Nina George über ihr "unermüdliches politisches Engagement" im Einsatz für Schreibende „Bücher sind Überlebensrelevant. Ohne Autorinnen und Autoren ist Alles Nichts“

Gestern Abend wurde die Schriftstellerin und Präsidentin des European Writers‘ Council Nina George bei der Online-Preisverleihungsgala des Syndikat e.V. mit dem Ehren-Glauser ausgezeichnet – nicht nur für ihr schriftstellerisches Können, sondern auch „für ihr unermüdliches politisches Engagement im Einsatz für Schreibende“. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch – per Mail und mit Unterstützung von Siri geführt:  

Nina George: „Für Wert und Notwendigkeit lebendiger Kultur will ich weiter streiten. Weil ich davon überzeugt bin, etwas zu verteidigen, was nichts mit den 10-Prozent-Tantiemchen zu tun hat. Sondern mit Freiheit. Mit Demokratie. Mit Vielfalt, Empathie und gerechtem Verhalten“ (Durch Klick auf Foto zur Jury-Begründung, Foto: ©Julia Baier )

BuchMarkt: Was ist das für ein Gefühl, so „früh“ für ein Lebenswerk geehrt zu werden?

Nina George: Möchten Sie mir gerade sagen, dass 46 noch unter jugendliche Frische läuft?
Ich muss lachen, ja, von meiner Perspektive aus schon …
… der Vorteil an Lebenswerks-Auszeichnungen ist ja sonst, dass man das Gefühl hat: Ah, wunderbar, erledigt, Haken dran und jetzt nur noch im Sonntagskleid auf dem Sofa sitzen und sanft angetrunken die Statuen putzen. Ich habe indes das Gefühl: ich bin noch lange nicht fertig, vor allem nicht mit Wundern.
Worüber wundern Sie sich denn?
Zur Zeit vor allem die schamlose Gier, die die üblichen Verdächtigen der „Copylefts“ offenbaren. Es fing damit an, dass …
… Copylefts? Und wer sind Sie dann? Copyright … ?
Exakt. Schreibende, Übersetzende, Verlegende und BuchhändlerInnen sind auf internationalem Parkett dem Team „Copyright“ zugeordnet, und jene, die das, was wir erarbeiten, gerne für am liebsten kein Geld und ohne Limits hätten – ob es Bibliotheken sind, bestimmte Gruppierungen der Netzpolitik oder des „Verbraucherschutz“, Gerätehersteller oder digitale Intermediäre, spielen für das Team „Copyleft“. Deutschsprachige Copylefties nennen Leute wie mich gerne Urheber-Rechts-Extremistin oder Copyright-Faschistin. Und wir Copyrights würden eh nur aufs Geld schielen, und ….
Ja, es ist bekannt, dass man wahnsinnig reich wird als Autorin oder Verleger …
Sie müssen das mit der Ironie aber noch lernen, wie man das schreibt. Und zwar mit hochgezogenen Augenbrauen: ^^
(CVZ diktiert Siri: „hochgezogene Augenbrauen“)
Jüngst wurde uns das zum Beispiel von einem mehrfachen US-Millionär vorgeworfen, von Brewster Kahle, Begründer des Internet Archive. Er hat, mitten in der Krise beschlossen, er müsse eine „Nationale Notfall Apotheke“ eröffnen. Mit 1,43 Millionen Titeln, davon der Großteil unter Urheberrechtsschutz oder Copyright, und als e-Book oder als in China illegal hergestellte pdf-Scans umsonst und unlimitiert für alle Welt zum Download zur Verfügung stellen.
Ich fand die Idee großartig.
Aber er hat das umgesetzt ohne Lizenzen, ohne ihre Autoren und Autorinnen zu fragen oder zu zu beteiligen. Und das verkaufte er als altruistischen Akt, damit Menschen im Lockdown was zu lesen haben. Etwas, was ihm nicht gehört, zu verschenken, sich ein Fleißkärtchen ans Revers zu heften, und dann beleidigt zu tun, wenn Autoren und Autorinnen von dieser Großzügigkeit nicht so begeistert sind – da kann man schon mal eine gewisse aggressive Verwunderung empfinden. Mein Kollege Douglas Preston, Präsident der Authors‘ Guild, hat das in der New York Times recht treffend beschrieben, welche Verachtung gegenüber Autorinnen aus dieser Aktion spricht.
(CVZ diktiert Siri ein rustikales Schimpfwort)
