Börsenverein Wirtschaftspressekonferenz: Stationärer Buchhandel legt zu, Internet-Buchhandel schwächelt

Matthias Heinrich, Heinrich Riethmüller,
Alexander Skipis und Claudia Paul

Auf der heutigen Wirtschaftspressekonferenz des Börsenvereins des den Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main wurden die Branchenzahlen 2013 vorgestellt [mehr…]. Bemerkenswert: Ein leichtes Umsatzplus von 0,9 Prozent im stationären Buchhandel auf 4,64 Milliarden Euro. Und noch bemerkenswerter der Satz von Alexander Skipis: „Amazon hat die rote Linie überschritten“.

Eine mögliche Beschwerde beim Bundeskartellamt zum Marktgebaren von Amazon, das Freihandelsabkommen und die Kampagne Vorsicht Buch! – auf der Wirtschaftspressekonferenz des Börsenvereins ging es diesmal längst nicht nur um die Zahlen der Branche.

Wie es denn nun mit Amazon und den rüden Konditionenverhandlungen weitergeht? Das war eine Frage, die die Journalisten im Frankfurter Haus des Buches am heutigen Dienstag bei der Wirtschaftspressekonferenz des Börsenvereins brennend interessierte. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis berichtete, dass der Börsenverein derzeit eine Beschwerde beim Kartellamt prüfe. Das Kartellamt müsse jedoch von sich aus Ermittlungen anstellen, „wir stellen detailliert den Sachverhalt und unsere Bewertung dar“.

Dass Amazon die Rabatte für E-Books massiv erhöhen wolle und dabei rigide vorgehe, bezeichnete Skipis als „Missbrauch der Marktmacht“. Der Internetgigant unterlege die Verhandlungen mit verschiedenen Maßnahmen, darunter der zurückhaltende Versand einzelner Printbücher oder fehlende Kaufbuttons: „Damit hat Amazon die rote Linie überschritten“

Claudia Paul, Pressesprecherin des Börsenvereins, zeigte zu Beginn der Pressekonferenz einen kleinen Film unter dem Titel „Was ist eine Buchhandlung?“. Kinder erklären mit eigenen Worten, was sie darunter verstehen.

„Wir sind gut gelaunt in unserer Branche. Erstmals seit Jahrzehnten können wir einen Umsatzzuwachs im stationären Buchhandel verzeichnen“, freute sich Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Das zeige, dass der digitale Wandel gut gemeistert werde. Die Vorteile des stationären Buchhandels spiegelten sich in den Zahlen wider. „Viele gehen von Amazon weg und kommen in die Buchhandlung zurück“, berichtete Skipis. Ein Umdenken habe begonnen, die Kunden erkennen zunehmend die Konsequenzen des Online-Handels.

Als Ursachen für die erfolgreiche Entwicklung nannte der Hauptgeschäftsführer
– die Kampagne Vorsicht Buch!, die mit einem Aufmerksamkeitsgrad von vier Prozent „in der ersten Liga mitspielt“. Damit sei auch eine Bewegung im stationären Sortiment ausgelöst worden.

– Die im März 2013 begonnene Diskussion um die Arbeitsbedingungen bei Amazon habe viele zum Nachdenken gebracht.

– Das Internet sei von vielen Buchhändlern als Chance begriffen worden und werde zunehmend für eigene Auftritte genutzt.

Alexander Skipis kündigte ein neues Plakat „Wir sind der Buchhandel“ im Rahmen der Kampagne an.

„Wir hoffen, dass diese positive Entwicklung auch 2014 mitgenommen werden kann“, äußerte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins und geschäftsführender Gesellschafter der Osianderschen Buchhandlung. Die Unsicherheit des Buchhandels, vor fünf Jahren noch ein oft erwähntes Thema, sei einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. Darin sei der Buchhandel Vorbild für den gesamten Einzelhandel, der schwer mit der Online-Konkurrenz zu kämpfen habe. „Über 2000 Buchhandlungen in Deutschland haben einen guten Online-Auftritt“, erklärte Riethmüller und sah darin auch einen Grund, dass sich die Vorzeichen im Verhältnis von Sortiment zu Versand verändert haben.

