„Unglaubliche erzählerische Kraft“ Verleihung des Uwe-Johnson-Preises an Ralf Rothmann

Eine gelungene Preisverleihung gestern Abend in Berlin. In der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern nahm der Schriftsteller Ralf Rothmann vor rund 120 Vertretern aus Medien und Politik den mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis entgegen. Ausgezeichnet wurde er für seinen aktuellen Roman Der Gott jenes Sommers, der im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Ralf Rothmann konnte sich damit gegen mehr als 100 Mitbewerber durchsetzen.

Ralf Rothmann

Im Gesamtwerk des Autors spiele die unbestechliche Erinnerungsarbeit eine zentrale Rolle, heißt es in der Begründung der Jury. In seinem neuen Roman zeige Rothmann aus der Sicht eines dreizehnjährigen Mädchens, dass Krieg nicht allein Tod und Verletzung, Entbehrung und Angst oder die Sorge um die Angehörigen bedeuten. „Es geht ihm nicht nur um die Darstellung der äußeren Gewalt. Rothmann beschreibt eindrucksvoll, wie der Krieg die Seele angreift und die ‚ethische Sicherheit’ des einzelnen bedroht.“

Laudatorin Julia Encke, die Leiterin des Ressorts Literatur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, lobte Ralf Rothmanns unglaubliche erzählerische Kraft, mit der er den Lesern zeigt, welche Spuren der Krieg hinterlässt. „Was er aufspürt, ist, was der Krieg mit uns macht und gemacht hat, ohne dass wir ihm ausgesetzt waren oder ihn erlebt haben“, sagte sie. Der Autor schreibe als Chronist, mit großer Genauigkeit und Nüchternheit, ohne Pathos – was er mit dem Namensgeber des Preises, Uwe Johnson, gemein habe.

Am Anfang von Der Gott jenes Sommers stehe aber die Literatur, denn die Protagonistin werde lesend eingeführt. „Was vermag Literatur in Zeiten des Krieges, das ist bei Ralf Rothmann gleichermaßen die Frage wie die, was Literatur vermag, wenn der Krieg zu Ende ist.“ Rothmann finde genau die Worte, die das Vakuum, das das Schweigen der Väter und Mütter hinterlässt, füllen.

„Der Preis wird mir helfen, mir und meiner Arbeit treu zu bleiben. Und die Laudatio wird mir helfen, mich und mein Werk besser zu verstehen“, so Ralf Rothmann in seiner eindrucksvollen Dankesrede, in der er Möglichkeiten der Literatur und des Schreibens aufzeichnete. „Dass auch das Schreiben Handwerk sei, Arbeit mit Sprache, hat mir nur selten eingeleuchtet; die richtigen Wörter kommen oder sie kommen nicht, bloßer Fleiß oder gar Mutwillen richten da wenig aus. Doch in einem, in einem Wesentlichen, deckt sich die harte Arbeit des Handwerkers mit der des Dichters: Wenn sie gut werden soll, braucht es Liebe, nicht mehr und nicht weniger.“

Rothmann machte sich zudem Gedanken über die aktuelle politische Lage in Deutschland. Die deutsche Sprache heute zu sprechen, in deutscher Sprache Verse, Romane, Artikel oder Reden zu schreiben heiße, jedes Wort den Millionen zu schulden, die es nie mehr sagen, nie mehr hören, nie mehr lesen können. „Da verbietet sich also so etwas wie Stolz, da ist ein ‚gesundes nationales Selbstbewusstsein‘ nichts anderes als Knochenfraß. Und wer trotz der Toten einen ‚Schlussstrich‘ oder, wie neulich geschehen, ‚eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad‘ fordert, zertrampelt ihre Gräber.“

Trotz allem bleibe Literatur eine unserer besten Möglichkeiten, „eine Welt, gegen die Welt zu halten“, so Rothmann. „Literatur ist Utopie, sonst gäbe es sie gar nicht.“

ml

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