Schlaglicht zur KNV-Insolvenz: „Wir wollen das Barsortiment und den Markt stützen und damit nicht zuletzt uns selbst auch“  

Dass auch Brockhaus wieder an KNV liefert war Anlass für Fragen an BrockhausGeschäftsführer Matthias Heinrich. Was kann er (Stand heute) sagen? Wir  haben ihn (auch in seiner Eigenschaft als Schatzmeister des Börsenvereins) um seine persönliche Einschätzung der Lage gebeten.  

Matthias Heinrich

BuchMarkt: Sie und die Wettbewerber bekunden Solidarität mit KNV. Und  hinsichtlich Schuldzuweisungen ist es verblüffend ruhig. Das hätte auch ganz anders laufen können. 

Matthias Heinrich: KNV ist ein wesentlicher Bestandteil der Branche und vor allem der Branchenlogistik. Unter dem Dach von KNV agieren Unternehmen mit vielfältigen Geschäftsmodellen und Funktionen, die nicht so einfach sofort und eins zu eins zu ersetzen sind. Deshalb wünschen sich viele Branchenbeteiligte, nicht nur im Handel und in den Verlagen, dass das Unternehmen fortgeführt wird, wie und von wem auch immer. Außerdem fühlt man mit der Belegschaft und hinzu kommt die lange Tradition, für die sich aber üblicherweise im Ernstfall niemand etwas kaufen kann.

Ich habe nach Schuldzuweisungen gefragt, warum gibt es sie nicht?

Ja, warum gibt es keine Schuldzuweisungen? Ich zum Beispiel gebe nichts auf Gossip und Invektiven helfen uns jetzt allen nicht weiter. Es kämpft gerade jeder von der Insolvenz betroffene Unternehmer, unbeschadet und möglichst verwerfungsfrei aus der Nummer wieder herauszukommen. Wenn es Schuldige gibt, dann haben diese sicher selbst am meisten mit der Situation zu kämpfen. In der Haut der Verantwortlichen will keiner stecken, der selbst kritische Situationen im Unternehmen hat durchstehen müssen. Niemand möchte jetzt mit dem Management von KNV tauschen müssen. Ich weiß aus eigener Erfahrung selbst: In einem Familienunternehmen geht es auch um persönliche Befindlichkeiten und emotionale Betroffenheit. Mitleid ist sicher auch fehl am Platz, aber Schmähungen stehen niemandem zu. Wir als Auslieferung liefern natürlich wie die anderen Wettbewerber wieder mit unseren Verlagen an KNV, weil wir (a) das Barsortiment und den Markt stützen wollen und (b) nicht zuletzt uns selbst auch.

Viele Branchenteilnehmer stöhnen über den Regelungsaufwand als Folge der KNV-Insolvenz. Ärgerlich sind auch die außerplanmäßigen Kosten, die überfallartig neu auf Beteiligte zukommen. Können Sie dazu Beispiele nennen!   

Seit 14.02. sind zum Beispiel bei uns im Haus wegen der Aggregatorenfunktion der Auslieferung zwei Mitglieder aus der obersten Führungsebene fast ausschließlich damit beschäftigt, die Folgen des Tsunamis mit seinen Auswirkungen auf die angeschlossenen Verlage zu verarbeiten bzw. zu bewältigen. Nach einer kurzen allgemeinen Schockstarre schloss sich sofort ein zwar besonnenes, umsichtiges, aber auch extrem zeitaufwändiges Krisenmanagement an. Das fing an bei der eigenen Geltendmachung von Ansprüchen oder der Unterstützung für Verlagskunden zur selben Thematik, setzte sich in Hilfeleistung bei der Regulierung der Folgen und last but not least in betriebswirtschaftlicher Beratung fort. Wir vereinen in der Unternehmensleitung vielfältige Ausbildungs- und Studienhintergründe, leider aber keinen Juristen. Gerade sind Bankfachwissen, Kenntnisse in Betriebswirtschaftslehre, Verlagsmanagement und langjährige Erfahrungen besonders gefragt.

Damit sind Sie nicht allein…

Ja,  natürlich geht es den Kollegen aus dem Wettbewerb ähnlich. Wir kommen zwar nicht an unsere Grenzen, aber es ist gerade schon happig. Über unseren Grundnutzen der Dienstleistung nehmen die Verlagskunden uns gerade als Kompetenzzentrum mit Mehrfachnutzen wahr. Das ist schön, herausfordernd, aber auch extrem anstrengend. Da wir keine Juristen und Steuerberater sind, müssen wir uns jedoch hier Hilfestellung einkaufen. Das kostet fallbezogen jetzt Geld, das wir ohne die KNV-Insolvenz nie hätten ausgeben müssen. Auch wenn wir versuchen, die Kosten zu sozialisieren: In Vorleistung  müssen wir völlig ohne eigenes Verschulden gehen. Auch das hat niemand wirklich gebraucht.

Kurz vor dem Gespräch haben Sie mir by the way gesagt, man könne jetzt spüren, dass es ohne Multi-Tasking-Kompetenz nicht geht und die Lebensqualität die letzten Tage gelitten hat. Woran kann man das festmachen?  