Da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu. Wir stehen ja zurzeit mitten in einer gewaltigen Ruptur. Weltweit sind – oder waren – Buchhandlungen geschlossen und Amazons Vertrieb eingestellt. Lesungen, die für viele, vor allem für KinderbuchautorInnen, einen Großteil der Einkünfte bedeuten, auf Monate hinweg abgesagt. Die meisten Autoren leben nicht vom Buchverkauf, sondern von „Kontaktarbeit“, und auch hier entfällt durch gecancelte Schreibkurse, Vorträge oder auch Residenzstipendien das Einkommen. Auch neue Verträge rücken in weite Ferne, die Vorschüsse werden sinken, und wir werden zahlreiche Stimmen verlieren. Autoren und Autorinnen sind mehr denn je darauf angewiesen, das wenigstens e-books gekauft werden – nicht geliehen! Vergütungen aus Flatrates oder Onleihe sind für Verlagsautorinnen ein Sparwitz.
Und das ist noch nicht alles, ich sehe und lese ja, gegen was Sie immer wieder Ihre Stimme erheben.
Glauben Sie mir, ich bin sonst friedfertiger. Aber parallel sattelten noch weitere Institutionen zum konzertierten Angriff auf die eh prekär, jetzt am Existenzverlust lebenden Autoren und Autorinnen.
Wollen Sie Namen nennen? 
Haben Sie viel Zeit? Bibliotheksverbände, Bildungseinrichtungen, Universitäten, Google-Vorstands-Mitglieder, Wikimedia, gewisse politische Strömungen und andere unterschrieben zum Beispiel einen Offenen Brief an den Direktor der WIPO (World Intellectual Property Organisation), bei der sonst die gesetzlichen Grundlagen für Urheberrecht und seine Schranken über Jahre hinweg mit den Staaten und Stakeholdern verhandelt werden. Der Offene Brief verlangt eine unmittelbare Einführung von nicht vergütungspflichtigen Schranken, um Zugang zu Lehrmaterial und Literatur nicht länger durch diese lästigen ^^ und kostenverursachenden Lizenzen zu schaffen. Wenn man sich anschaut, wer dieses Brieflein unterstützt, kann man sich durchaus wundern. Diese Unterzeichnerinnen stellen sich offen gegen Autorinnen und Autoren. Und damit auch gegen Demokratie, Vielfalt und vor allem Zukunftsfähigkeit von Büchern, Bildung und freier Kultur.
Und das alles nur, um sich bloß nicht über Finanzierungskonzepte einig zu werden, wie Sie immer wieder resümieren. 
Ja, Kultur und Bildungsmedien kosten Geld. Doch anstatt mit Geld kommen uns die Copylefts gerne mit Pseudomoral. Hugh Stephens hat diese beiden Ereignisse klug in einen Kontext gestellt – ich würde noch die schamlose Aktion von LIBER dazu setzen wollen, prominent verteidigt von der ehemaligen Piratenabgeordneten und bekennenden Urheberrechts-Allergikerin Julia Reda. Denen gerade ebenfalls nichts anderes einfällt als von Autoren und ihren Verlagen zu verlangen, gefälligst Bücher online frei zu geben und den festangestellten Bibliothekaren gratis zu erlauben, Online-Lesungen aus Kinderbüchern zu halten – während gleichzeitig diese KinderbuchautorInnen, die von Lesungshonoraren wirklich leben müssen und die für diesen „Service“ der Bibliothek nichts erhielten, Hartz 4 beantragen gehen sollen.
Ich gebe zu, wir rennen nicht dauernd mit dem Urheberrecht unter dem Arm herum, aber es stimmt natürlich, gut gemeint ist nicht immer richtig oder Recht.
Das Urheberrecht kann nicht für den Unwillen einer Gesellschaft oder einer politischen Kraft, dafür keinen Etat zu schaffen. Ich verstehe das Bedürfnis nach Lehre und Bildung und die in vielen Ländern akute Not, dies im Lockdown digital auf die Beine stellen zu müssen. Hier haben zahlreiche Verlage bereits reagiert und Lizenzerweiterungen eingeführt oder Preise kurzfristig gesenkt. Was ich aber nicht verstehe, ist, warum diese Institutionen es von uns am liebsten umsonst haben wollen, anstatt den Staat, der ihren Bildungsauftrag erlässt, um entsprechende Budgets anzugehen. Die norwegische Regierung hat beispielsweise in der Akutsituation ein Millionen-Budget für die Onleihe geschaffen, damit eben nicht Autorinnen und Verlage zusätzlich blank gezogen werden.
