Kolumnen Boekblad-Chefredakteurin Lucie Th. Vermij zum Gastlandauftritt Flandern/Niederlande

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Lucie Th. Vermij

Bei uns in den Niederlanden und in Flandern sind alle bereit: um das zweite Mal Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zu sein. 70 Autoren reisen an. Der Künstlerische Leiter von „Frankfurt 2016“, Bart Moeyaert, sagte zu Beginn des Jahres, er hoffe, daß deutsche Leser Ende des Jahres wissen, daß Erzählungen flämischer und niederländischer Autoren „ausgefallen“ und gefährlich sein können, daß es keine Tabus gibt und daß heftige Gesellschaftskritik geübt wird. Anfang Oktober steht der Zähler auf 454 neue Übersetzungen ins Deutsche, davon 306 literarische Titel.

Mit dem Boekblad, dem Fachblatt für Buchhandel und Verlage in den Niederlanden und Flandern, haben wir im vergangenen Jahr das Making-of des Gastlandauftrittes natürlich begleitet: das Programm im In- und Ausland. Denn das findet nicht allein in Frankfurt statt, das ganze Jahr über sind sich niederländische und flämische Autoren, die deutsche Öffentlichkeit und Verleger, Journalisten, Übersetzer, Autoren und Programmentwickler aus allen drei Ländern nähergekommen.

boekblDas Boekblad hat vergangenes Jahr beobachtet, wie die Zusammenarbeit zustande kam: Wir haben Marianne Schönbach interviewt, die in den Niederlanden eine bedeutende literarische Agentur betreibt, mit der sie nicht nur für die Verbreitung deutscher Literatur in unserem Land sorgt, sondern auch niederländische Autoren nach Deutschland bringt. Wir haben über den Hamburger Mairisch-Verlag geschrieben, der einen Monat im Amsterdam gearbeitet hat, um sich inspirieren zu lassen. „Euer Buchmarkt ist so großartig“, war der Eindruck der Hamburger. Und über den niederländischen Cossee-Verlag, der mit dem kompletten Team eine Woche lang bei Wagenbach in Berlin logiert hat. Wir sprachen mit der Übersetzerin Marlene Müller-Haas, deren Erfahrung ist, daß niederländische Autoren „umgangssprachlicher“ schreiben als die deutschen. Deutsche Lektoren wollen die Sprache oft glätten, ist ihr Erfahrung. Gerbrand Bakker zeigt sich sehr zufrieden mit den Klappentexten seines deutschen Verlags: „In Deutschland sind die Texte durchdacht, beinahe Rezension. Da denkt man: Schön, das stimmt.“ btb-Verlegerin Ursula Bergenthal, die in den Niederlanden erfahren hat, daß durch die Wirtschaftskrise im Land viel mehr Erneuerung zustande kam als in Deutschland. Und sie findet niederländische Autoren sehr relaxt und enthusiastisch. Selten leistet ein Gastland so viel Vorarbeit, sagte Nikolaus Hansen, Organisator des Harbour Front Festivals in Hamburg, der in diesem Jahr viele niederländische Autoren auf dem Podium hatte.

Wir selbst vom Boekblad waren im September ein Wochenende in Frankfurt und haben Buchhandlungen besucht, um zu sehen, was wir zu Hause vielleicht von den deutschen Kollegen lernen können. Keine Ahnung, ob Messebesucher da hin kommen – wahrscheinlich schon – wenn sie vom Messegelände in die Stadt wollen. Wir würden vorschlagen, einige Buchhandlungen in Frankfurt zu besuchen, so phantastische wie die Autorenbuchhandlung und das geschmackvolle und gemütliche Ypsilon, die immer beeindruckende Buchhandlung Hugendubel oder die einladend-begeisternde Krimibuchhandlung Wendeltreppe. Wir waren auch bei Land in Sicht, die im Gastlandpavillon den Buchverkauf für Autoren, die dort auftreten, organisiert. Die Niederlande sind in Sachen Buchhandel sehr innovativ, aber in Frankfurt haben wir Begeisterung für die Inhalte gesehen, die manchmal im niederländischen Buchhandel bei all den klugen Marketingaktionen etwas untergeht.

Wir haben für ein Buchmesse-Special mit Arnon Grunberg gesprochen, der die Eröffnungsrede der Buchmesse halten wird, zusammen mit der jungen flämischen Lyrikerin Charlotte van den Broeck. Er findet es spannend, er ist stolz, vor allem, weil seine Mutter stolz auf ihn gewesen wäre. Er weiß, daß wichtige Politiker anwesend sein werden, und er verspricht, ihnen was zu erzählen.

Der Gastlandauftritt bietet der niederländischen Buchbranche einen phantastischen Einstieg in Begegnungen mit eigensinnig-engagierten Menschen: Schriftstellern, Dichtern, Denkern, Übersetzern, Lektoren, Illustratoren, Spielemachern. Der niederländisch-flämische Pavillon ist ein wunderbar offener Platz, wo die Weite und Unendlichkeit unserer Küste zum Ausdruck kommt. Kommen Sie so zahlreich wie möglich zu unseren Podien – und suchen Sie die Begegnung mit neuen Menschen.

Lucie Th. Vermij
Chefredakteurin Boekblad
lucie@boekblad.nl

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