Das Sonntagsgespräch Dagmar Becker-Göthel über das wachsende Interesse an Heimatgeschichte

Dagmar Becker-Göthel

Das Interesse an heimatkundlichen Themen wächst. Der traditionsreiche Bucher Verlag hat sein Programm neu ausgerichtet und veröffentlicht zukünftig Titel aus dem Bereich „Geschichte“. Im Zuge dessen sind auch regionalhistorische Reihen gestartet worden.

buchmarkt.de sprach mit Programmleiterin Dagmar Becker-Göthel über die Neuorientierung innerhalb des Verlagsprogramms und die wachsende Bedeutung regionaler Themen.

buchmarkt.de: Sie haben das Programm des Bucher Verlags neu ausgerichtet. Zukünftig sollen bei Bucher Titel zum Thema Geschichte erscheinen. Sie begründen das unter anderem damit, dass das Segment Geschichte am Wachsen sei.

Becker-Göthel: Das Segment entwickelt sich auf alle Fälle stabil, darauf setzen wir. Natürlich kennt niemand die Zukunft, aber nach unseren Marktforschungen sieht es ganz so aus, dass es hier auch weiterhin interessierte Leser geben wird.

buchmarkt.de: Besonders auffallend ist in der Frühjahrsvorschau die Konzentration auf Heimatgeschichte. Ihre beiden neuen Reihen „Wir …“, die Sie mit „Wir Bayern“ und „Wir Sachsen“ starten, und die Reihe „Wie es damals war“, Fotobände zum Landleben in bestimmten Regionen, erwecken den Eindruck, dass Sie die gute alte Heimatkunde wieder am Kommen sehen?

Becker-Göthel: Die Regionalgeschichte ist ja nur ein Standbein des Programms, als Heimatkunde würde ich das nicht bezeichnen. Aber das Etikett finde ich dabei auch gar nicht wichtig. Jeder, der sich aus irgendeinem Grund mit einem Thema identifiziert, kann zum Käufer eines geschichtlichen Sachbuchs werden; wenn dieses reich bebildert ist, fällt der Zugang viel leichter.

buchmarkt.de: Ihre Titel sind keine Fachbücher, sondern sind populär ausgerichtet und stark bildlastig. Wo sehen Sie die Zielgruppe für diese Titel?

Becker-Göthel: Die Frage, ob sie sich für Geschichte interessieren, werden vor allem klassische Bildungsbürger bejahen. Darüber hinaus gibt es aber sehr viele mehr Menschen, die sich beispielsweise gern mit Ihrer Heimat befassen, ohne sich als explizit geschichtsinteressiert zu bezeichnen. Ein gutes Beispiel ist unser Highlight-Titel im Frühjahr. Der Band zur dreiteiligen ARD-Fernsehreihe „Der Krieg“ über Menschen im Zweiten Weltkrieg spricht jeden an.

buchmarkt.de: Wie erklären Sie sich das wiedererwachende Interesse an der Heimat?

Becker-Göthel: In unserer globalisierten Welt suchen wir alle nach Halt, den persönlichen Wurzeln, der eigenen Identität, schlicht nach Vertrautem. Wir interessieren uns für die Entwicklung gewohnter Orte und möchten eine menschliche Sicht auf große Ereignisse. Heimat bietet das alles, sie stellt ganz einfach die kürzeste Verbindung zu mir selbst her.

buchmarkt.de: Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit diesem Segment? Ist das eher etwas für Buchhandlungen auf dem Land? Oder suchen auch Städter „Nostalgiebücher“?

Becker-Göthel: Gerade die Städter sind doch die Erfinder der Nostalgiewelle, die Sehnsucht nach dem Land und den guten alten Zeiten wurde in der Stadt geboren. Suche nach Vertrautem und Überschaubarem ist die Reaktion der Menschen auf eine unglaublich komplizierte Welt, die ja vor allem eine städtische Welt ist. Aber natürlich zählen wir für unser regionalgeschichtliches Programm auch ganz stark auf die Unterstützung der lokalen Buchhandlungen.

buchmarkt.de: Gibt es Regionen in Deutschland, die einen stärkeren Regionalbezug aufweisen als andere?

Becker-Göthel: Ich glaube nicht, dass in der einen Region regionaler gedacht wird als in einer anderen.

buchmarkt.de: Fürchten Sie nicht, in eine „Angestaubten-Ecke“ zu geraten?

Becker-Göthel: Nein. Wer würde überhaupt ein solches Urteil fällen? Wenn ein Programm oder ein einzelnes Buch dem Publikum zusagt, wurde es richtig gemacht. Und darauf kommt es doch am Ende an.

buchmarkt.de: Die Neuausrichtung war wohl auch nötig, weil sich sonst Ihre Verlage inhaltlich überschnitten hätten.

Becker-Göthel: Ja, denn das Verlagshaus GeraNova Bruckmann ist in den letzten Jahren sehr gewachsen. Mittlerweile vereint es sechs Verlage unter seinem Dach. Mehr denn je braucht daher jeder der Verlage einen klar definierten Platz. Bucher hat in seiner über 50jährigen Tradition ja neben hochwertigen Bildbänden zu Reise, Natur und Tieren immer auch Raum für Kunst und Geschichte geboten. Das heißt, das Programm war zwar vielfältig, aber gerade dadurch auch wenig eindeutig. Reisebände sind nun beim Spezialisten Bruckmann sehr gut aufgehoben, Natur und Tiere gehören jetzt ganz klar zu Frederking & Thaler. Daher haben wir uns entschlossen, die Kompetenz im Bereich Geschichte zu stärken und Bucher nun darauf zu fokussieren.

buchmarkt.de: Ein eindeutiges Profil ist wichtig. Sowohl der Buchhändler als auch der Kunde kann sich so besser orientieren. Bis der Kunde das aber registriert und abgespeichert hat, dauert das vermutlich ein wenig. Planen Sie irgendwelche Aktionen im Umfeld der Neuorientierung, um den neuen Schwerpunkt bei Bucher bekannter zu machen?

Becker-Göthel: Größere Aktionen lohnen sich erst, wenn man ausreichend Produkte vorzuweisen hat. Dies wird mit dem Herbstprogramm soweit sein. Für diesen Zeitraum haben wir bereits einige Planungen, um für den richtigen Auftritt am Point of Sale zu sorgen.

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