Michael Reh über sein autobiografisches Buch "Katharsis" (Acabus) „Das Schweigen zu brechen, ist wichtig!“

Michael Reh

In seinem neuen, auf autobiografischen Elementen basierenden Roman Katharsis (Acabus Verlag) verarbeitet der international bekannte Modefotograf Michael Reh seine persönlichen, sehr schmerzhaften Erlebnisse. Er erklärt: „Das Schweigen zu brechen, ist wichtig. Nicht nur für mich, sondern hoffentlich auch für andere, die das Buch lesen. Jeder und jede, dem und der ein sexueller Missbrauch angetan wurde, erkennt sich vielleicht in den beschriebenen Reaktionen wieder und dann auch in den Möglichkeiten, damit umzugehen.“ Anlass für Fragen an den Autor:

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?

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Michael Reh: Katharsis ist ein Roman, der auf autobiografischen Elementen beruht, auf Dingen, die ich selbst erlebt habe. Es ist die Geschichte einer Familie in Deutschland, die sich über ein Jahrzehnt zieht. Ein Roman über Tabuthemen wie Selbstmord, sexuellen Missbrauch, Drogen und Scham, erzählt am Beispiel der Zwillinge Max und Nikolas.

Ich möchte den Leser an der Entwicklung der Familie teilhaben lassen, um zu verdeutlichen, dass Schweigen und Tabus Auswirkungen auf alle Mitglieder der Familie haben.  Max ist ein erfolgreicher, aber von den Dämonen seiner Kindheit traumatisierter Fotograf in New York, der nach 20 Jahren in sein Heimatdorf ins Ruhrgebiet zurückgeht. Sein Zwillingsbruder hat einen Doppelmord begangen. Max versucht, das Geflecht aus Schuld, Scham und Lügen aufzuklären, und konfrontiert seine Familie mit der Wahrheit. Aber auch er muss sein eigenes Schicksal erkennen. Der Roman ist eine Mischung aus Familiendrama, Thriller und Psycho-Krimi, aber auch die Erforschung der Psyche der beiden Hauptprotagonisten, die vor dieser Auseinandersetzung nicht mehr fliehen können und es auch letzten Endes nicht mehr wollen.

Wieso hatten Sie das Bedürfnis, über so ein brisantes Thema zu schreiben?

Ich habe das Buch immer im Hinblick darauf geschrieben, meine Geschichte zu erzählen und Missbrauch zu erklären. Die Hauptfiguren sind Zwillinge, die auch nicht miteinander sprechen, weil der Missbrauch sogar zwischen ihnen ein Tabu ist und ihnen nicht beigebracht wurde zu vertrauen und sich mitzuteilen. Das Schweigen zu brechen, ist aber wichtig. Nicht nur für mich, sondern hoffentlich auch für andere, die das Buch lesen. Jeder und jede, dem und der ein sexueller Missbrauch angetan wurde, erkennt sich vielleicht in den beschriebenen Reaktionen wieder und dann auch in den Möglichkeiten, damit umzugehen.

Für meine eigene Geschichte habe ich bewusst die Romanform gewählt und nicht die Autobiografie, da ich nicht nur meine, sondern auch die Geschichte vieler anderer Überlebender von Missbrauch erzählen wollte: die verschiedenen Formen des Missbrauchs und dessen jahrzehntelange Konsequenzen für die Missbrauchten, die Täter und die Familien. Eine Autobiografie wäre da zu einseitig, da ich als Autor auch anhand von inneren Monologen die unterschiedlichen Personen beleuchten kann. Die Handlung einer einzelnen Person, in diesem Fall die Täterin, hat Auswirkungen auf alle Beteiligten in der Familie, auch über den Tod hinaus!

Glauben Sie, dass heute noch viel zu wenig über solche Themen gesprochen wird?

Auf jeden Fall! Missbrauch ist immer noch ein Tabuthema, da es an unsere Wurzeln geht, an die Familie. In meinem Fall ist der Täter eine Frau, meine Tante. Dass Frauen missbrauchen, ist immer noch etwas, das verschwiegen wird: ein Tabu im Tabu! Männer empfinden große Scham, wenn ihnen so etwas widerfährt. Sie fühlen sich erniedrigt, entmannt. Das Frauenbild, soweit es das gibt, wird da extrem angegriffen, weil viele nicht wahrhaben wollen, dass auch Frauen Täter sind. Ein schwieriges Thema innerhalb der Me-Too-Debatte.