Wir stehen kurz vor der Leipziger Buchmesse, auch die will vorbereitet sein. Je nach Geschäftsjahresende stehen Kollegen aktuell mitten in den Jahresabschlussarbeiten. Um das Tagesgeschäft mit all seinen Aufgaben und Verpflichtungen muss man sich auch kümmern. Aktuell befriedigen wir nicht nur die zusätzlichen Bedürfnisse unserer Kunden, sondern auch die unserer Mitarbeiter, die sich ebenfalls Sorgen machen. Wenn es jetzt schon KNV erwischt hat, das Unternehmen mit dem Masterplan 4+2, bleiben auch kleinere Anbieter in Zukunft auf der Strecke, also Nr. 5 bis n? Hämisch könnte man sagen, man klopft bei 4 an, aber das ist nicht die Antwort, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  hören wollen. Speziell für die Banken sind Worte wie Forderungsausfall oder Deckungsgrad Termini, bei denen die Alarmglocken schrillen. Obwohl die Banken sicher für das schlussendliche Kippen von KNV nicht ganz unschuldig und zum Teil nun selbst Betroffene sind. Es gibt wahnsinnig viel Erklärungsbedarf, Vertrauensbildung muss dringend geleistet werden.

Ich hatte das auch der FAZ gesagt: Der Kollaps von KNV wurde nicht durch Brancheprobleme ausgelöst, aber der wird jetzt zum Problem für die Branche.

Wir sind alle Teile einer eigentlich funktionierenden Branche, die jetzt in Misskredit geraten könnte. Die Banken müssen jetzt in Schräglage kommende Verlage und Buchhandlungen verstehen und ggf. sogar helfen, nicht fallen lassen. Diesen Dominoeffekt aus der KNV-Insolvenz müssen wir verhindern, den lawinenartigen Abgang anderer eigentlich lebensfähiger Verlage wegen der außerordentlichen Auswirkungen der KNV-Insolvenz auf das eigene Verlagsgeschäft.

Sie sprachen gerade von Lebensqualität …

…. unter der ich als Geschäftsführer eines Unternehmens sicher auf vergleichsweise hohem Niveau derzeit stöhne, deshalb erwarte ich kein Mitgefühl. Aber wenn die Mitarbeiter einem schulterklopfend ein Achtsamkeits- Milky-Way auf den Tisch legen und der Kollege einem um 22:30 Uhr abends per WhatsApp eine kreative Problemlösungsidee zukommen lässt, die man bis zum Arbeitsbeginn am kommenden Tag in eine druckreife Formulierung an die Partnerverlage umsetzt, dann sind das schon außergewöhnliche Umstände und schräge Arbeitszeiten. Wer auch immer diese Zusatzbelastung zu verantworten hat, so viele Runden kann er auf den Buchtagen gar nicht schmeißen, um den ausgelösten Stress bei mir und anderen Branchenkollegen wieder zu mildern.

Für den Schatzmeister des Börsenvereins sind die Entwicklungen der letzten Monate auch keine reine Freude. Fusion Thalia/Mayersche, KNV-Insolvenz, als Folge des Domino-Effekts womöglich viele Verlage in Schräglage. Laufen Sie jetzt mit dem Klingelbeutel durch Deutschland?   

Das ist wohl korrekt, da könnten Mitgliedsbeiträge wegfallen, die eigentlich dringend gebraucht werden. Man kann ja auch nicht ständig Beitragserhöhungen durchsetzen. Nehmen wir das Beispiel eines möglichen Wegfalls des KNV-Beitrags. Tatsache ist, dass der Ausfall der Beitragshöhe von systemrelevanten und damit in der Regel auch großen Unternehmen den Haushalt des Börsenvereins auf einen Schlag unmittelbar betrifft. Wir stehen gerade mitten in den Budgetarbeiten des Verbands für 2020. Hier gilt es jetzt, angemessen zu reagieren und sich optional und mit Handlungsvarianten auf den neuen zu erwartenden Beitragseingang entsprechend einzustellen. Manchmal hört man die ketzerische Aussage, dass gerade große Unternehmen den Verband gar nicht brauchen. Die Annahme greift aus meiner Sicht zu kurz. Vielleicht können wir Herrn Wahl dafür gewinnen, KNV als Mitglied im Börsenverein halten zu wollen, denn das Unternehmen profitiert gleichermaßen vom Output der Lobbyarbeit wie der Verband vom kompetenten Input seiner Mitglieder. Gerade jetzt kann KNV auf eine große Branchensolidarität setzen. Ohne anmaßend wirken zu wollen, für den Insolvenzverwalter kann es in den nächsten Monaten nur hilfreich sein, Stimmen aus der Branche zu hören und die Kenntnisse, Kompetenzen und daraus abgeleitet die Unterstützung von Börsenvereinsmitgliedern auf seinen hoffentlich erfolgreichen Weg im Insolvenzverfahren mitzunehmen.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (1)
  1. Die Insolvenz von KNV ist sehr bedauerlich. KUV hat mir seinerzeit, beim Oelschock, als der Umsatz innert weniger Wochen um fast 30% einbrach, sehr geholfen. Während das Buchzentrum in Olten mir nach ca. 15 Tagen Überfälligkeit einer Rechnung durch eine Angestellt ausrichten liess: Sofort bezahlen, immer in Zukunft pünktlich ansonsten Vorfaktura, hat KUV mit mir das Gespräch gesucht (ich glaube der Mann hiss Hack) und mich gefragt, wie sie mir helfen könnten. Mein Umsatz in Olten fiel darauf schlagartig sehr tief und der bei KUV dementsprechen fiel höher aus. Darum wünsche ich KNV rasch einen Weg in ruhigere Gewässer und wünsche ihnen nur das Beste.

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