In den Warengruppen des vertreibenden Buchhandels belegt die Belletristik mit 33,8 Prozent Umsatzanteil weiter den ersten Platz. Auch Kinder- und Jugendliteratur (15,8 Prozent) ist nach wie vor gefragt. Erstaunlicherweise konnten Ratgeber um 5,5 Prozent auf 14,5 Prozent zulegen. Selbst die bereits verloren geglaubte Reisesparte holte um 3,5 Prozent auf. Anders sieht es bei Naturwissenschaften, Medizin, Informatik und Technik aus; hier ist ein Umsatzrückgang um 1,9 Prozent auf 4,3 Prozentanteile zu verzeichnen.

E-Books haben 2013 einen Umsatzanteil von 3,9 Prozent – in den USA liegt er bei 20 Prozent. „Die auch in Deutschland befürchtete Explosion ist damit ausgeblieben, aber E-Books legen weiter zu“, kommentierte Riethmüller.

Matthias Heinrich, Schatzmeister des Börsenvereins und Geschäftsführer der Brockhaus Kommissionsgeschäft GmbH, erläuterte eine mit der GfK erarbeitete Studie zum E-Book, für die Buchhändler, Verleger und Endverbraucher zwischen 2011 und 2014 befragt wurden. Danach stieg der Absatz von E-Books am Publikumsmarkt 2013 um über 60 Prozent auf 21,5 Millionen Exemplare. 3,4 Millionen Menschen erwarben E-Books. 79 Prozent der Sortimente bieten E-Books an, die Ängste, dass damit Umsatzeinbußen hingenommen werden müssten, sind geringer geworden. Im Gegenteil, der Buchhandel hofft auf neue Zielgruppen.

Während der Käufer 2010 für ein E-Book noch durchschnittlich 10,71 Euro zahlen musste, lag der Durchschnittspreis 2013 bei 7,58 Euro.
„Die Akzeptanz für gedruckte Bücher bleibt hoch. Zunehmend wechseln die Leser zwischen Print und E-Book“, stellte Heinrich fest. Nur beim Vorlesen für die Jüngsten ist das nicht so: hier bevorzugen 75 Prozent das Buch zum Blättern und Zeigen.

70 Prozent der befragten Leser ist es wichtig, E-Books auf mehreren Geräten lesen zu können. Das stelle gerade kleinere Verlage vor hohe Investitionen, wenn sie E-Books in ihre Programme aufnehmen wollen.

Die meisten E-Books stammen aus dem allgemeinen Sortiment, sind also „Lesefutter“. Sie werden überwiegend online verkauft, allerdings nicht nur über die bekannten Versandhändler, sondern auch über die Webshops der Buchhandlungen.

85 Prozent der Verlage bieten E-Books günstiger an. „Dabei ist es ein Fehlglaube der Kunden, dass E-Books ein ohnehin vorliegendes Zweitprodukt darstellen würden“, bemerkte Heinrich.
Zwei Drittel der Verlage nutzen „weiches“ DRM, die Autoren seien jedoch überwiegend dagegen.

„Die Branche befindet sich hinsichtlich weltpolitischer Entwicklungen in einer nicht einfachen Situation“, schätzte Alexander Skipis die Lage ein. Gegenwärtig bemühe sich die EU in Bezug auf die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA um etwas mehr Transparenz. „Die Buchpreisbindung scheint noch nicht auf dem Tisch gewesen zu sein“, sagte Skipis. Dennoch wäre das Abkommen unheilvoll für die kulturelle Entwicklung in Deutschland.

Weiter Diskussions- und vor allem Klärungsbedarf herrsche zu den Amazon-Methoden. Gegenwärtig prüfe der Börsenverein einen Gang zum Kartellamt. „Die rote Linie ist von Amazon überschritten worden“, urteilte Skipis. Von den Methoden des Versandhändlers seien Verlage, Buchhandlungen und Autoren gleichermaßen betroffen, Skipis sieht die Vielfalt der Buchbranche gefährdet.

2013 kamen 81.919 neue Titel auf den Markt, knapp 2000 mehr als 2012: Eine der wichtigen Branchenzahlen, die wie immer im Scheckkartenformat vorliegen. Das gedruckte Kompendium „Buchhandel in Zahlen“ wird im August versandt.

„Ein Ausblick auf das Jahr 2014 ist schwierig“, antwortet Heinrich Riethmüller auf eine entsprechende Frage. Nach einem schwachen März und einem starken April könne man für den Mai mit einem leichten Minus rechnen. „Problematisch ist außerdem die Fußballweltmeisterschaft, denn wer geht schon noch kurz vor der Übertragung der Spiele in die Buchhandlung?“, stellte er fest.
Das Hauptgeschäft des Jahres werde sowieso im zweiten Halbjahr gemacht. Da müsse man abwarten.

JF

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