Die größte Verletzung über die Jahrzehnte war der Unglaube und das Nicht-Akzeptieren seitens der Familie. „Das hat nicht stattgefunden, du denkst dir das nur aus, du hast ein Problem, du bist schwierig, du machst Theater“ . Man wird mit dem Missbrauch alleingelassen und in die Isolation getrieben, das macht es noch schlimmer. Später im Leben Vertrauen zu fassen und eine Beziehung zu führen, ist da kaum möglich. Deswegen verdrängen viele (Männer) den Missbrauch!  Missbrauch ist de facto ein Lebensthema. Auch für jeden, der das Trauma nicht verdrängt, bleibt es ein Lebensthema. Ich habe mich dazu entschlossen, mich damit auseinanderzusetzen, nachdem die Erinnerung wieder hochkam. Da habe ich gemerkt, dass man sich entscheiden kann, ob man den Weg des Erkennens, was da passiert ist, gehen will. Ich benutze bewusst den amerikanischen Begriff  „survivor“ , also Überlebender, anstatt Opfer, denn als survivor setzt man sich aktiv auseinander und kann aus der Opferrolle aussteigen.

Darüber zu schreiben fiel Ihnen sicher entsprechend schwer, oder empfanden Sie dies auch in einer Art als befreiend? Und was genau bedeutet eigentlich Katharsis?

Sowohl als auch. Der Titel spricht für sich. Katharsis bedeutet so etwas wie ein Prozess der inneren Reinigung, eine Befreiung der Seele. Ich habe dieses Buch aber von Anfang an als Roman konzipiert in Hinblick darauf, viele Menschen zu erreichen. Ich habe in den Jahren, bevor ich das Buch geschrieben habe, bereits viel an mir selbst gearbeitet, unter anderem in Gesprächstherapien, die sehr wichtig und hilfreich waren. Das Schreiben befreit insofern, als dass das Erlebte auch empfunden werden kann, und somit das Thema auch aufgelöst wurde, unter dem ich sehr lange litt.

Welche Leserschaft wollen Sie mit dem Buch ansprechen?

Ich möchte verschiedene Gruppen mit meinem Buch ansprechen. Ich selbst bin ein großer Fan von Thrillern, von Autobiografien, von wahren Geschichten. Ich habe ein spannendes Buch geschrieben, ein ehrliches Buch, und hoffe, dass es viele Leser, die auch Thriller, Familiendramen und Autobiografien mögen, anspricht, denn diese Elemente finden sich in dem Buch wieder.

Auch möchte ich Männern, denen Ähnliches widerfahren ist, die auch Opfer/Survivor von sexuellem Missbrauch sind, eine Stimme geben, ein Me-Too-Erlebnis. Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht alleine dasteht, dass es auch anderen passiert! Ich hoffe, mit dem Buch Bewusstsein zu schaffen, gerade auch bei Eltern und Angehörigen. Wenn ihr Kind sich extrem verändert, nicht mehr spricht, nicht mehr angefasst werden möchte, Alpträume entwickelt. Hingucken, hinhören, dem Kind Zeit lassen, nie drohen, nie ungeduldig werden, eine Sicherheit bieten.

Und das Thema zu enttabuisieren, dass auch Frauen Täterinnen sein können. Ein Fünftel aller Täter sind Frauen. Beim Missbrauch geht es um Macht. Ein Weg aus dem Tabu ist es, Missbrauch öffentlich zu thematisieren! Zu erkennen, dass es keine Schande ist, missbraucht worden zu sein, dass es anderen passiert.

Und der Buchhändler, mit welchem Argument kann der das Buch gut verkaufen?

Es ist eine Familiengeschichte, es geht um brisante Themen. So ein Buch hat es noch nicht gegeben, da das Zentralthema Sexueller Missbrauch, der von Frauen begangen wurde, noch nicht in einem Roman so deutlich literarisch herausgearbeitet wurde. Und es basiert auf einer wahren Geschichte! Schonungslose Wahrheit!

Was lesen Sie privat gerne/aktuell?

Stieg Larsson, Dörte Hansen, Joachim Meyerhoff, Sebastian Fitzek, Hildegard Knef, Stefan Zweig, Jeffrey Eugenides, Klaus Mann.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?

