Julia Kohli über ihr Buch "Böse Delphine" (Lenos) „Ich hätte noch böser schreiben können, eine weibliche Protagonistin muss nicht sympathisch sein“

Ihr Manuskript Böse Delphine wurde 2018 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Prosadebütmanuskript ausgezeichnet und ist nun beim Lenos Verlag erschienen. Die Autorin Julia Kohli vermittelt in ihrem Roman das Lebensgefühl einer Generation zwischen Coolness und Verlorenheit, zwischen Ironie und Intimität. Die Protagonistin  fühlt sich nirgends  ganz zugehörig, überall entdeckt sie Absurditäten im scheinbar Normalen – Anlass für Fragen an die in der Schweiz lebende Autorin:

Julia Kohli: „Ich habe ein Buch geschrieben, das ich während mancher Krise selber gerne gelesen hätte. So im Sinn von: Schau, es gibt noch andere, die den ganzen Wahnsinn hier nicht fassen können, aber trotzdem irgendwie weitermachen, ohne zu abgefuckten Arschlöchern zu mutieren“

BuchMarkt: Worum geht es im Buch?

Julia Kohli: Es geht um eine junge Frau namens Halina, die sich Gedanken macht. Unter anderem über ihre Zukunft und ihre Existenz, aber auch über einen Archäologen. Sie hat spät mit dem Studium begonnen und verkauft in einem Flughafenkiosk Bücher. Viele Leute in ihrem Zürcher Umfeld gehen ihr gewaltig auf die Nerven, doch sie behält die Faust im Sack. Irgendwie glaubt Halina auch, den Anschluss verloren zu haben – es stellt sich aber die Frage, ob der Anschluss nötig ist – und eine Beziehung wirklich erstrebenswert. Eingeflochten in die Geschichte ist zudem der Gedanke, dass die Vergangenheit uns stets näher ist, als wir denken. Das erfährt die Protagonistin, während sie ihre Geschichtsarbeit schreibt und sie ihr Gewissen quält, da sie Autobiographie ihres Großvaters noch nicht gelesen hat.

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Was ist die Intention dahinter?

Ich habe ein Buch geschrieben, das ich während mancher Krise selber gerne gelesen hätte. So im Sinn von: Schau, es gibt noch andere, die den ganzen Wahnsinn hier nicht fassen können, aber trotzdem irgendwie weitermachen, ohne zu abgefuckten Arschlöchern zu mutieren. Es gibt mir zu viele stromlinienförmige Charaktere in Büchern, entweder tummeln sich da apokalyptisch depressive Gestalten oder dann süss-melancholische Blümchenkleider tragende Frauen, die sich irgendwo auf Sofas räkeln und eigentlich nur Kinder wollen.

Wie entstand die Idee?

Gegen Ende 30 habe ich gemerkt, dass ich ganz gerne schreibe. Dann kam die Torschlusspanik vor dem 40. Geburtstag und ich dachte, ich muss bis dann ein Buch geschrieben haben. Zunächst schwebte mir ein Krimi vor, eine Rachegeschichte im Stil von „Kill Bill“ im Zürcher Kreis 4. Dann stellte ich fest, dass dies einen enormen Rechercheaufwand mit sich brächte (Krimi-Autoren verdienen Respekt!). Für ein solches Projekt hatte ich schlicht keine Zeit, denn bis zum Einsendeschluss des Studer/Ganz-Wettbewerbs, den ich durch Zufall entdeckt hatte, waren es noch 4.5 Monate. Also beschloss ich, meine eigenen Erfahrungen als Grundlage zu nehmen. Auch ich habe mal am Flughafen gearbeitet und daneben studiert. Das Buch ist also eine Art Autofiktion. Nichts hat sich genau so ereignet, wie es im Buch steht, aber alles basiert auf Erlebnissen von mir und meinen Bekannten.

Wenn Sie noch etwas am Buch ändern könnten, was wäre das?

Es hätte ruhig böser sein können. Ich habe mich etwas zurückgehalten, das bereue ich. Eine weibliche Protagonistin muss nicht sympathisch sein – das schreib ich mir für meine nächsten Projekte hinter die Ohren.

Sie sind eine unbekannte Autorin und trotzdem liegt Ihr Buch schon in der 2. Auflage vor, wie erklären Sie sich das? 

Die Rezension von Paul Jandl in der NZZ ging durch irgendeinen Algorithmus im Internet viral, deshalb gab es in Deutschland eine relativ hohe Nachfrage. Und: Viele LeserInnen sagen, ich treffe einen Nerv.

Welche Leserschaft soll angesprochen werden?

Mein Buch ist für keine spezifische Leserschaft gedacht. Ich erhalte positive Rückmeldungen von sehr unterschiedlichen Menschen: vom jungen Physiotherapeuten bis zur rüstigen Rentnerin, von links bis bürgerlich.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Der überraschende Debüterfolg des Frühjahrs :-) Vielleicht hilft auch der Hinweis darauf, dass viele LeserInnen den Roman zu kurz fanden und gerne mehr gelesen hätten?

Welche drei Wörter umschreiben das Buch optimal?

Hart aber herzlich.

Wird es eine Fortsetzung geben?

Ich weiß es noch nicht.

Ist ein neues Buch in Planung?

Ich spiele mit dem Gedanken, einen Kurzgeschichten-Band zu schreiben. Es sind bereits über fünfzehn Stories aufgegleist.

Was lesen Sie aktuell?

Ich lese gleichzeitig Carolin Emcke, Edouard Louis, Chimamanda Ngozi Adichie, Hannah Arendt, Sibylle Berg, Judith Butler, Lidia Yuknavitch, Janet Frame, Ece Temelkuran. Ja, fast alles Frauen. Ich bin froh, dass es diese Stimmen in der Literatur gibt.

 

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