Titus Müller und Gaby Trombello-Wirkus über „Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens“ (adeo) „Mit einem Brief hat man einen Teil der Person ganz nah bei sich“

Gaby Trombello-Wirkus
Titus Müller

Briefeschreiben macht glücklich, entschleunigt und verbindet Menschen. In ihrem neuen Buch Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens (adeo) wollen Titus Müller und Gaby Trombello-Wirkus die Lust wecken, selbst zu Papier und Stift zu greifen. Ihre liebevoll zusammengestellten Tipps zu Material, Stil und Aufbau von Briefen und zur Optimierung der eigenen Schrift laden die Leser ein, selbst kreativ zu werden.  Anlass für Fragen:

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?
Titus Müller: Wir sind gerade dabei, das Warten zu verlernen. Wir haben die Dinge gern sofort,»on demand« auf unseren Bildschirm. Ein Brief dagegen ist tagelang unterwegs. Der Sender hatihn sorgfältig durchdacht, geschrieben und gefaltet und eingetütet. Er hat ihn berührt. Das ist in unserer digitalen Welt etwas Besonderes. Manche Dinge entstehen nicht schnell, sondern nur behutsam und mit Zeit. Daran wollen wir mit diesem Buch erinnern. Die faszinierenden Briefwechsel von Robert Schumann und Clara Wieck, Harry Rowohlt, Antoine de Saint-Exupéry, C. S. Lewis, Ludwig van Beethoven oder Rosa Luxemburg sollen wieder Lust auf das Briefeschreiben wecken.
Gaby Trombello-Wirkus: Wie oft denken wir uns, es wäre schön, wieder einmal einen Brief oderBeine Karte zu schreiben, und tun es dann doch nicht. Entweder haben wir nicht das richtige Material oder meinen, der Anlass sei nicht passend. Vielleicht hält uns die Hektik des Alltags ab und wir schreiben doch wieder nur eine E-Mail oder Kurznachricht.Mit einer Fülle von wunderschönen Materialtips, den Anleitungen, die eigene Handschrift einfach zu optimieren und einen Brief ansprechend zu strukturieren, zeigen wir, wie unkompliziert es sein kann, selber gelungene Briefe zu verfassen.
Wie entstand die Idee dazu?
Gaby Trombello-Wirkus: Ich liebe das Schreiben mit der Hand. In all seinen Facetten. Und ichliebe schöne Papeterie. Gehen Sie mit mir in ein gut sortiertes Fachgeschäft für Schreibbedarf,dann ist das garantiert kein Kurzbesuch.Aus dieser Passion wurde nach vielen Jahren, die ich zwar in der Kreativbranche gearbeitet,aber selber nicht kreativ „Hand angelegt“ habe, wieder ein beruflicher Fokus. In meiner Schreibwerkstatt vermittle ich nun in Workshops die Freude am schönen Schreiben mit der Hand. Sei es an der eigenen Handschrift oder an ganz unterschiedlichen, kreativen Schrifttechniken. Es geht um das Tun. Nicht immer um Ergebnisse. Sich mit Schrift zu beschäftigen, lässt uns ohne Druck kreativ werden. Die Hand ist unser ureigenes Werkzeug, und das gekonnt einzusetzen, ist eine große Freude. In unseren digitalisierten Zeiten wieder eine Besonderheit. Die Möglichkeit, die Begeisterung für diese Facetten des Schreibens, in Kombination mit Titus’Liebe zu seinem Beruf und seinen so wunderschön und mitreißend beschriebenen Briefwechseln und spannenden Hintergrundinfos zu vereinen, hat uns zu diesem ganz besonderen Projekt geführt.
Was wollen Sie den LeserInnen damit auf den Weg geben und welche Leserschaft soll überhaupt damit angesprochen werden?
Titus Müller: Wir wollen zeigen, dass wir etwas Kostbares verlieren, wenn wir nur noch auf E-Mail oder WhatsApp setzen. Eine Mail schreibt man anders als einen Brief. Die Mail wird vom Gegenüber eilig überflogen, beantwortet und weggeklickt, das wissen wir beim Verfassen. Sie wird nicht von ihm zum Tisch getragen, behutsam geöffnet, glattgestrichen und dann genussvoll gelesen. Entsprechend zerstreut ist unsere Stimmung, während wir die Mail tippen. E-Mails haben etwas Bürohaftes, sie tragen den Beigeschmack von Erledigung. Ein Brief dagegen schenkt nicht nur dem Empfänger tiefgründige Gedanken, er schenkt auch dem Schreibenden etwas: Konzentration und die wohltuende Versenkung in einen Gedankengang. Briefschreiber beobachten genauer und leben bewusster, sie sehen genauer hin und staunen mehr.
