Daniel Kampa über "Lacroix und die Toten vom Pont Neuf" von Alex Lépic und über das Rätselraten um dessen Autor „Wenn ein Autor ein geschlossenes Pseudonym wünscht, muss sich der Verlag daran halten“

Daniel Kampa: „Simenon hat diese Art von Krimi erfunden, der, im Gegensatz zu Conan Doyle und Agatha Christie, nach der einfachen Formel funktioniert: Intuition statt Indizien, Psychologie und Atmosphäre statt Action. Ohne Maigret gäbe es weder Donna Leon noch Martin Walker noch Jean-Luc Bannalec oder eben Alex Lépic“

Derzeit rätseln die Medien und auch wir (siehe unsere Meldung), wer sich hinter dem Pseudonym Alex Lépic verbirgt, der für den Kampa Verlag den Paris-Krimi „Lacroix und die Toten vom Pont Neuf“  geschrieben hat. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit dessen Verleger Daniel Kampa, dem die Branche durchaus auch auch die Autorenschaft des Aufsteigers der Woche zutraut:

Herr Kampa, warum machen Sie so ein Geheimnis um den Autor?

Daniel Kamapa: Das war keine Absicht. Wenn ein Autor ein geschlossenes Pseudonym wünscht, muss sich der Verlag daran halten, abgemacht ist abgemacht. Wir sind darüber gar nicht froh, denn es schränkt die Pressearbeit enorm ein und verhindert Buchpremieren, Interviews oder Lesungen. Außerdem vermuten einige Buchhändler und Journalisten, dass das Buch ein reines Marketingprodukt ist, dabei hat der Autor sehr lange in Paris gelebt und kennt die Stadt wie seine Westentasche. Das könnte man bei Lesungen oder in Foto-Reportagen wunderbar zeigen.

Jetzt sind ja die wildesten Gerüchte im Umlauf.

Ja, Ulrich Wickert und Rainer Moritz wurden am häufigsten genannt, in den Reisegebieten im Norden kam sogar das Gerücht auf, Sebastian Fitzek würde hinter dem Pseudonym stecken. Aber auch das müssen wir dementieren. Ich fühle mich seit Wochen wie ein Regierungssprecher, der immerzu dementieren muss – auch, dass ich den Roman selbst geschrieben haben soll. Ich kann nicht einmal Klappentexte schreiben, die müssen von meinen Lektorinnen immer mehrfach korrigiert werden!

Aber dass man Ihnen zutraut, Sie würden auf Dr. Bongs Spuren wandeln, das schmeichelt Ihnen nicht? 

Ich gebe zu, weil ich Jörg Bong und seine Bücher sehr schätze. Uns beide verbindet außerdem unsere Simenon-Leidenschaft. Im letzten Bannalec, Bretonisches Vermächtnis, hat er Maigret sozusagen einen Cameoauftritt verschafft. Und er hat auch ein Nachwort für unsere Neuedition geschrieben, über den Roman Maigret amüsiert sich.

Hat das Einfluss auf den Verkauf?

Sehr! Maigret und der gelbe Hund, der auch in Concarnau spielt, ist der Maigret, den wir am schnellsten nachgedruckt haben.

(Durch Klick auf Cover mehr zum Buch)

Ich hätte jede Wette gehalten, dass Sie der Autor sind, noch nie habe ich bei der Lektüre eines Krimis so gespürt, dass das Buch mit jeder Faser professionell auf einen großen Markt konzipiert ist. Und trotzdem sticht es von der Qualität aus dem Durchschnitt heraus.

Das freut mich zu hören, aber die Zielgruppe für einen Pariskrimi ist ja auch gewaltig. Vielleicht hat der Autor den Satz von Goethe beherzigt: »Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.« Vor allem aber ist der Autor ein echtes Erzähltalent, das spürt man.

Er hat sehr professionell mit jeder Zeile des Romans  die Zielgruppe bedient … 

… was uns  dann doch auch Kritik eingebracht hat. Es heißt etwa, der Roman sei voller Klischees.

Die will man dann doch lesen, das geht doch gar nicht anders im Massenmarkt.

Ja, man kann gar nicht über Paris schreiben, ohne in diese Falle zu tappen, die ganze Stadt ist doch ein Klischee. Schon bei Maigret ist sie das. Die New York Times hat einmal geschrieben, dass Paris vielleicht gar nicht existiert, sondern eine Erfindung von Simenon und seinem Maigret ist. Bei einem neuen Pariskrimi denkt doch jeder sofort an Maigret. Als ich das Manuskript von Lacroix und die Toten vom Pont Neuf gelesen habe, habe ich nicht nur sofort gedacht: Das bringe ich als Buch heraus, sondern war auch verblüfft. Alex Lépic hat wunderbar die Flucht nach vorne angetreten. Es ist eine geniale Idee, die großen Fußstapfen nicht zu fürchten, sondern mit dem Vergleich zu spielen und einen Ermittler zu erfinden, der ein wenig altmodisch ist und immer wieder mit Maigret verglichen wird, was ihm gehörig auf die Nerven geht. Und eines kann ich verraten: Natürlich ist der Autor ein großer Simenon- und Maigret-Fan und die Lépic-Reihe auch als moderne Hommage gedacht. Wie bei Bannalec.

Der Markt ist ja überschwemmt von Me-too-Produkten.

Wenn sie gut gemacht sind, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Ich sehe das sehr gelassen, denn jeder psychologische, atmosphärische Krimi, der heute erscheint, ist im Grunde genommen eine Imitation – von Maigret. Simenon hat diese Art von Krimi erfunden, der, im Gegensatz zu Conan Doyle und Agatha Christie, nach der einfachen Formel funktioniert: Intuition statt Indizien, Psychologie und Atmosphäre statt Action. Ohne Maigret gäbe es weder Donna Leon noch Martin Walker noch Jean-Luc Bannalec oder eben Alex Lépic. Ich liebe Maigret über alles, aber es ist doch auch schön, dass es neue Krimis gibt.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

 

 

 

 

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