humboldt Forums

Gestern antwortete Marianne Rübelmann, morgen antwortet Lothar Schirmer.

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