Gaby Trombello-Wirkus: Wir wollen Lust machen, es wieder einmal mit dem Briefschreiben zu versuchen. Allen Bedenken, die eigene Schrift sei nicht schön genug oder die Ausdrucksweise nicht entsprechend geschliffen, möchten wir begegnen, indem wir die Leser mitnehmen auf eine Entdeckungsreise. Zu den faszinierenden Briefwechseln anderer Verfasser und zu den ganz praktischen Dingen. Welches Schreibmaterial ist für mich geeignet und wo bekomme ich es?Wie sieht meine eigene Schrift aus und was lässt sich einfach verbessern? Und welche Ideen gibt es, einen Brief spannend und dem Anlass entsprechend zu entwerfen.
Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch im Laden ideal verkaufen?
Titus Müller: Ein Brief ist gerade in diesen Zeiten, wo wir Abstand und Bildschirm-Einsamkeit erleben, ein echter Schatz. Gerade Buchmenschen verstehen, was Papier, beschrieben mit guten Sätzen, für Freude machen kann.
Gaby Trombello-Wirkus: In diesem Buch gesellt sich zur Freude des Lesens schnell eine aktive Freude dazu. Wer die mitreißenden Briefwechsel gelesen hat, wird inspiriert selber zu Papier und Feder greifen und seine Lust am eigenen Schreiben neu entdecken.
Welche 3 Wörter beschreiben das Buch optimal?
Titus Müller: Mitfühlen – Staunen – Ausprobieren.
Welche Reaktionen erhoffen Sie sich?
Gaby Trombello-Wirkus: Den Lesern bewusst zu machen, wie einfach es letztendlich sein kann,sich und anderen große Freude zu bereiten. Die Wertschätzung eines handgeschriebenen Briefes ist nachhaltig. Vielleicht bringt mir ein Gast ja bald anstelle eines Blumenstraußes ein paar handgeschriebene Zeilen mit? Ich würde mich riesig freuen!
Titus Müller: Den Mut dazu, sich zu vertiefen anstatt sich zu zerstreuen. Liebe zum Papier. Die Bereitschaft, ein paar Tage auf etwas Gutes zu warten. Wir hoffen auf eine neu entfachte Begeisterung fürs Briefeschreiben.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?
Welche Briefwechsel haben Sie am meisten berührt?
Hier können Sie dies nun tun:
Titus Müller: Die zupackende Liebe Rosa Luxemburgs. Und wie Robert Schumann und Clara Wieck den missbilligenden Schwiegervater mit heimlichen Briefen austricksten. Aber auch die Postkarten von Jurek Becker fand ich stark.
Gaby Trombello-Wirkus: Ich habe mit Robert und Clara gefiebert (und Claras Vater ein bisschen gehasst) und mir überlegt, wie unvorstellbar es heute für mich wäre, vom eigenen Mann einen Brief zu erhalten, wie den, der Maud von Ossietzky erreicht hat.
Hat das Buch in der aktuellen „Corona“-Situation einen besonderen Stellenwert?
Gaby Trombello-Wirkus: Auf jeden Fall. Auf der einen Seite haben wir durch die Pandemie einen Riesenschritt in Richtung Digitalisierung gemacht. In vielen Bereichen sicher wichtig und längst überfällig. Aber für Menschen, die den persönlichen Kontakt, das sensorische Erleben oder eine gewisse Ruhe zu einem glücklichen Leben brauchen, natürlich eine sehr schwierige Zeit. Das Lesen und das Schreiben mit der Hand sind besondere Momente, in denen wir entspannt abtauchen können. Wir lassen die Welt für einen Augenblick außen vor und sind ganz konzentriert und bei uns selbst.
Warum sind Briefe für Sie etwas Besonderes?
Gaby Trombello-Wirkus: Mit einem Brief hat man einen Teil der Person ganz nah bei sich. Auch wenn der Verfasser weit entfernt oder der Brief schon viele Jahre alt ist. Die Handschrift meiner Eltern, in den wenigen Briefen und Karten, die ich noch besitze, machen sie für mich wieder ganz lebendig.
Titus Müller: Ohne den jahrelangen Briefwechsel mit einem älteren Herrn im Rollstuhl, George Dunder (dem ich im Leben nur ein einziges Mal begegnet bin), wäre ich nicht Autor geworden.

 

 

 

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