Das sind harte Vorwürfe …
… aber das ist unsere Realität seit Jahren: Wir haben nicht nur den traditionellen Zweikampf mit unseren Verlagen, wer was vom Bücherkuchen erhält und warum wir als Quelle eigentlich so wenig erhalten. Zusammen mit den Verlagen haben wir aber auch gemeinsame Positionen zu verteidigen, wenn es um die Nutzung im Bildungsbereich geht oder im Hinblick auf digitale Informationsmonopole, organisierte Paid Piracy oder ob sich Künstliche Intelligenz gratis an unserer Leistung ausbilden lassen darf, um eines Tages endlich garantiert autorenfreie Texte zu generieren. Auf so vielen Ebenen wird während der Pandemie politisch überdeutlich sichtbar, was von uns gehalten wird. Einerseits wenig: Von dem Leck in den Bundeshilfen, die freie Autorinnen und Autoren nicht beanspruchen dürfen, über das Desinteresse an einem durchsetzbarem Urhebervertragsrecht, bis hin zu einem nicht vorhandenem Kulturministerium, und einer Kulturstaatsministerin, bei der mir persönlich auffällt, dass ihr die Lebensrealität freischaffender Künstler, Urheberinnen oder Performer nicht bekannt ist. Wo bleibt ihr Aufschrei, dass die freien Geistesarbeiterinnen, Performer, Musikerinnen und so weiter, auf ihren Totalausfällen sitzen bleiben werden?
Und andererseits?
Sehr viel! Die Liebe und Hartnäckigkeit des Buchhandels! Die online-Aktionen, #hashtag-Kampagnen, die Fürsprache, für Wert und Notwendigkeit lebendiger Kultur, durch Medien, vereinzelte PolitikerInnen, durch Verbände, durch unsere Leserinnen und Leser – all das, und auch das digitale Feiern der Literatur. Und für diese Hingabe, diese Wertschätzung will ich weiter streiten. Weil ich davon überzeugt bin, etwas zu verteidigen, was nichts mit den 10-Prozent-Tantiemchen zu tun hat. Sondern mit Freiheit. Mit Demokratie. Mit Vielfalt, Empathie und gerechtem Verhalten. Denn das sind Bücher: sie sind das Rückgrat der pluralistischen Weltgesellschaft.
Das waren deutliche Worte für Demokratie und sichtlich nötig. Verraten Sie mir zum Schluss noch einen Satz aus Ihrer Dankesrede? Dann lass‘ ich Sie auch auf Ihr Sofa, im Sonntagskleid …
„Bücher sind Überlebensrelevant. Ohne Autorinnen und Autoren ist Alles Nichts.“
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz. 
NB: Frau George möchte, dass wir auch über die erschwerten Bedingungen des Gesprächs berichten: „CVZ hat seiner Siri diktiert und Frau George hat versucht heraus zu finden, was CVZ wohl gemeint haben könnte.“ 
Kommentare (6)
  1. Nina George kokettiert mit ihren jugendlichen 46 Jahren! Ich bin eine 75jährige Autorin, habe soeben mein 20. Buch geschrieben und fühle mich total jugendlich. Na ja, äußerlich vielleicht wie 60, doch innerlich wie 25.
    Herzlichen Glückwunsch der jungen Dame ..

    • Es gibt junge Menschen, die sind bereits uralt … Das Alter spielt überhaupt keine Rolle, wenn man am Leben so gut es geht teilnimmt, vor allem die Gesundheit und der Geist es erlauben.

  2. Nina George hat bessere Kommentare verdient als Geplänkel über ihr Alter. Sie legt den Finger auf eine Wunde, die sich gefährlich entzünden könnte. Die bisher bekannt gewordene staatliche Unterstützung kommt Firmen zugute, das ist auch nötig. Aber für die kreativen Individuen, ohne die der ganze Literaturbetrieb in der Tat nichts wäre, gibt es bislang nichts, das wirklich hilft. Noch nicht einmal Hartz IV wäre ein Weg, denn bevor das greift, müssten Reserven wie private Altersvorsorge herangezogen werden. Lieber Frau Grütters, lieber Börsenverein – da muss mehr geschehen!

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