Binooki Verlag meldet Insolvenz an Verlegerin Selma Wels stellt Strafanzeige wegen Betrugsverdachts

Der binooki Verlag muss Insolvenz anmelden. Damit ist der Verlag, dessen Verlegerin Selma Wels gemeinsam mit ihrer Schwester Inci Bürhaniye 2017 als bisher einzige Vertreterinnen der europäischen Verlagsbranche mit dem renommierten Kairos-Preis ausgezeichnet wurden, Vergangenheit.

Inci Bürhaniye und Selma Wels (r.)

Seit dem 21. Februar 2020 kann Selma Wels nicht mehr als Verlegerin ihres binooki-Verlags tätig sein, den sie im Juni 2011 in Berlin gemeinsam mit ihrer Schwester gründete. An diesem Datum musste Wels bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt a. M. Strafanzeige wegen Betrugs nach §263 StGB stellen – und zur Spurensicherung alle relevanten Unterlagen an die ermittelnden Behörden übergeben. Am 10. März 2020 reichte Wels‘ Anwalt den Insolvenzantrag für die binooki GmbH ein, damit Wels sich als Geschäftsführerin nicht strafbar macht. In seiner Pressmitteilung schildert der Verlag den Ablauf folgendermaßen:

Im Juni 2019 entschieden sich die Gründerinnen zum Verkauf des Verlages, um den nächsten Schritt für binooki als Unternehmen zu ermöglichen. „In erster Linie wollte ich, dass der Verlag zukunftsfähig und wirtschaftlich stabil aufgestellt ist. Unabhängig davon, ob ich weiterhin ein Teil des Ganzen sein würde oder nicht, ging es mir primär darum, dass binooki bestehen und wachsen kann“, blickt Selma Wels zurück.

Nach Gesprächen mit diversen Kaufinteressenten, gemeinsam mit Experten für Firmenübernahmen, ging im November 2019 schließlich der Zuschlag an einen Käufer, der angab, den Verlag als Ganzes zu übernehmen, Selma Wels als Geschäftsführerin anzustellen und gemeinsam mit ihr den Verlag weiter auszubauen – mit dem Schwerpunkt Literatur von Frankfurt a. M. aus und unter der Leitung von Selma Wels, und in den Bereichen Kunst und Philosophie von einem Berliner Büro aus mit einem weiteren Geschäftsführer.

Mitte Dezember fand der Notartermin statt, der Kaufvertrag wurde unterschrieben, als Zahlungsziel für die Kaufsumme wurde der 10. Januar 2020 festgelegt. Doch zu einem Geldtransfer kam es nie, auch wenn der Kontakt bis in den Februar 2020 zwischen dem angeblichen Käufer und binooki nie abriss. Als Mitte Februar die neue Gesellschafterliste beim Amtsgericht Frankfurt a.M. eingereicht werden musste, setzt Selma Wels gemeinsam mit ihrer bisherigen Mit-Gesellschafterin und den Beratern ein schriftliches Ultimatum. Da war der Käufer unter der von ihm auch beim Notar hinterlegten Anschrift plötzlich nicht mehr zu erreichen.

Der nächste Weg führte statt ins neue Büro des binooki-Verlags zur Polizei Frankfurt a. M. und weiteren Ermittlungsbehörden. Mittlerweile ist bekannt, dass der Kaufinteressent ein aktenkundiger und vorbestrafter Betrüger ist. Durch seinen an binooki verübten Betrug tritt nun ein, was im Herbst vergangenen Jahres und auch noch im Winter nie zur Diskussion stand: die Insolvenz des Unternehmens.

„Die Motivation ist unklar. Wirtschaftliche Motivation an diesem Betrug kann es kaum geben – denn er hat keinerlei wirtschaftlichen Vorteil daraus gezogen. Ob die Tat politisch oder rassistisch motiviert ist, kann man derzeit nicht sagen“, so Wels. Und schildert die Konsequenzen, die bereits eingetreten sind: „Ich habe meine Bewerbung um den Deutschen Verlagspreis 2020 zurückgezogen, da ich den Insolvenzantrag stellen muss. Hätte ich den Preis erhalten, hätte ich mich des Subventionsbetrugs schuldig gemacht. Eines meiner Projekte mit jungen Autor*innen musste ich leider auch auf Eis legen. Einen Tag vor Drucktermin überschlugen sich die Ereignisse rund um den eigentlich als so sicher erachteten Kauf. Das Buch sollte zur Leipziger Buchmesse erscheinen. Aufgrund der ungewissen Zukunft konnte ich nicht verantworten, dass ein so tolles Projekt vielleicht in einer Insolvenzmasse verschwindet und habe es gestoppt.“

Für Selma Wels ist mit dem Insolvenzantrag der binooki-Verlag Geschichte – sie wird jedoch weiterhin Geschichten erzählen, wichtigen Themen und Personen eine Plattform geben, als Verlegerin, aber auch darüber hinaus: „Im Frühjahr werde ich erst einmal mit Anwälten, Gerichten, ermittelnden Behörden beschäftigt sein. Es gibt aber auch erfreuliche Dinge: Ich freue mich sehr, auf dem einen oder anderen Diskussionspanel sitzen oder es moderieren zu dürfen.“ Und die Pläne für die Zeit nach binooki sind schon konkret:

„Schon seit einiger Zeit ist es mir nicht nur ein Bedürfnis, sondern mittlerweile auch eine Notwendigkeit, einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel herbeizuführen. Das gedenke ich auch weiterhin mit Veröffentlichungen, hoffentlich spätestens bis zur Frankfurter Buchmesse 2020, zu tun, weil: Ich liebe diesen Job. Er ist zu einem Teil meiner Identität geworden, den ich nicht missen möchte. Vielfältige Stimmen aus Deutschland literarisch zu Wort kommen zu lassen wird in Anbetracht des aktuellen Diskurses aber nicht reichen. Es muss eine interkulturelle Transformation in der Gesellschaft stattfinden und auf diesem Weg kann ich begleiten, weil ich aus Erfahrung weiß, wovon ich spreche. Dieses Angebot wird sich in erster Linie an Kulturinstitutionen richten. Menschenrechte sind auf Kultur angewiesen. Menschenrechte erfahrbar zu machen, ist Aufgabe von Kulturschaffenden. Da muss man ansetzen. Nicht als Ausnahme, sondern als dauerhaftes Programm.“

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