Susanne Kasper und Lara Keilbart über die 2017 ins Leben gerufene "Phantastik-Bestenliste" „Die Phantastik ist das Vielfältigste, das die Literatur zu bieten hat!“

Lara Keilbart

Die Phantastik-Bestenliste startete im Oktober 2017, um zu zeigen, dass dieses Genre mehr kann als Zwergen und Elfen. Welche Stolpersteine es noch immer zu überwinden gibt, verraten Susanne Kasper und Lara Keilbart im Gespräch.

BuchMarkt: Die Phantastik-Bestenliste existiert nun schon seit zwei Jahren. Warum wurde sie ins Leben gerufen und was unterscheidet sie von anderen Bestenlisten?

Susanne Kasper

Lara Keilbart: Die initiale Idee für die Phantastik-Bestenliste wurde im Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) e.V. geboren. Genre-Literatur polarisiert auf verschiedenen Ebenen und noch immer findet gerade die Phantastik, zu der wir Horror, Fantasy und Science-Fiction-Literatur zählen, eher in der „Nerd-Nische“ ihren Platz. Sie wird etwas schiefer angesehen, denn eigentlich lesen das nur Jugendliche oder Menschen, die nicht erwachsen werden wollen. So jedenfalls die klischeehafte Meinung. Dass Phantastik aber so viel mehr als Zwerge und Elfen sein kann, wollen wir jeden Monat mit der Phantastik-Bestenliste zeigen. Phantastik, die politisch ist oder Gesellschaftskritik übt. Phantastik, die Experimente mit Sprache und Ideen macht und die Gehirne der Leser:innen durcheinander wirbelt. Die Phantastik-Bestenliste ist in dieser Form einzigartig für dieses Genre – soweit uns bekannt ist, gibt es sogar weltweit nichts Vergleichbares für das Genre. Diesen Monat feiert die Liste ihr zweijähriges Jubiläum.

Was ist euch diesen beiden vergangenen Jahren beim Erstellen der Liste aufgefallen?

Susanne Kasper: Bei so einer großen Jury wie der unseren mussten wir erst Abläufe entwickeln, die für die künftige Zusammenarbeit sinnvoll erscheinen: Wann müssen die Nominierungen abgegeben werden, damit die Liste noch rechtzeitig erscheint? Wo recherchiert man und gewinnt einen umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen? Aber natürlich auch: Welche Bücher kommen infrage? Die Liste hat sich im Laufe der Zeit organisch verändert und sie entwickelte eigenständig mehr Diversität. Immer mehr Frauen und BPoC tauchten auf der Liste auf, weil die Jury immer mehr Recherche-Routine gewann und damit viele Bücher entdecken konnte, die einem normalerweise entgehen. Und genau das ist Sinn und Zwecke der Liste. Augen öffnen für die Vielfalt und Diversität der Phantastik.

Lara Keilbart: Die Bereitschaft zum Hinterfragen von sich selbst und zum Lernen muss da sein, damit etwas vorwärts gehen kann. Klar, das läuft nicht immer reibungslos und gerade zu Beginn gab es immer wieder mal kleinere Diskussionen. Aber so läuft das eben in progressiven, demokratischen Veränderungsprozessen.

Welches sind die Problemstellen der Genreliteratur?

Susanne Kasper: Wie schon erwähnt, ist uns Diversität auf der Liste sehr wichtig. So wollen wir nicht nur immer die üblichen Verdächtigen nominieren, sondern auch unbekanntere Namen und kleinere Verlage. Auch Mut zu bestimmten Themen sollte Anerkennung finden. Aber manchmal reicht das nicht aus und noch immer wird mit der Phantastik vor allem der Name Tolkien in Verbindung gebracht und die Leser:innen erwarten kämpfende Zwerge und Elfen. Trotzdem ist es uns wichtig zu zeigen, was eigentlich noch fehlt, anstatt “Was verkauft sich gut?”

Was sind denn die Ursachen für die Probleme?

Susanne Kasper: Die Gesellschaft verändert sich gerade stark und das tut vielen Menschen weh. Sie schreien umso lauter, wenn sie beispielsweise die Sprache in Gefahr sehen und empfinden Diversität und geschlechtergerechte Sprache als persönlichen Angriff. Man erhält deshalb Gegenwind aus verschiedenen Richtungen, so zum Beispiel vor kurzem bei Wikipedia, als sich die dortigen vorwiegend cis männlichen Editor*innen gegen die Erstellung einer Liste der Phantastik-Autorinnen aus fadenscheinigen Gründen gewehrt haben. Dieses sogenannte „Gatekeeping“, diese elitäre Türsteher-Mentalität zu überwinden, ist noch immer schwer. Auch die Phantastik-Szene selbst ist – wie übrigens auch die Buchbranche – gespalten und gräbt sich gegenseitig das Wasser ab, anstatt sich zu unterstützen. So erfährt die Phantastik-Bestenliste von den „Großen“ auch nur dann Beachtung, sobald sie selbst nominiert wurden. Man muss sich also nicht wundern, dass das Genre nicht aus der Nische kommt.

Ist das ein eher deutsches Problem?

Lara Keilbert: Die deutsche Phantastik bildet noch immer zu selten echte Gesellschaftsprobleme ab. Sie ist wenig politisch und verschläft damit wichtige Themen, die Menschen bewegen. Das können andere Länder tatsächlich besser oder anders gesagt: Sie haben diese Diskussionen oft schon geführt, wie etwa die Hugo Awards in den USA oder die aktuelle Booker Prize Auszeichnung zweier Frauen, eine davon eine Women of Color zeigen, deren Werke mit der Phantastik verwoben sind.

Was kann Phantastik? Wo steckt das Potential (welches verschlafen wird)?

Lara Keilbart: Die Phantastik ist das Vielfältigste, das die Literatur zu bieten hat! Sie erzählt uns von dem Potential des Möglichen – im Guten wie im Schlechten. Durch die Phantastik können wir Szenarien unserer Zukunft durchspielen, können die Vergangenheit und Gegenwart reflektieren und völlig neue Ideen ausspielen. Sie kann Warnung und Antrieb sein. Und sie ermöglicht sozio-kulturelle Annäherung aller Menschen in unserer globalisierten Welt indem sie die großen, wichtigen und oft schwierigen Themen zugänglich und nachvollziehbar macht.

Ist die deutsche Phantastik visionär?

Susanne Kasper: Bisher ist das leider selten der Fall. In erster Linie werden bekannte oder naheliegende Stoffe, Themen und Narrative verwendet und Vorlieben bedient. Das heißt nicht, dass sich die deutsche Phantastik nicht weiter entwickelt, nur fehlen bisher die großen, neuen Ideen. Jedenfalls im internationalen Vergleich. Das liegt sicherlich auch zu einem großen Teil an der Verlagspolitik, was als erfolgsversprechend gesehen wird.

Wie sollte sich die Buchbranche entwickeln?

Susanne Kasper: Sie sollte mutiger werden und sich mehr unterstützen in ihren neuen Ideen. Sie sollte politischer werden und sich für mehr Diversität positionieren. Das muss aber dann auch entsprechend vermarktet werden und nicht nebenbei laufen oder als Experiment.

Franziska Altepost

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