Dietrich Krauß über "Die Rache des Mainstreams an sich selbst" „Satirisch, politisch und multiperspektivisch“

Dietrich Krauß (c) Andreas Horn

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Überraschend tauchte in dieser Woche erstmals das Buch Die Rache des Mainstreams an sich selbst (Westend) auf der Spiegel-Bestsellerliste auf (Paperback Sachbuch) – Anlass darüber mit dessen Herausgeber Dietrich Krauß zu sprechen. Er ist der verantwortliche Redakteur der Kultsendung DIE ANSTALT. Im Buch zum 5. Geburtstag der Satiresendung schreiben Macher und Mitstreiter, Fans und Kritiker über das Phänomen Anstalt. Mit Max Uthoff, Claus von Wagner, Dietrich Krauß, Mely Kiyak, Norbert Blüm, Gabriele Krone-Schmalz, Hans Hoff, HG Butzko, Joe Bauer u.v.a.

BuchMarkt: Worum geht es im Buch?

Dietrich Krauß: Satiresendungen wie die Anstalt werden zusehends als kritische Gegenöffentlichkeit zu den großen Leitmedien wahrgenommen, viele sehen in Heute Show und Co sogar die eigentlichen Nachrichtensendungen. In dem Sammelband gehen  Macher, Gäste und Experten diesem Phänomen auf den Grund: Sie beschreiben wie die Sendung entsteht, geben einen tieferen Einblick in die Themen, die die Anstalt aufgegriffen hat und diskutieren das Verhältnis von Journalismus und Satire.

Durch Klick aufs Cover gehts zum Buch

Wie entstand die Buchidee?

Markus Karsten vom Westendverlag hatte die Idee zu einem Buch zum fünften Geburtstag der Anstalt. Sonst hätten wir unser Jubiläum wahrscheinlich sogar verpennt. Im Gespräch mit ihm kristallisierte sich dann für ich die Idee heraus, dass das Buch wie die Sendung auch ein Hybrid aus Unterhaltung und Journalismus werden sollte.  Einerseits geht es ums Kabarett und wie es gemacht wird unter anderem auch im Gespräch mit Max Uthoff und Claus von Wagner.  Oder in den Beiträgen von Gastkünstlern wie Arnulf Rating und HG Butzko. Dementsprechend geht es in dem Buch ein bisschen zu wie beim Tag der offenen Tür, wenn die Anstalt ihre Pforten öffnet.  Die Leser können sich einfach  in der Satire-Anstalt umschauen und erfahren aus der Sicht von Machern und Gästen wie die Sendung entsteht und arbeitet. Neben diesem Werkstattbericht, liefert das Buch einen Rückblick auf die wichtigsten Sendungen  und zwar aus der Sicht der speziellen Gäste und Experten die ihren Themen in die Anstalt hineingetragen haben.

Und dann gibt es noch einen feuilletonistischen Teil, in dem Journalisten und Wissenschaftler über den Boom der informativen Satire nachdenken und was das über den Zustand des Journalismus aussagt. Wir sind jedenfalls alle froh, dass wir uns diesen Stress neben der TV Arbeitgemacht haben, denn sonst hätten wir die vielen Geschichten rund um die Sendung niemals so konzentriert aufgeschrieben. Allein  zu erfahren unter welchen Umständen ,der legendäre Auftritt des Syrischen Flüchtlingschors  zustande kam war die Mühe  wert. Oder die brilliante Analyse unseres griechischen Gastes Argyris Sfountouris über deutsche Schuld und griechische Schulden.

Warum kommt es auf die Bestsellerliste? Liegt es am Thema?

Die Sendung ist in den letzten Jahren  zu so etwas wie einer Instiution kritischer Gegenöffentlichkeit geworden: Rund 2,5 Millionen Zuschauer verfolgen die Anstalt regelmäßig  live vor dem Bildschirm, dazu kommen manchmal nochmal so viele in den sozialen Netzwerken, darunter auch viele junge Zuschauer: Mit ihrem Konzept ein politisches Thema pro Sendung unterhaltsam satirisch aufzuarbeiten haben wir offenbar einen Nerv getroffen. Viele betrachten die Anstalt als einen barrierefreien Einstieg in die Politik.  Manche Themen, die in der aktuellen Berichterstattung nur zersplittert auftauchen werden hier im Zusammenhang zugespitzt präsentiert und ebenso allgemeinverständlich wie unterhaltsam  aufbereitet. So dass – auch Lehrkräfte immer wieder auf die Sendung zurückgreifen.

Wie kann ein Buchhändler wem mit welchen Argumenten das Buch am besten verkaufen?

Für jeden Fan der Satire Sendung die Anstalt bietet das Buch die einmalige Chance einen Blick hinter die Kulissen der Satiresendung zu werfen. Hier erfährt er die ganzen Geschichten zu berühmten Anstaltsmomenten und zwar aus der Feder der Anstaltsgäste selbst: Die Opernsängerin Cornelia Lanz erzählt, wie  es zum syrischen Flüchtlingschor kam. Das griechische SS-Opfer Argyris Sfountouris bewertet das Verhältnis von Griechenland und Deutschland und berichtet von den Reaktionen auf die Sendung in Griechenland.

Aber auch Leser die sich weniger für Kabarett an sich , als vielmehr für die politischen Themen interessieren, die dort verhandelt werden, kommen in dem Buch auf ihre Kosten: Norbert Blüm schreibt über die Meinungsmache gegen die gesetzlichen Rente und wie sie in der Anstalt entlarvt wurden. Uwe Krüger über die transatlantischen Lobbyvereine  die erst auf der Anstaltstafel und dann vor Gericht für Furore sorgten. Dieter Plehwe über die Mont Pelerin Society und der Arbeitsrechtler Wolfgang Däubler über die Leiharbeit und wie dank des Aufrufes der Anstalt inzwischen diverse Prozesse laufen, an deren Ende womöglich die deutsche Leiharbeitsgesetzgebung  kippen könnte .

Welche 3 Wörter umschreiben das Buch optimal?

Satirisch, politisch, multiperspektivisch

Oder Kontigenz, Ironie und Solidarität

Wird es eine Fortsetzung geben?

Höchstens wenn wir noch fünf Jahre durchhalten.

Was lesen Sie privat gerne/aktuell?

Ich lese meistens immer gerade die Fachartikel und Sachbücher, die ich für die nächste Sendung brauche. Ich leide unter einer chronischen  Belletristik Schwäche. Zu Romanen komme ich immer nur in den Sommerferien. Aktuell liegt bei mir ein neues Buch von Julia Fritzsche auf dem Nachtisch: Tiefrot und radikal bunt: Für eine neue linke Erzählung. Ansätze dazu gibt es längst auch in der Praxis. Auch wenn  meist nur vom Rechtsruck die Rede ist. Sie beschreibt Bewegungen und Ideen, die auf die Probleme der Gegenwart  fortschrittliche Antworten geben bei Pflege, Wohnen oder Migration.

 

 

 

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