Buchkultur-Mitgründer Michael Schnepf über dreißig Jahre "Buchkultur" und dessen heute noch gültiges Konzept „Buchkultur ist das unabhängige und kritische Büchermagazin – für Menschen, die gern lesen“

 

 

Michael Schnepf: „Die Medienentwicklung der letzte Jahre spielt uns in die Hände. Denn wenn man heute von der Wichtigkeit der „Community“ spricht, dann war diese für uns schon vor 30 Jahren vorhanden: Menschen, die gerne und viel lesen. Mehr an Klarheit braucht es eigentlich nicht“ (Durch Klick auf Foto zum Heft)

 

Mit der aktuellen Ausgabe feiert das Wiener Magazin Buchkultur sein 30. Jubiläum. Seit dem Start hat sich die Medienwelt rasant gewandelt, auch vor dem Ende des Buches wurde immer wieder gewarnt. In unserem heutigen Sonntagsgespräch unterhalten wir uns dazu mit Michael Schnepf, einem der Mitgründer von damals: 

Wie kam es denn 1989 zur Gründung von Buchkultur?

Michael Schnepf: Wir waren damals zu Dritt, hatten einen gut bezahlten Job in der Medienbranche und verfügten daher über die Voraussetzungen, so etwas aus Spaß und inhaltlicher Überzeugung zu machen. Es war am Beginn eigentlich kein klassisches Startup mit Businessplan und klarem wirtschaftlichen Focus, sondern, wenn man es auf die heutige Zeit umlegen würde, eher vergleichbar mit einem Youtuber, der Lust daran hat, Inhalte zu publizieren und was zu sagen.

Und trotzdem hat das alles auf Anhieb geklappt?

Ein prägendes Erlebnis in meinem Leben war, als wir so rasch erkennen konnten, dass dieses Projekt auch am Markt funktionierte. Es gab Leute, die wollten unser unabhängiges, kritisches Büchermagazin kaufen und lesen und es gab Verlage, die uns schon früh eine Wertschätzung entgegenbrachten.

Das ging uns mit BuchMarkt ähnlich, ohne Zuspruch wäre der Start nicht gelungen …

.. der erste große Publikumsverlag, der bei uns als Inserent eingestiegen ist, war übrigens Diogenes, das bedeutete damals natürlich eine wichtige Signalwirkung an die Branche. Mit moderaten Anzeigenpreisen versuchen wir aber bis heute, auch kleineren Verlagen eine werbliche Präsenz zu ermöglichen und damit gleichzeitig ohne Akquisition in anderen Branchen zu agieren. Dieses speziell buchaffine Gesamtbild wird von unseren Leserinnen und Lesern sehr geschätzt. Die Positionierung war uns ja von Beginn an klar: Kein kostenloses Kundenmagazin, aber auch keine Literaturzeitschrift mit Primärtexten. Wir machen ein unabhängiges, kritisches Kaufmagazin mit der inhaltlichen Breite von Belletristik über Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch bis hin zu Graphic Novels und Lyrik. Aber wir geben auch Tipps wie etwa eine Vorschau auf die kommenden Literaturfestivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Ist das Konzept noch zeitgemäß?

Die Medienentwicklung der letzte Jahre spielt uns in die Hände. Denn wenn man heute von der Wichtigkeit der „Community“ spricht, dann war diese für uns schon vor 30 Jahren vorhanden: Menschen, die gerne und viel lesen. Mehr an Klarheit braucht es eigentlich nicht.

Und wie lautet die Argumentation in Richtung Anzeigenkunden?

Die spitze Zielgruppe haben wir. Die Nische, die früher in der Medienlandschaft als problematisch, weil zu klein und eng, angesehen wurde, birgt heute begehrte und oft heftig umworbene Leserinnen und Leser. Wir erreichen diese auf unterschiedlichen Kanälen, neben der Printausgabe ist das Magazin Buchkultur als PDF im Online-Kiosk und als Epub im Online-Buchhandel erhältlich. Begleitend erscheint einmal im Monat der „Buchkultur-Bücherbrief“, die Reaktionen auf unseren Newsletter machen regelmäßig gute Stimmung in unserer Redaktion, vor kurzem hat uns die Presseleiterin eines großen Verlags kurz und bündig die Worte geschickt: „Ich mag Euren Newsletter sehr!“

Und wie reagieren die Leser?

Wir spüren seit einigen Jahren ziemlich deutlich den Rückenwind, den wir durch geänderte Leseverhalten, den Wunsch nach unabhängigen Journalismus und Social Media erhalten. Und gar nicht so selten schwingt da ein Hang zu manch traditionellen Werten mit, auch bei Jugendlichen. Buchmenschen zeichnen sich ja nicht nur damit aus, selbst zu lesen. Sie kaufen häufig Bücher als Geschenke und sorgen dafür, dass ihre Kinder oder Enkel ebenfalls mit Büchern versorgt sind. Auch diese Bedürfnisse deckt Buchkultur ab, so gibt es zum Beispiel Junior-Empfehlungen seit der ersten und seit damals in jeder Ausgabe.

Das Konzept hat sich also nicht wirklich verändert?

Ja, interessant ist, dass das grundlegende Konzept von Buchkultur in alle den Jahren nicht verändert werden musste, seit 30 Jahren geben wir Leseempfehlungen, seit 30 Jahren ist die Auswahl der Bücher die zentralste Aufgabe unserer Redaktion. Diese redaktionelle Basis übertragen wir auch in die digitalen Medien, da müssen wir also nichts neu erfinden. Buchkultur-Leser erwarten von uns eine spannende und repräsentative Auswahl an Büchern, egal wo sie diese dann kaufen, egal ob sie in digitalen oder gedruckten Ausgaben lesen. Und da freuen wir uns natürlich, dass eine Umfrage ergeben hat, dass über 90 Prozent unserer Leser ihre Buchempfehlungen vorrangig aus Buchkultur beziehen.

Michael, heute können wir zugeben, dass wir beide uns auch schon über 25 Jahre kennen …

Mein Erlebnis im Jahr 1994 werde ich nie vergessen. Ein Telefonanruf – am anderen Ende der Leitung warst Du – Christian von Zittwitz. Ich kannte Dich nur vom Lesen, den Chef vom BuchMarkt. Dieses Branchenblatt war damals für mich die Bibel, ich habe Wissen über die Branche herausgezogen, Hintergründe aus der Geschichte gelernt. Und jetzt ruft er mich an. Er wolle mich treffen, würde nach Wien kommen für ein Gespräch mit mir, denn er findet es ziemlich bemerkenswert, was wir da machen.

Ich weiß gar nicht mehr, warum ich nur für drei Stunden gekommen bin und gleich wieder zurück flog…

Ja, wir sind nicht mal in die Wiener City gefahren, sondern gleich bei der nahen Trabrennbahn Freudenau in ein Wirtshaus gefallen. Nach einem intensiven Gespräch ging es zurück zum Flieger. Lieber Christian, das werde ich nie vergessen. Dein ehrliches Interesse an uns, Deine frühe Anerkennung unserer Arbeit, das war eine Wertschätzung, für die ich mich auch heute bei dieser Gelegenheit bedanken möchte.

Ich danke Dir für Deine Freundschaft.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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