Sie schlüpfen im Buch auch in die Figur der Täterin …Warum?

Hier können Sie dies nun tun:

Ich habe versucht, alle Figuren durch innere Monologe zu erklären – die positiven wie die negativen. Und da war es einfach wichtig, auch einen Monolog dieser Täterin zu haben, um zu erklären, was ihr an ihrem Verhalten bewusst ist und was nicht. Der Leser liest die Gedanken dieser Person und kann sich damit ein eigenes Bild machen. Ich habe dazu natürlich auch viel recherchiert und habe die Täterin mit den Augen eines Psychologen betrachtet.

 

 

Kommentare (7)
  1. Hallo Michael, das ich heute Dich mit dem Thema Mißbrauch bei Betrifft im WDR gesehen habe, kann ja wohl kein Zufall sein. Da ich heute in meiner Therapiesitzung genau mit dem Thema im Kontakt war, was ich ebenfalls über Jahrzehnte vermieden habe. „Wir sind jetzt in Sicherheit!“ Danke für Deinen Mut, Deine innere Stärke , sowie Offenheit und Motivation einen wesentlichen Beitrag zur „Heilung“ vieler Menschen zu leisten! Alles Beste für Dich von Petra

  2. Ich habe die Gesprächsrunde im Kölner Treff mit Michael Reh verfolgt. Ich bewundere seine Kraft und Mut. Er ermutigt mich, sich für das Thema „sexueller Missbrauch an Kindern“ weiterhin zu engagieren. Wir stehen damit am Anfang, aber ich bin optimistisch, zunächst das Thema aus der Tabuzone herauszubekommen. Die Verjährung bei sexuellem Kindsmissbrauch muss aufgehoben werden. Es ist sehr schwer, Unterstützung und Ansprechpartner zu finden.

  3. Katharsis…..werde das Buch lesen!

    Hallo
    Michael Reh hat ein Thema aufgegriffen, dass mich auch betrifft.
    In meiner Therapiezeit ist ein Buch entstanden, nicht veröffentlicht, was mit Verarbeitung in meinem INNEREN
    zu tun hat. Es hilft auf eine ganz besondere Art, aus dem INNEREN DILEMMA herausfinden. Worte und Zeichnungen sind von mir. Wer kann mir, bei einer Veröffentlichung helfen?
    Danke Jgr

  4. Hallo lieber Michael….Deine Geschichte..ist meine…auch wenn ich eine Frau bin….von 4 Jahren bis 12 von der eigenen Mutter …der Schmerz ist machmal unerträglich…
    ich bin heute Krankenschwester..empathisch…gefühlvolll…für die „die anderen Menschen“,,,Danke…auch wenn es mich Viel Tränen gekostet hat DEIN Beitrag!!!!

  5. Hallo Michael ich habe dich auch gesehen und gehört beim Kölner Treff.Du bist der erste den ich höre der über Missbrauch durch eine Frau geredet hat.Mir ist es als sehr kleines Kind mit meiner Mutter so ergangen.Erst jetzt kann ich darüber Reden. Ich danke dir ,dass du die Kraft und den Mut gefunden hast ,dieses schreckliche Geschehen öffentlich zu machen.Ich habe dein Bich bestellt.Weiterhin nur noch das Beste.

  6. Hallo Michael, ich habe dich gesehen und gehört beim“ Kölner Treff“. Du bist der erste, den ich erlebt habe , der über Missbrauch durch eine Frau gesprochen hat. Mir ist es als sehr kleines Kind mit meiner Mutter so ergangen. Erst jetzt kann ich darüber Reden. Ich danke dir, dass du die Kraft und den Mut gefunden hast, dieses schreckliche Geschehen öffentlich zu machen. Weiterhin nur noch das Beste. Ich warte mit Spannung auf dein Buch.

  7. Guten Tag Herr Reh,
    auch ich habe Sie im Kölner Treff gesehen, habe mir umgehend Ihr Buch bestellt und direkt gelesen. Danke für Ihre schonungslose und berührende Offenheit.
    Ich bin 67 Jahre alt, Mutter von 5 Kindern, Diplom-Psychologin und habe missbrauchte und misshandelte Kinder und Jugendliche begleitet, ihnen die Möglichkeit, die Zeit und den Raum gegeben, über ihr Trauma zu reden, zu malen usw.
    Danke

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