Das Sonntagsgespräch binooki-Verlag: Wir verlegen nur Titel, die uns überzeugen

Am Jahresanfang gegründet (s. BuchMarkt, Heft 4/2012, S. 11) – und jetzt schon mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis ausgezeichnet: Das hat Seltenheitswert. Der Berliner Verlag binooki nehme sich facettenreich und mit großer Lust Entdeckungen der türkischen Literatur an und demonstriere dabei, wie sich türkische und deutsche Kultur ganz ohne Klischees miteinander in Verbindung bringen lassen – so begründete die Jury ihre Wahl [mehr…].

Margit Lesemann sprach mit den Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels.

Mit welchem Ziel haben Sie binooki gegründet?

v.l.: Inci Bürhaniye, Selma Wels

Inci Bürhaniye: Wir haben beide ein Faible für türkische Literatur und finden es schade, dass sie in Deutschland nur wenig bekannt ist, obwohl hier doch viel und gerne gelesen wird. Meine Schwester ist Betriebswirtin, ich bin Wirtschaftsanwältin: Gute Voraussetzungen zur Führung eines Unternehmens.

Wie verlief der Start Ihres Programms im Jahr 2012?

Inci Bürhaniye: Unser Programm wurde sehr gut angenommen. Auch und vor allem von den deutschen Lesern bekamen wir positives Feedback.

Wie haben Sie den Buchhandel auf den neuen Verlag aufmerksam gemacht?

Selma Wels: Bisher ist der Buchhandel aufgrund der guten Presseresonanz von selbst auf uns aufmerksam geworden. Ab 2013 werden auch Vertreter für uns unterwegs sein. Dann arbeiten wir mit Indiebook zusammen.

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse erhielten Sie den [Virenschleuderpreis. Nun werden Sie in Leipzig den renommierten Kurt-Wolff-Förderpreis entgegennehmen. Hat Sie die Auszeichnung überrascht?]

Selma Wels: Oh ja. 2011 waren wir noch als Besucherinnen auf der Leipziger Buchmesse und haben uns gefragt, ob wir 2012 als Ausstellerinnen vertreten sein werden. Das haben wir geschafft. Wir haben aber nicht damit gerechnet, dass wir im Jahr darauf Preisträger sein würden. Als der Anruf von Stefan Weidle kam, war ich sprachlos, was eher selten der Fall ist. Unser erstes Jahr war körperlich und mental sehr anstrengend. Da ist ein solcher Anruf eine schöne Anerkennung.

Inci Bürhaniye: Der Preis ist eine wunderbare Überraschung und zeigt uns, dass wir auf einem richtigen Weg sind.

Wie finden Sie die türkischen Gegenwartsautoren?

Inci Bürhaniye: Türkische Literatur in der Originalsprache ist hierzulande schwer zu bekommen. Aber wir haben Kontakte zu Freunden in der Türkei; wir sind häufig im Land und stöbern in Buchhandlungen. Außerdem beobachten wir den Markt im Internet. Und wir stehen natürlich mit der Regenbogen Buchhandlung, der einzigen türkischen Buchhandlung in Berlin, in regem Kontakt.

Selma Wels: Auch unsere Autoren und Übersetzer geben uns Tipps und Hinweise und Agenten schlagen eine ganze Menge Titel vor. Aber hauptsächlich gehen wir danach, welche Bücher in der Türkei gelesen werden und die Menschen dort bewegen. Und wir verlegen nur Titel, die uns überzeugen.

Wie Sie schon sagten, ist türkische Literatur hierzulande wenig bekannt. Was empfehlen Sie deutschen Lesern als Einstieg?

Inci Bürhaniye: Alper Canıgüz‘ Roman Söhne und siechende Seelen eignet sich gut. Das schräge Buch ist aus der Sicht eines verblüffend klugen fünfjährigen Jungen erzählt. Es spielt in Istanbul und beschreibt das Zusammenleben der Menschen, die Straßen, die Nachbarn. Der Roman ist große Literatur und ein Streifzug durch die Kultur des Landes. Wer so eingestiegen ist, kann sich auch an einen Klassiker wie Warten auf die Angst wagen. Die schwarzhumorigen Erzählungen des mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers Oğuz Atay haben einen sehr schönen Stil, auch wenn sie keine ganz leichte Kost sind.
Leichter zu lesen ist Metin Eloğlu. Seine wunderbaren Erzählungen Fast eine Geschichte liebe ich sehr. Das Buch ist eine gesellschaftskritische Abhandlung über Istanbul und das Meer, über Männer, Frauen und Fische.

Welchen Klassiker sollte jeder kennen?

Selma Wels: Oğuz Atay ist ein Muss. Aber auch Ahmet Hamdi Tanpınar ist ein in der Türkei sehr populärer Autor. Auf Deutsch ist sein Roman Uhrenstellinstitut als Fischer Taschenbuch lieferbar.

Was erwartet Ihre Leser im Frühjahr?

Selma Wels: Ursprünglich waren zehn Titel pro Jahr geplant. Doch das wird zu viel – für uns und auch für die Leser. Wir wollen den Markt nicht überhäufen. In unseren ersten beiden Programmen sind acht Bücher erschienen, im Frühjahr werden zwei weitere hinzukommen.

Welche sind das?

Selma Wels: Die Leser, die Alper Canıgüz kennen, warten schon ganz gespannt auf sein zweites Buch Secret Agency, das im Januar erscheint. Der Roman steckt wieder voller Absurdität und Humor. Im März folgt Der hinkende Rhythmus von der türkischen Journalistin und Schriftstellerin Gaye Boralıoğlu. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte spielt im Istanbuler Roma-Viertel und erscheint in der Übersetzung von Recai Hallaç erstmals auf Deutsch.

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